Top 10 2006. Platz 3: Ben Kweller – Ben Kweller

Ben Kweller hat auf seinem 2006er Album die mit Abstand gelungensten Songs seiner bisherigen Karriere verewigt. Er erzählt in ihnen Geschichten, die mich berühren. Die mir Gänsehaut machen, mich zum Lachen bringen oder gelegentlich wissend lächeln lassen. Er findet originelle Bilder, er wird nie pathetisch, er nimmt sich selber auch mal nicht so ernst.

Umso ernster ist es Kweller mit seiner Musik. Unfaßbar, dass er dieses Meisterwerk von vorne bis hinten allein eingespielt hat. Und dabei klingt es nämlich nicht so wie etwa ein schlechtes Lenny Kravitz-Album. Der nimmt auch immer alles alleine auf und hinterher klingen die Platten derart uninspiriert, dass man meinen möchte, Kravitz, der gelangweilte Retrorock-Millionär, hätte sich sein einst vorhandenes Gespür für Melodien und Songwriting über die Jahre restlos weggekokst.

Von solchen peinlichen Alleingängen ist Kweller meilenweit entfernt: das hier lebt alles, atmet; man glaubt, einer gut gelaunten Band zu lauschen, die sich freut, diese herrlich leichten Songs aufnehmen zu dürfen. „Sundress“ heißt einer, „Until I Die“ ein anderer, „This Is War“ der etwas ruppigere Schlußsong.

Überhaupt: so zuckersüß die Melodien auch sein mögen, so schmeichelnd die Backround-Gesänge klingen, so bestechend logisch die Arrangements auch wirken – Kwellers Album droht nie, in mainstreamige Beliebigkeit abzudriften. Kurz und gut: dem einst zum Wunderkind stilisierten Kweller ist ein reifes, aber alles andere als langweiliges Rock’n’Roll-Album gelungen, über dass ich mich sicher auch noch in vielen Jahren freuen werde. Since I was fifteen I have ran / everywhere you can run / I’m not done with my travelin‘ / so let’s run, let’s run, let’s run.

Top 10 2006. Platz 4: John Popper Project featuring DJ Logic

Wenn ich meinen Mitmenschen nur adäquat die Magie dieser Musik nahebringen könnte… In Sachen Blues Traveler werde ich ja immer gerne zum Missionar. Ich bin mir der Tatsache völlig bewußt, dass John Popper und seine Band hierzulande geradezu sagenhaft unbekannt und unpopulär sind. Ich bin mir ebenfalls der Tatsache bewußt, dass es selbst in den USA eine Weile mächtig uncool war, Blues Traveler-Fan zu sein…

Das war mir bis jetzt immer egal, und das wird es auch bleiben. Dennoch erfüllt es mich mit enormer Genugtuung, dass Blues Traveler (in ihrem Heimatland) ein Jahr hinter sich haben, das so erfolgreich war wie seit 1994 kaum eines: ausverkaufte Hallen, Auftritte auf namhaften Festivals, Fernsehauftritte etc. Ja, die Zeit seit der Veröffentlichung von „Bastardos!“ (2005) ist wirklich eine gute für die Band. Sie haben einer endlich wieder immer größer werdenden Öffentlichkeit gezeigt, wie relevant sie für die Jambandszene nach wie vor sind, sie stellen immer wieder unter Beweis, dass sie in der Lage sind, großartige Songs zu schreiben, für die andere sich ganze Körperteile abhacken würden. Und live sind sie einfach eine Macht, das attestieren dieser Band selbst ihrer gemeinsten Kritiker.

Umso besser, dass Sänger und Frontmann in diesen guten Zeiten die Zeit fand, seinem John Popper Project featuring DJ Logic ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit zu verschaffen. Neben einer Handvoll Liveshows schaffte es das Project endlich, mal ein Album rauszubringen. Und das ist grandios.

Schon seltsam, was für einen unglaublich schlüssigen, aber dennoch unbekannten, fremden Soundkosmos dem Hörer eine Band eröffnen kann, die aus DJ, Drummer, Bassisten, Sänger & Mundharmonika-Spieler besteht. Das Project-Album ist pure Magie – verträumte Jams treffen auf knallharte, konkrete, unmißverständliche Beats. Flehende Lyrics und Gesangseskapaden paaren sich mit bestechenden, treibenden, zwingenden Grooves. Großartige Musiker spielen großartige, tanzbare Musik, die nicht nur in die Beine geht, sondern die auch noch Melodien mitbringt, die sich konsequent ins Hirn fräsen. Ihr Sidos und Bushidos dieser Welt: das hier, das ist die ganz hohe Schule der Coolness. Und sie ist – im Gegensatz zu vielem anderen – kein bißchen peinlich. I think I get what the children mean…

Um den Bogen zu schließen: einer Band wie Blues Traveler, die in diesem Jahr sensationelle Liveshows gespielt hat und mit einem Selbstbewußtsein auftritt, dass lange verdient ist und ebensolange vermißt wurde, und die es sich leisten kann, zwei Fünftel mal eben für ein Weltklasse-Sideproject auszuleihen, steht eine strahlende Zukunft bevor. Dessen bin ich mir spätestens jetzt absolut, absolut sicher.

Top 10 2006. Platz 5: Ben Harper – Both Sides Of The Gun

Am Anfang war die völlige Euphorie. Das, was Ben Harper mit „Both Sides Of The Gun“ ablieferte, hat mich bei den ersten paar Durchgängen schlichtweg umgehauen. Dann kamen die Zweifel. Gab es doch andere Harper-Stücke, die mich eine Zeit lang einfach viel mehr berühren wollten als die Sachen von eben jenem Album. War „Both Sides…“ vielleicht doch nicht so gut, so epochal, wie ich anfangs dachte?

Dann kam das Konzert. Ben Harper im Berliner Tempodrom, das wurde für mich zum unangefochtenen Konzerthöhepunkt des Jahres. Was für eine Performance! Was für eine Hingabe, was für eine Leidenschaft. Dieses radikale Musikmachen, dieses Sicheinendreckumkonventionenscheren, dieses Gegenwärtigsein – selten hat mich ein Konzert so tief berührt wie das von Ben und seinen Criminals, und dabei war es noch nicht mal mein erstes Harper-Konzert.

Jenes Konzert hat massiv dazu beigetragen, dass ich mir „Both Sides Of The Gun“, das Album, das ich anfangs liebte und an dem ich zwischenzeitlich zweifelte, so richtig erschließen konnte. Und ja, auch neun Monate nach seiner Veröffentlichung knn ich mit bestem Gewissen sagen: Harper hat hier ein mehr als solides neues Album vorgelegt. Das Konzept der zwei Album-Teile, die sich ausschließen und ergänzen – Geschmackssache. Aber das, was man auf beiden CDs hören kann, ist einfach schlüssig, aufrichtig und leidenschaftlich, in den leisen Momenten ebenso wie in den zickig-lauten. „Both Sides…“ ist ein forderndes, provozierendes Album eines Künstlers, der gerade auf dem Zenit seines Könnens weilt und sich von dort partout nicht wegbewegen will. Gut so!

Top 10 2006. Platz 6: Beirut – Gulag Orkestar

Kaum zu glauben, wie schnell eine Platte zu einem Vertrauten und Wegbegleiter werden kann, den man um keinen Preis mehr hergeben möchte: „Gulag Orkestar“ von Beirut ist so ein Vertrauter. Bis vor knapp zwei Monaten konnte ich mit dem Act Beirut nicht viel anfangen. Auf Anraten eines geschätzten Mitbloggers habe ich mir jedoch diese Platte zugelegt, und bin tatsächlich bis heute restlos begeistert von dem, was ich da höre.

Ein 20jähriger US-Amerikaner macht sich auf die Reise nach Europa, sammelt Klänge, Melodien und Atmosphären. Kommt nach Hause, nimmt besagte Klänge, Melodien und Atmosphären in einem Tonstudio so gut, wie er sich nur erinnerte und konnte, auf – und schafft damit eine wunderbare Platte, die ein seltsam starkes Wieder-und-wieder-hören-Bedürfnis schürt. Mandolinen treffen auf bräsige Bläser, weinselige Trommelschläge vermischen sich mit sehnsüchtig-flehendem Gesang. „Gulag Orkestar“ ist ein sich allen Kategorien entziehendes Meisterwerk, dass in seiner Fremdartigkeit und Einzigartigkeit eine Vertrautheit und Nähe schafft, die man nie und nimmer für möglich gehalten hätte.

Diese Platte ist eine Sensation, lieber Leser. Lassen Sie sich das auch von mir noch einmal sagen.

Top 10 2006. Platz 7: Mando Diao – Ode To Ocrasy

Album Nummer drei der schwedischen Band Mando Diao ist ein ganz großer Wurf geworden – die „Ode To Ocrasy“ hat sich tatsächlich zu einem der wichtigsten Alben des Jahres gemausert. Ja, diese Melodien klingen einfach lange nach und sind und bleiben gut. Jepp, die Produktion ist sauber und direkt, und eben nicht zu glatt geraten. Klar, diese etwas schnöselige Rockstar-Attitüde tut ihr übriges und macht aus Mando Diao halt mehr als als einfach nur eine gute Band, nämlich umjubelte und bekreischte Stars.

Aber da ist wohltuenderweise eben mehr als nur niedliche Outfits, markige Sprüche und Rock’n’Roll-Klischees. Da sind leidenschaftliche Lieder, ein fast schon beängstend sicheres Gespür für wirkungsvolle Harmonien, da ist Teamgeist – und da ist das dritte und bislang beste Album. Jetzt für immer: Mando Diao sind mehr als nur ein Hype, das haben sie in diesem Jahr eindrucksvoll bewiesen.

MoshAir 2006: Der Film zum Fest

Den Hinweis von Stefan in den Kommentaren geb ich gerne noch mal auf diesem Wege weiter – der Herr hat sich nämlich die Mühe gemacht und einen etwa 20-minütigen Film zum diesjährigen MoshAir-Festival, bei dem ich als Act dabeisein durfte, zusammengestellt. Und natürlich enthält dieser ansonsten recht gelungene Film auch ein paar Sequenzen mit mir (siehe unten). Das volle Vergnügen (inklusive Performances von The Audience, x ist y?, unterhaltsamem Aufbau-Footage und einer Schlußsequenz, bei der mein angetüdeltes Ich auch noch mal mitspielt) gibts auf der MoshAir-Seite. Viel Spaß, allerseits.

MoshAir 2006 – Teil 2: Genscher, Daniel Heinze, The Opium Theatre und Slap

Am Samstag: Rock-Invasion in Werdau – mit 5erBob & mir

Alle Jahre wieder… steigt einen Abend vor Heiligabend im Werdauer Club Fabrix ein Rockkonzert – und ich freue mich, dieses Jahr mal wieder mitmischen zu dürfen: ab 20 Uhr gibts im Fabrix (Achtung, der Club ist umgezogen – alles neuer, schöner, besser) ein Konzert von 5erBob (Website grade ein wenig überlastet) und mir, Daniel Heinze (Website sollte funktionieren).

Nach einem auftrittsreichen Herbst als Duo (2zueins!) muß ich ausnahmsweise mal wieder solo ran und freue mich schon sehr auf die Gelegenheit, sowohl ein paar gaaanz alte Kamellen zu spielen als auch ein paar ganz neue Sachen auszuprobieren und kann eigentlich nur jedem raten, seinen nächsten Samstagabend mit 5erBob und mir zu verbringen – kost‘ auch nur 4 Euro und wird sicher schön.

Top 10 2006. Platz 8: Dendemann – Die Pfütze des Eisbergs

Peinlicher Pubertär-Humor? Fehlanzeige. Sinnfrei-debiles Gängstah-Getue? Bullshit. Olipetzokateske Hausfrauen-Raps? Bäh. Zu HipHop habe ich ein eigentümliches Verhältnis, es gibt da viel, was ich ziemlich gut finde, noch viel leichter fällt es mir aber zu beschreiben, was ich in Sachen HipHop so richtig grottenschlecht finde – besonders, wenn’s aus Deutschland kommt.

Wie erfreulich, dem jetzt mal wieder etwas entgegensetzen zu können. Denn das hier, das finde ich grandios und möchte es lautstark preisen und empfehlen: „Die Pfütze des Eisbergs“, das Solo-Debüt des bereits zu Eins, Zwo-Zeiten bemerkenswerten Rappers Dendemann ist richtig gut. Tracks wie „Endlich Nichtschwimmer“, „Das Erste Mal“ oder auch der bemerkenswerte Schlußtrack „Dende 74“ sind unterhaltsam, geistreich, tanzbar, witzig, authentisch – und so entspannt dargeboten, als wäre es das leichteste der Welt, derartig präzise Reime und Beats abzuliefern. Bemerkenswert, das alles.

2006 war mit Blick auf CD-Veröffentlichungen deutschsprachiger Künstler und Bands, allerhöchstens mittelmäßig – kaum etwas, das mich da vom Hocker gerissen hat. Die Dendemann-Platte ist dabei nicht etwa „der Einäugige unter den Blinden“, sondern tatsächlich mit Abstand das originellste, souveränste und zugleich überraschendste, was auf Deutsch 2006 an meine Ohren gedrungen ist.

Top 10 2006. Platz 9: Arctic Monkeys – Whatever People Say I Am, That's What I'm Not

Was für ein Drängen, was für eine Unruhe. Bereits sehr früh im Jahr kam diese britische Urgewalt auf uns zu – das Debütalbum der Arctic Monkeys war ein so noch nie dagewesener Hype, veranstaltet in seltenem Einklang von Fans, Bloggern, Plattenfirmen und Kritikern. Aber Himmel, ja – „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ ist einfach mal eine tolle Platte.

Und so taucht sie freilich auch zu Recht in mindestens jeder zweiten 2006er-Bestenliste auf, die man so liest. „I Bet You Look Good On The Dancefloor“, „When The Sun Goes Down“ und auch „Fake Tales Of San Francisco“ haben durchaus das Zeug, in ein paar Jahren mal als Klassiker zu gelten. Bis dahin erfreue ich mich einfach an dieser lebendigen, explosiven Platte, ohne nach Kategorien oder Umschreibungen zu suchen. Und ich wünsche mir, dass mir besonders auch an dieses Album quasi als Soundtrack in den Sinn kommen möge, wenn ich dereinst als alter Mann mal versuchen sollte, mich an die großen und kleinen Unsicherheiten, Wirren und Herausforderungen in meinem Jahr 2006 zu erinnern…

Top 10 2006. Platz 10: Josh Rouse – Subtitulo

Das muss man erst mal schaffen: der unumstrittene Sieger meiner Vorjahres-Lieblingsalben-Liste hat es auch diesmal wieder in diese illustre Runde geschafft. Zwar besitzt Josh Rouses „Subtitulo“ ein paar Monate nach Veröffentlichung nicht ganz jene zauberhafte Langzeitwirkung wie der Vorgänger „Nashville“, toll ist das, was Josh da abgeliefert hat, aber allemal.

Diese subtile Frechheit, die sich da in die kleinen, zarten Songs mischt. Dieses ungewohnte südeuropäische Flair, das gänzlich ohne Plattitüden daherkommt. Die Geschichten, diese leicht brüchige Stimme – ach doch, hier passt alles. Nicht ganz so ein Volltreffer wie „Nashville“, aber in jedem Fall eine gelungene und würdevolle Fortsetzung. Stücke wie „Quiet Town“, „His Majesty Rides“ und „Wonderful“ haben sich zeitig im Jahr im Ohr festgesetzt und sind seither dauerhafte und willkommene Begleiter.