Top 10 2006. Platz 1: Chris Barron – Pancho And The Kid

Dass mein persönliches Album des Jahres eine CD-R wird, die in lumpiger gelber Papierhülle daherkommt, mit vom Künstler selbst gestalteter Beschriftung und einem kleinen kopierten Einlege-Zettel (siehe Foto), hatte ich Ende Juni irgendwie befürchtet. Dennoch hoffte ich, dass diese CD-R bis zum Schreiben dieser Zeilen endlich als reguläres Album vorliegen würde, eine „echte“ CD also, gepresst, mit Cover und Labelcode und so… Aber Pustekuchen. Pancho And The Kid, das neue Soloalbum von Spin Doctors-Frontmann Chris Barron liegt leider immer noch nicht als offizielle Veröffentlichung vor. Nach wie vor verkauft der Sänger selbstgemachte Kopien davon auf seinen Soloshows und vertröstet auf 2007, wenn’s um die CD geht. Insofern hat das jetzt vermutlich was von „Ällerbätsch, ich hab da ne CD, die sonst keiner hat, und die auch noch in der Erstauflage…“ und genau deshalb habe ich umso länger darüber nachgedacht, ob diese CD tatsächlich auch unter normalen Umständen meine Jahresbestenliste 2006 anführen würde.

Ja, würde sie. Selbst, wenn dieses Album in jedem ALDI-Grabbeltisch für 2 Euro 50 verschleudert würde (was mir, zugegeben, das Herz bräche), wäre diese CD mein Album des Jahres. Chris Barron war nie besser, und das schreibt einer, der diesen Mann ohnehin für den besten Songwriter unserer Zeit hält. „Pancho And The Kid“ ist eine Sammlung von elf Songs, die Barron mit seinem Freund Jeff Cohen geschrieben hat. Lieder über gebrochene Herzen, über glückliche Momente, über Träume, große Gefühle und bizarre, kleine Beziehungskisten. Das ist purer Pop, der gar nicht edgy oder indie sein will. Grandiose, perfekte Melodiebögen; weise, dabei aber so gar nicht altkluge Lyrics; Lieder, die musikalisch zwischen Rock, Country, Blues und Folk pendeln. In den heitersten Momenten möchte man einstimmen in den herrlich leichten Nanana-Chor bei „Heartbreak Boulevard“ oder sich mit Chris freuen: „If you love me, I must be the king…“. Um dann bei „Can’t Kick The Habit“ (das bereits auf dem 2005er Spin Doctors-Album „Nice Talking To Me zu hören war, hier aber in einer wesentlich dramatischeren, streicherlastigeren Version daherkommt) ob all der Melancholie feuchte Augen zu bekommen, oder aber, überrascht von der plötzlichen Tragik und unerwarteten Dramatik, bei „Shades Of Yesterday“ nur noch be- und entgeistert vor der eigenen Stereoanlage zu stehen und kaum zu begreifen, was hier großes auf einen hereinbricht.

Barron und Cohen haben sich aufgemacht, ein paar coole Songs zu schreiben. Ihnen ist mal eben das perfekte Popalbum gelungen, das mit dem Titel „Album des Jahres 2006“ eigentlich nur unzureichend gewürdigt wird. Wenn ich für 2007 drei Wünsche frei hätte, dann wünschte ich mir erstens, dass alle Welt „Pancho And The Kid“ zu hören bekäme. Zweitens, dass mindestens neun dieser elf Songs Platz 1-Singles würden. Und drittens: dass Chris Barron nie, nie, nie die Lust am Musikmachen verliert.

Top 10 2006. Platz 2: Regina Spektor – Begin To Hope

Was für ein tolles Gefühl, wenn man zum ersten Mal eine Platte hört, und wirklich alles stehen und liegen läßt und nur noch Ohren für die Musik hat. Wenn ringsumher alles unwichtig wird, und man begeistert lauscht und sich immer und immer wieder fragt, wie diese Zauberin das wohl macht. Regina Spektor hat das in diesem Jahr bei mir geschafft – und bis jetzt bin ich noch immer nicht wirklich in der Lage, viel nebenbei zu machen, wenn Begin To Hope läuft. Lesen? Fehlanzeige. Telefonieren? Keine Chance. Aufwaschen? Gerade so.

Spektors Musik ist zu kostbar, um sie nebenher zu hören. Die Mitzwanzigerin mit russischen Wurzeln, wohnhaft in New York, mit Antifolk- und Strokes-Support-Act-Hintergrund hat ein mutiges, visionäres Popalbum geschaffen. Ihr charakteristischer, lockender Gesang, dieser Humor, der in allem mitschwingt. Mal quirlig-aufgeregt, mal naiv-leidend… „Begin To Hope“ ist einfach klasse: „Fidelity“, „On The Radio“ und „Hotel Song“ sind geradezu fiese Ohrwürmer, und „Samson“ oder „Lady“ lassen mich auch nach dem x-ten Mal hören einfach nur vor Ehrfurcht den Kopf schütteln. Fantastisch, das alles.

Mein Album des Jahres, wäre da nicht…

Top 10 2006. Platz 3: Ben Kweller – Ben Kweller

Ben Kweller hat auf seinem 2006er Album die mit Abstand gelungensten Songs seiner bisherigen Karriere verewigt. Er erzählt in ihnen Geschichten, die mich berühren. Die mir Gänsehaut machen, mich zum Lachen bringen oder gelegentlich wissend lächeln lassen. Er findet originelle Bilder, er wird nie pathetisch, er nimmt sich selber auch mal nicht so ernst.

Umso ernster ist es Kweller mit seiner Musik. Unfaßbar, dass er dieses Meisterwerk von vorne bis hinten allein eingespielt hat. Und dabei klingt es nämlich nicht so wie etwa ein schlechtes Lenny Kravitz-Album. Der nimmt auch immer alles alleine auf und hinterher klingen die Platten derart uninspiriert, dass man meinen möchte, Kravitz, der gelangweilte Retrorock-Millionär, hätte sich sein einst vorhandenes Gespür für Melodien und Songwriting über die Jahre restlos weggekokst.

Von solchen peinlichen Alleingängen ist Kweller meilenweit entfernt: das hier lebt alles, atmet; man glaubt, einer gut gelaunten Band zu lauschen, die sich freut, diese herrlich leichten Songs aufnehmen zu dürfen. „Sundress“ heißt einer, „Until I Die“ ein anderer, „This Is War“ der etwas ruppigere Schlußsong.

Überhaupt: so zuckersüß die Melodien auch sein mögen, so schmeichelnd die Backround-Gesänge klingen, so bestechend logisch die Arrangements auch wirken – Kwellers Album droht nie, in mainstreamige Beliebigkeit abzudriften. Kurz und gut: dem einst zum Wunderkind stilisierten Kweller ist ein reifes, aber alles andere als langweiliges Rock’n’Roll-Album gelungen, über dass ich mich sicher auch noch in vielen Jahren freuen werde. Since I was fifteen I have ran / everywhere you can run / I’m not done with my travelin‘ / so let’s run, let’s run, let’s run.

Na dann: Frohes Fest!

Auf die letzten drei Platten meiner Top 10 2006 muss die werte Leserschaft dieses Blogs noch ein paar Tage warten – ich rufe bis auf Weiteres erstmal eine Weihnachtspause aus. Euch allen, die Ihr mich regelmäßig oder gelegentlich in dieser dunklen Gasse des Internets besucht, schmettere ich ein „Frohe Weihnachten“ entgegen: schön, dass Ihr Euch gelegentlich hier vergnügt, bleibt mir auch künftig treu und kommt gefälligst, wenn Ihr nichts besseres vorhabt, morgen nach Werdau ins Fabrix!! 🙂

Frohe Weihnachten, everyone!

Top 10 2006. Platz 4: John Popper Project featuring DJ Logic

Wenn ich meinen Mitmenschen nur adäquat die Magie dieser Musik nahebringen könnte… In Sachen Blues Traveler werde ich ja immer gerne zum Missionar. Ich bin mir der Tatsache völlig bewußt, dass John Popper und seine Band hierzulande geradezu sagenhaft unbekannt und unpopulär sind. Ich bin mir ebenfalls der Tatsache bewußt, dass es selbst in den USA eine Weile mächtig uncool war, Blues Traveler-Fan zu sein…

Das war mir bis jetzt immer egal, und das wird es auch bleiben. Dennoch erfüllt es mich mit enormer Genugtuung, dass Blues Traveler (in ihrem Heimatland) ein Jahr hinter sich haben, das so erfolgreich war wie seit 1994 kaum eines: ausverkaufte Hallen, Auftritte auf namhaften Festivals, Fernsehauftritte etc. Ja, die Zeit seit der Veröffentlichung von „Bastardos!“ (2005) ist wirklich eine gute für die Band. Sie haben einer endlich wieder immer größer werdenden Öffentlichkeit gezeigt, wie relevant sie für die Jambandszene nach wie vor sind, sie stellen immer wieder unter Beweis, dass sie in der Lage sind, großartige Songs zu schreiben, für die andere sich ganze Körperteile abhacken würden. Und live sind sie einfach eine Macht, das attestieren dieser Band selbst ihrer gemeinsten Kritiker.

Umso besser, dass Sänger und Frontmann in diesen guten Zeiten die Zeit fand, seinem John Popper Project featuring DJ Logic ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit zu verschaffen. Neben einer Handvoll Liveshows schaffte es das Project endlich, mal ein Album rauszubringen. Und das ist grandios.

Schon seltsam, was für einen unglaublich schlüssigen, aber dennoch unbekannten, fremden Soundkosmos dem Hörer eine Band eröffnen kann, die aus DJ, Drummer, Bassisten, Sänger & Mundharmonika-Spieler besteht. Das Project-Album ist pure Magie – verträumte Jams treffen auf knallharte, konkrete, unmißverständliche Beats. Flehende Lyrics und Gesangseskapaden paaren sich mit bestechenden, treibenden, zwingenden Grooves. Großartige Musiker spielen großartige, tanzbare Musik, die nicht nur in die Beine geht, sondern die auch noch Melodien mitbringt, die sich konsequent ins Hirn fräsen. Ihr Sidos und Bushidos dieser Welt: das hier, das ist die ganz hohe Schule der Coolness. Und sie ist – im Gegensatz zu vielem anderen – kein bißchen peinlich. I think I get what the children mean…

Um den Bogen zu schließen: einer Band wie Blues Traveler, die in diesem Jahr sensationelle Liveshows gespielt hat und mit einem Selbstbewußtsein auftritt, dass lange verdient ist und ebensolange vermißt wurde, und die es sich leisten kann, zwei Fünftel mal eben für ein Weltklasse-Sideproject auszuleihen, steht eine strahlende Zukunft bevor. Dessen bin ich mir spätestens jetzt absolut, absolut sicher.

Top 10 2006. Platz 5: Ben Harper – Both Sides Of The Gun

Am Anfang war die völlige Euphorie. Das, was Ben Harper mit „Both Sides Of The Gun“ ablieferte, hat mich bei den ersten paar Durchgängen schlichtweg umgehauen. Dann kamen die Zweifel. Gab es doch andere Harper-Stücke, die mich eine Zeit lang einfach viel mehr berühren wollten als die Sachen von eben jenem Album. War „Both Sides…“ vielleicht doch nicht so gut, so epochal, wie ich anfangs dachte?

Dann kam das Konzert. Ben Harper im Berliner Tempodrom, das wurde für mich zum unangefochtenen Konzerthöhepunkt des Jahres. Was für eine Performance! Was für eine Hingabe, was für eine Leidenschaft. Dieses radikale Musikmachen, dieses Sicheinendreckumkonventionenscheren, dieses Gegenwärtigsein – selten hat mich ein Konzert so tief berührt wie das von Ben und seinen Criminals, und dabei war es noch nicht mal mein erstes Harper-Konzert.

Jenes Konzert hat massiv dazu beigetragen, dass ich mir „Both Sides Of The Gun“, das Album, das ich anfangs liebte und an dem ich zwischenzeitlich zweifelte, so richtig erschließen konnte. Und ja, auch neun Monate nach seiner Veröffentlichung knn ich mit bestem Gewissen sagen: Harper hat hier ein mehr als solides neues Album vorgelegt. Das Konzept der zwei Album-Teile, die sich ausschließen und ergänzen – Geschmackssache. Aber das, was man auf beiden CDs hören kann, ist einfach schlüssig, aufrichtig und leidenschaftlich, in den leisen Momenten ebenso wie in den zickig-lauten. „Both Sides…“ ist ein forderndes, provozierendes Album eines Künstlers, der gerade auf dem Zenit seines Könnens weilt und sich von dort partout nicht wegbewegen will. Gut so!

Top 10 2006. Platz 6: Beirut – Gulag Orkestar

Kaum zu glauben, wie schnell eine Platte zu einem Vertrauten und Wegbegleiter werden kann, den man um keinen Preis mehr hergeben möchte: „Gulag Orkestar“ von Beirut ist so ein Vertrauter. Bis vor knapp zwei Monaten konnte ich mit dem Act Beirut nicht viel anfangen. Auf Anraten eines geschätzten Mitbloggers habe ich mir jedoch diese Platte zugelegt, und bin tatsächlich bis heute restlos begeistert von dem, was ich da höre.

Ein 20jähriger US-Amerikaner macht sich auf die Reise nach Europa, sammelt Klänge, Melodien und Atmosphären. Kommt nach Hause, nimmt besagte Klänge, Melodien und Atmosphären in einem Tonstudio so gut, wie er sich nur erinnerte und konnte, auf – und schafft damit eine wunderbare Platte, die ein seltsam starkes Wieder-und-wieder-hören-Bedürfnis schürt. Mandolinen treffen auf bräsige Bläser, weinselige Trommelschläge vermischen sich mit sehnsüchtig-flehendem Gesang. „Gulag Orkestar“ ist ein sich allen Kategorien entziehendes Meisterwerk, dass in seiner Fremdartigkeit und Einzigartigkeit eine Vertrautheit und Nähe schafft, die man nie und nimmer für möglich gehalten hätte.

Diese Platte ist eine Sensation, lieber Leser. Lassen Sie sich das auch von mir noch einmal sagen.

Top 10 2006. Platz 7: Mando Diao – Ode To Ocrasy

Album Nummer drei der schwedischen Band Mando Diao ist ein ganz großer Wurf geworden – die „Ode To Ocrasy“ hat sich tatsächlich zu einem der wichtigsten Alben des Jahres gemausert. Ja, diese Melodien klingen einfach lange nach und sind und bleiben gut. Jepp, die Produktion ist sauber und direkt, und eben nicht zu glatt geraten. Klar, diese etwas schnöselige Rockstar-Attitüde tut ihr übriges und macht aus Mando Diao halt mehr als als einfach nur eine gute Band, nämlich umjubelte und bekreischte Stars.

Aber da ist wohltuenderweise eben mehr als nur niedliche Outfits, markige Sprüche und Rock’n’Roll-Klischees. Da sind leidenschaftliche Lieder, ein fast schon beängstend sicheres Gespür für wirkungsvolle Harmonien, da ist Teamgeist – und da ist das dritte und bislang beste Album. Jetzt für immer: Mando Diao sind mehr als nur ein Hype, das haben sie in diesem Jahr eindrucksvoll bewiesen.

MoshAir 2006: Der Film zum Fest

Den Hinweis von Stefan in den Kommentaren geb ich gerne noch mal auf diesem Wege weiter – der Herr hat sich nämlich die Mühe gemacht und einen etwa 20-minütigen Film zum diesjährigen MoshAir-Festival, bei dem ich als Act dabeisein durfte, zusammengestellt. Und natürlich enthält dieser ansonsten recht gelungene Film auch ein paar Sequenzen mit mir (siehe unten). Das volle Vergnügen (inklusive Performances von The Audience, x ist y?, unterhaltsamem Aufbau-Footage und einer Schlußsequenz, bei der mein angetüdeltes Ich auch noch mal mitspielt) gibts auf der MoshAir-Seite. Viel Spaß, allerseits.

MoshAir 2006 – Teil 2: Genscher, Daniel Heinze, The Opium Theatre und Slap

Am Samstag: Rock-Invasion in Werdau – mit 5erBob & mir

Alle Jahre wieder… steigt einen Abend vor Heiligabend im Werdauer Club Fabrix ein Rockkonzert – und ich freue mich, dieses Jahr mal wieder mitmischen zu dürfen: ab 20 Uhr gibts im Fabrix (Achtung, der Club ist umgezogen – alles neuer, schöner, besser) ein Konzert von 5erBob (Website grade ein wenig überlastet) und mir, Daniel Heinze (Website sollte funktionieren).

Nach einem auftrittsreichen Herbst als Duo (2zueins!) muß ich ausnahmsweise mal wieder solo ran und freue mich schon sehr auf die Gelegenheit, sowohl ein paar gaaanz alte Kamellen zu spielen als auch ein paar ganz neue Sachen auszuprobieren und kann eigentlich nur jedem raten, seinen nächsten Samstagabend mit 5erBob und mir zu verbringen – kost‘ auch nur 4 Euro und wird sicher schön.