Ben Folds and WASO – Live In Perth (DVD, 2005)

Er ist sichtlich nervös. So richtig, richtig wohl fühlt er sich nicht – mit neunzig Musikern im Nacken. Am anderen Ende der Welt, in Perth, in Australien. Ben Folds und das Western Australia Symphony Orchestra geben ein gemeinsames – ja, was eigentlich? Rockkonzert? Nein, sicher nicht. Eines dieser peinlichen „Rock meets Classic“-Dinger? Na, zum Glück irgendwie auch nicht. Aber eigentlich ja doch… Schwer zu beschreiben, was genau da abgeht. Ein begnadeter Songwriter und ein ohne Frage mit brillianten Musikern ausgestattetes Orchester intonieren gemeinsam ausgewählte Lieder aus dem Foldschen Oevre in eigens für diese zwei Abende geschriebenen Arrangements.

Bei „sowas“ ist bei mir immer höchste Skepsis angesagt. Nein, ich mag es nicht wirklich, wenn Pop-/Rock-Musiker auf einmal einen auf „Künstler“ machen, statt Liveclubs plötzlich Opernhäuser bereisen und mal eben zur „Hochkultur“ gehören wollen. Und der Schnösel in mir mag schon gar nicht einen lieb gewonnenen „Helden“ wie Ben Folds mit „solchen Leuten“, also dem Publikum, das zu „sowas“ geht, teilen. Nichts gegen klassische Konzerte und all das – ganz im Gegenteil! Aber diese ganzen E-trifft-U-Crossover-Geschichten sind mir zuwider. Das liest sich womöglich herablassender als es gemeint ist, ist aber nun mal so.

So richtig wohl zu fühlen scheint sich der Herr Folds da auf dem Bildschirm auch nicht – vielleicht aus ähnlichen Beweggründen heraus, vielleicht aber auch nur, weil er Schiss hatte vor diesem ganzen Experiment. Ja, das ist es: ein Experiment. Die Musik ist pompös, groß, gewaltig, bisweilen auch rundheraus kitschig. Aber dieser Nerd da vorne am Klavier vermag es, das alles nicht zu sülzig werden zu lassen. Die unterhaltsamen und manchmal kruden Ansagen zwischendurch tun da ihr Übriges. Aber spätestens wenn er dieses Riesenorchester dann dazu bringt, mit ihm einfach mal so herumzublödeln („Rock This Bitch“), zieht er den anfangs mißtrauischen Zuschauer dann doch in seinen Bann.

Ja, diese ganze Sache ist schon in Ordnung. Auf ganz seltsame Weise. Das wird wohl nie meine liebste Ben Folds-Veröffentlichung werden. Aber die DVD Live In Perth ist äußerst kurzweilig, ganz schön verschroben und letztlich dann doch auch musikalisch ganz angenehm – man muss sie sich ja nicht jeden Abend angucken. (7/10)

Ocean Colour Scene: Website renoviert

Ein kleiner Exkurs vorab…

Sanctuary Records scheint alles mögliche zu sein, nur kein gutes Plattenlabel. Mal ganz abgesehen von den finanziellen Schwierigkeiten, in denen die Sanctuary Group wohl schon seit einer ganzen Weile steckt, habe ich den Eindruck, dass sich die Herrschaften dort nicht so recht kümmern (wollen) um die Acts, die sie zuvor gesignt haben. Beispiel 1: Blues Traveler. Das 2003er Spitzenalbum „Truth Be Told“ erschien bei eben diesem Label, aber wurde absolut nicht promotet. Eine musikalisch köstliche, von der Aufmachung her aber halbherzige Live-CD wurde wenig später nachgeschoben. Aber dann: war Schluß. Unzufriedenheit auf beiden Seiten (Band und Label), kaum Verkäufe, aus.

Beispiel 2: Sinéad O’Connor. Die Irin kündigte im vergangenen Jahr ihr Comeback an, als Label fürs neue Album war ein US-Zweig des Sanctuary-Ladens im Gespräch. Ach was, alle Verträge waren angeblich unterschrieben. Aber nur wenige Wochen später war das alles wieder Geschichte – die Ansichten von Künstlerin und Label gingen auch hier kräftig auseinander, so die Überlieferung.

Das dritte Beispiel: Ocean Colour Scene. Auch sie waren eine zeitlang bei der Sanctuary Group und veröffentlichten dort ihr (musikalisch halbgares, aber das ist jetzt erstmal egal) 2005er-Album „A Hyperactive Workout For The Flying Squad“. Der geneigte Leser darf drei Mal raten… Genau, auch OCS sind nicht mehr bei Sanctuary. Und das ganze Kapitel mit der Firma muß für die Band so schmerzlich gewesen sein, dass sie es für nötig hielt, auf ihrer neuen Website an einigen Stellen auf „das unglückliche Jahr mit dem Record Label“ hinzuweisen.

Die generalüberholte Seite der Band kann sich sehen lassen: sie ist wesentlich benutzerfreundlicher als ihre Vorgängerversionen, enthält eine ansprechende und umfassende Bio- und Discographie und sieht tatsächlich einfach mal gut aus. Im Shop siehts derzeit noch mager aus, demnächst sollen aber digitale Downloads etc. folgen. Das schönste an der Seite sind aber die News: nach dem Sanctuary-Debakel nehmen OCS jetzt das Zepter selbst in die Hand, haben ein eigenes Label gegründet (Moseley Shoals Records, nach ihrem großen Erfolgsalbum benannt) und wollen in diesem Jahr eine Live-Acoustic-CD (Frühjahr) und ein neues Album rausbringen. Auf eigene Faust.

Zu dieser Entscheidung kann man OCS nur beglückwünschen. Bis es was Neues von den Briten zu hören gibt, lohnt sich auf alle Fälle erstmal ein Besuch auf der neuen OceanColourScene.com – und es gilt, Daumen zu drücken: damit die neuen Veröffentlichungen ungezwungener, authentischer und runder werden als das 2005er-Album und die Band in Eigenregie wieder zur „alten“, starken Form zurückfindet.

Frohes neues Jahr…

…wünsch ich allen, die hier immer mal vorbeischauen! Der Jahreswechsel lief für mich deutlich anders als erhofft – statt Party mit Freunden gab es Kamillentee auf der heimischen Couch. Aber inzwischen hat sich mein Magen-Darm-Trakt wieder mit dem Rest von mir versöhnt. Ein Silvester ohne jeden Tropfen Alkohol und alleine zu Hause, das hätt‘ ich mir auch nicht träumen lassen…

Aber das ist jetzt Geschichte – ein neues Jahr liegt vor uns und auch, wenn das sicher schwer wird, es gilt, das tolle Musikjahr 2005 zu toppen. Derzeit wühle ich mich nach wie vor durch das lange DMB-Red Rocks-Wochenende (macht sehr großen Spaß, übrigens! „Blackbird“ in der DMB-Version ist sensationell) und bin schon seit einigen Tagen hin und weg von der ersten CD des John Mayer Trios, „Try“, über die es in den nächsten Tagen noch mehr zu schreiben gibt. Bin sehr gespannt, was musikalisch 2006 so alles kommt und welche die ersten Alben sein werden, die mich im neuen Jahr packen.

Aber zum Glück hat das Jahr ja noch mehr als genug Tage, an denen ich mitteilungswütiger Zeitgenosse hier im dunkelblau Weblog darüber berichten kann. Na denn: auf ein Neues!

NP: Dave Matthews Band – The Complete Weekend On The Rocks (2005)

Heute kam sie endlich per Post und erstaunlicherweise ohne Zoll-Schwierigkeiten: die Monster-Veröffentlichung der Dave Matthews Band: The Complete Weekend On The Rocks. DMB spielten im September vier Nächte in Folge im Red Rocks Amphitheater in Morrison, Colorado und haben diese Konzerte jetzt in voller Länge dokumentiert. Das sind dann mal eben acht CDs und obendrauf gibts dann noch eine DVD.

Wird noch eine ganze Weile dauern, bis ich mir das ganze Werk angehört habe – bis jetzt macht das Box-Set aber schonmal einen fantastischen Eindruck: insgesamt 56 Titel, davon „nur“ 13 Wiederholungen. Einige bislang unveröffentlichte Stücke wie „Butterfly“ (ein Matthews-Original) oder Cover von den Beatles („Blackbird“); Bob Marley („Exodus“, mit dem wunderbaren Ivan Neville als Gast an der Hammond Orgel) und den Zombies („Time Of The Season“). Die DVD enthält zehn ausgewählte Performances aus allen vier Konzerten, der Höhepunkt ist ohne Frage eine wirklich mitreißende Version von „Louisiana Bayou“ mit Gästen wie Robert Randolph.

Es fällt auf, wie frisch und eingespielt die Band wirkt. Das liegt sicherlich nicht zuletzt an dem ganzen neuen Material, das während der Sessions zu Stand Up entstand. Fans, denen das letzte Studioalbum nicht so geschmeckt hat, können beruhigt sein: verblüffend, wie gut sich die neuen Songs in den Liveauftritten machen – hier wird gejammt wie verrückt und die Herrschaften DMB haben hörbar Spaß an dem, was sie da tun.

Nur mal exemplarisch ein Blick auf die erste der acht CDs: 8 Tracks, 71 Minuten. Drei Titel von „Stand Up“, ein sensationelles Cover („Time Of The Season“), eine Gänsehaut-Version von „The Stone“ (in der die Fans am Ende „Can’t Help Falling In Love With You“ intonieren) und ein epischer „Bartender“. Das alles in einem wirklich akzeptablen Soundmix – andere Liveveröffentlichungen der letzten Jahre wie etwa das 6-CD-Set „The Gorge“ waren diesbezüglich ja eher enttäuschend. Nein, hier passt alles und ich erinnere mich einmal mehr daran, warum ich diese Band so mag: sie sind in erster Linie einfach eine grandiose Liveband.

So, genug geschrieben. Hab ich noch sechseinhalb ungehörte CDs vor mir. Na, in das Vergnügen stürz‘ ich mich gerne.

Die dunkelblau Top 10 2005 im Überblick

So, geschafft. Das sind sie also, die zehn Besten des zu Ende gehenden Jahres 2005. Hier noch einmal zum schnelleren Wiederfinden und der Übersicht wegen die Top 10 im Schnelldurchlauf:

01 Josh Rouse – Nashville
02 Spin Doctors – Nice Talking To Me
03 Bright Eyes – Digital Ash In A Digital Urn
04 Damien Dempsey – Shots
05 Ben Folds – Songs For Silverman
06 Element Of Crime – Mittelpunkt der Welt
07 Mon)tag – Sender
08 Sinéad O’Connor – Throw Down Your Arms
09 Blues Traveler – Bastardos!
10 Palestar – Mind The Landscapes

Top 10 2005. Platz 1: Josh Rouse – Nashville

Schon komisch: die vielleicht unscheinbarste, unaufgeregteste Platte des Jahres ist für mich zur wichtigsten und schönsten 2005 geworden. Nashville, das fünfte Studioalbum von Josh Rouse ist ein wahrer Schatz. Zehn Songs, die für Rouse eine Art Resümee, Schlußstrich darstellen – aufgenommen kurz vor seinem Umzug nach Europa, kurz nach der Trennung von seiner langjährigen Partnerin.

Dabei ist „Nashville“ alles andere als ein düsteres oder verzweifeltes Album. Ganz ähnlich dem großen Wurf und Vorgänger-Opus „1972“ beweist Rouse ein Händchen für warme, geschmackssichere Arrangements, die, würde man sie weiter übertreiben oder stärker ausbauen, schon fast kitschig klängen. Tun sie aber eben ganz und gar nicht. Ob es nun die verblüffenden Satzgesänge sind oder die allgegenwärtige, aber nie aufdringliche Steel Guitar oder auch die breiten Streicher in dem einen oder anderen Stück – immer passen Instrumentierung und Song bestens zusammen. Denn die Songs treffen ganz unmittelbar ins Herz, werden binnen Sekunden zu Vertrauten und könnten sich unmittelbarer und näher kaum anfühlen.

Was diese Platte so besonders macht? Schwer zu beschreiben, irgendwie. Warum verliebt man sich? Ist doch egal. Wichtig ist doch, dass man sich verliebt.

Top 10 2005. Platz 2: Spin Doctors – Nice Talking To Me

Eine Platte, in der ich mich geborgen fühle, zu Hause. Eine Platte, von der ich schon jeden einzelnen Ton kannte, lange, bevor ich sie zum ersten Mal gehört habe. Eine Platte, die nur aus einem einzigen Grund nicht auf dem ersten Platz dieser Jahresliste thront: sie mag zwar in diesem Jahr erschienen sein, ist aber der vielleicht wichtigste Teil meines ganz privaten Soundtracks der letzten vier Jahre – sie erhält ohne jeden Zweifel den Preis für die wichtigste Platte der letzten Jahre, ist aber eben nicht „nur“ 2005.

Bei geradezu unverschämt vielen Gelegenheiten habe ich hier über diese meine Lieblingsband geschrieben, und wenn überhaupt, dann räume ich noch einer gewissen kahlköpfigen Sängerin aus Irland einen ähnlichen Stellenwert in meiner musikalischen Sozialisation ein. Das ist dann eben auch der Moment, an dem jegliche musikalische Objektivität enden muss und ganz private, subjektive Freude Einzug hält. Ich wünsche jedem Leser dieses kleinen Weblogs, dass er sie auch hat: seine Band, seine ganz eigene Leidenschaft, die ihn über Jahrzehnte begleitet und immer wieder überrascht, fordert, erfreut, beglückt, trägt.

Das hier ist meine. Spin Doctors aus New York City. Die ganze Geschichte dieser Band versuche ich inzwischen seit einem halben Jahr an dieser Stelle so vollständig wie möglich zu erzählen. Die ganzen Gefühle, die Nice Talking To Me in mir auslöst, habe ich versucht, bereits hier niederzuschreiben. Die ganze Platte käuflich erwerben lässt sich ohne Probleme via Import beim Musikhändler Deines Vertrauens.

Hier bin ich Fan, hier darf ich’s hoffentlich auch noch mächtig lange sein.

Top 10 2005. Platz 3: Bright Eyes – Digital Ash In A Digital Urn

Conor Oberst hat in diesem Jahr die Musikwelt gleich mit zwei herausragenden Bright Eyes-Alben beglückt: „I’m Wide Awake It’s Morning“ ist eine neurotische, ehrliche und dann doch irgendwie schöne Folk-Platte, die völlig zu Recht derzeit von den Musikmagazinen als eine der wichtigsten Veröffentlichungen 2005 gewürdigt wird. Am gleichen Tage kam dann aber noch Digital Ash In A Digital Urn raus. Musikalisch anders, thematisch und in seiner Grundstimmung aber „I’m Wide Awake…“ nicht unähnlich. Die Presse schloß „Digital Ash“ nicht ganz so sehr ins Herz wie sein Geschwisterchen. Was mir bis heute suspekt ist.

Diese Platte ist nämlich vom ersten bis zum letzten Ton sensationell. Ohne Frage, auch „Digital Ash In A Digital Urn“ ist praktisch ungeeignet zum Einfachmalnebenbeireinmachen. Allerdings auf noch radikalere und spannendere Art als „I’m Wide Awake…“: Verzerrte und elektronische Klänge treffen auf verfremdete Gitarren, große, aber ständig brechende Klangkonstrukte zeugen von Experimentierfreude und Pioniergeist. Hier wird schrilles Kindergequäke gesampelt, dass es fast schon weh tut. Wo man doch nur ein paar Takte vorher alles und jeden umarmen wollte.

Und doch sind und bleiben es immer Songs – hier hat Oberst kein Konzeptalbum zusammengebastelt, jeder Song ist ein Individuum, jede Performance wohlüberlegt, dabei stets authentisch. Nichts für Momente, in denen man durch Musik Trost und Geborgenheit sucht. Aber genau das richtige, wenn man auf der Suche ist – nach neuen Herausforderungen, Klängen, Ideen. Klingt anstrengend? Ohne Frage, ist es auch. Lohnt sich aber – kein Album war in diesem Jahr visionärer und exzentrischer.

Jubilate Deo omnis terra!

Allen regelmäßigen Blogbesuchern, Gelegenheitshiervorbeischauern, Selberbloggern und Zufällighiergelandeten wünsch‘ ich ein frohes, ruhiges, schönes und gesegnetes Weihnachtsfest! Hier im Weblog gehts sicherlich so am 26. oder 27. weiter, dann natürlich auch mit den noch ausstehenden drei Spitzenplätzen der Jahres-Top 10 und vielen Neuigkeiten, die sich in den letzten Wochen so angesammelt haben.

Jetzt ist aber erstmal Weihnachten – im wahrsten Sinne: Gott sei Dank!

Gib mir Musik: Daniel Heinze – Eutritzsch City Limits EP

Das Jahr 2005 neigt sich dem Ende. Das Jahr, in dem ich mit GEWINNER ein neues Album veröffentlicht habe. Als kleines Dankeschön für die vielen wohlwollenden Kommentare zum Album und als Appetizer für alle die, die bis jetzt noch nicht GEWINNER gehört haben, hier ein kleines Weihnachtsgeschenk von mir für Euch: die 5-Track-EP EUTRITZSCH CITY LIMITS! Fünf frische Daniel-Songs, die ab sofort gratis als MP3s erhältlich sind – schrecklich geheimer Hidden Track inklusive! Viel Spaß beim Hören!

Daniel Heinze – Eutritzsch City Limits

01 Das Rätsel (mp3)
02 In meiner Küche live (mp3)
03 Später 2003 Remix (mp3)
04 Fahrn Demo (mp3)
05 Ich bin alles Acoustic Version (mp3)

Produziert von Heiko Dietze, Matthias Frommann, Thomas Schäfer und Daniel Heinze.

Auf dieser Seite gibts alle Credits und Details zu dieser EP. Und wer Lust bekommen hat auf mehr Musik von mir, der klicke bitte hier und besorge sich GEWINNER, mein aktuelles Album.