Wieder ein Jahr, wieder tausend Träume…

Ein Jahr ist es her… – dass ich auf den Gleisen am alten Plagwitzer Bahnhof umherstolzierte, um ein paar Fotos aufzunehmen. Fotos, die später, im Sommer 2005, die Grundlage fürs Cover meiner CD „Gewinner“ werden sollten. Ein Jahr ist es her… – dass ich später an diesem Abend Gast einer reichlich eigenartigen, aber irgendwie schönen Erasmusstudentenradiokollegenbestefreunde-Party sein durfte. Ein Jahr ist es her… – dass mich am selben Abend kurz nach halb zehn die Nachricht ereilte, dass Papst Johannes Paul der Zweite gestorben ist. Ein Jahr ist es her… – dass diese Nachricht mich veranlasste, von der Party abzuhauen, die Gedanken an die CD hintenanzustellen und zum dienstlichen Daniel zu werden; wenige Minuten später führte ich ein mich bis heute anrührendes Telefoninterview mit Bischof Reinelt und berichtete auf diversen Radiostationen vom Tod des Karol Wojtila.

Ein Jahr ist es her… Dieser Halbsatz, diese Phrase begleitet mich inzwischen seit fast neun Jahren. „Wieder ein Jahr“ ist ein Song, den ich im Herbst 1997 schrieb – genau ein Jahr nach dem Tod meiner Großmutter. Ihr Sterben habe ich nur von Ferne miterlebt, ich war im Spätsommer 1996 beschäftigt mit dem Umzug in eine andere Stadt, mit dem Beginn eines Studiums, mit der Suche nach einer ersten eigenen Bleibe fernab des gemütlichen Elternhauses. Plötzlich aus der Ferne durchs Telefon gesagt zu bekommen, dass diese wirklich geliebte Person nicht mehr lebt, hat bis heute tiefe Spuren hinterlassen – eine Hilflosigkeit war da, aber auch echte Dankbarkeit, immerhin 18 Jahre lange mit diesem unfaßbar herzlichen, weisen, liebevollen Menschen zusammengelebt haben zu dürfen.

All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich zwölf Monate später dieses kleine Liedchen schrieb, das schnell zu einem der Stücke wurde, die wir als s.m.h. am liebsten vor Publikum darboten. Und zu einem der Stücke, die auf unserem Album „daheim“ landeten, das wir im Frühjahr 1999 veröffentlichten. Die gemischten, auf alle Fälle aber tiefen Erinnerungen an den 2. April 2005 haben mich dazu bewegt, genau diese Aufnahme ob des Textes wieder einmal anzuhören. Und sie einmal mehr recht schön und gelungen zu finden. Deshalb möchte ich sie gerne mit meiner geneigten Leserschaft teilen – mp3 siehe unten. Ich sag es Dir ganz leise: Ein Jahr ist es her…

s.m.h. – Wieder ein Jahr

NP: Eels (With Strings) – Live At Town Hall (2006)

Ich mag sie ja, die Eels. OK, früher mochte ich sie vielleicht noch ein bisschen mehr als heute, „Electro-Shock Blues“ und „Daisies Of The Galaxy“ waren klasse Platten. Das, was E so in den vergangenen Jahren veröffentlichte, so etwa von „Souljacker“ bis zum letztjährigen Doppelalbum „Blinking Lights And Other Revelations“ war immer fein und angenehm zu hören, und auch die diversen B-Seiten-Sammlungen und Liveplatten habe ich gemocht. Dennoch fehlte mir in der letzten Zeit immer ein wenig die Magie, die von den ersten drei Alben ausging.

Nie war da wirklich was schlecht, ach was. Klar waren das meistens gute bis sehr gute Songs, aber mich haben die letzten Eels-Platten nie so tief getroffen, wie ich es mir gewünscht hätte. Und so hatte ich mich eher gedämpft gefreut über die Veröffentlichung von Live at Town Hall, die Dokumentation eines Konzertes der 2005er „Eels With Strings“-Tour, die jetzt als DVD und CD vorliegt. Klar, ein Pflichtkauf. Mit ganz bestimmt schöner Musik. Eels halt.

Die DVD war ein paar Tage vor der CD da – und hat mich tatsächlich nicht vom Hocker gerissen. Diese bewusst auf krude gemachte Selbstdarstellung von E war mir ja schon immer ein wenig suspekt, die permanenten Wechsel von den Konzertschnipseln und Songs zu Backstage-, Proben- und Interviewfetzen wollen keine rechte Stimmung aufkommen lassen. Schöne Sache, insgesamt. Aber nichts, wofür ich wirklich brenne. Und dann kam die CD-Version. Ja, die muss man sich auch kaufen, weil da ja vier Songs drauf sind, die auf der DVD nicht dabei sind (dafür enthält die neun Stücke, die man nicht auf der CD findet – reichlich seltsame Politik).

Doch siehe da: die CD hat mich wirklich gepackt! Er hat’s endlich mal wieder geschafft, der alte Fuchs E. Ohne die lästigen Unterbrechungen kann man für eine gute Stunde eintauchen in seine Musik: die Streicher, nein, das ganze Eels-Kammerorchester, und die dargebotenen originellen Arrangements machen Laune; eine bittersüße Melancholie und dieser nur Eels-Platten vorbehaltener Witz herrschen vor. Höhepunkte sind für mich das Uraltstück „The Only Thing I Care About“ und das entzückende „Girl From The North Country“. Dieses Livealbum ist homogen, sensibel abgemischt, nicht zu lang oder zu kurz und birgt 22 Tracks, die einen gelungenen Querschnitt des Eels-Songrepertoires darstellen. „Live At Town Hall“ ist insgesamt das beste, was Mark Oliver Everett seit „Daisies Of The Galaxy“ verzapft hat – und diesen Satz bitte ich als großes Kompliment zu verstehen. (8/10 für die CD; 6/10 für die DVD)

Josh Rouse – Subtítulo (2006)

Draußen will sich ein mächtiger Frühlings-Platzregen Aufmerksamkeit verschaffen. Wird ihm aber nicht gelingen, wenigstens nicht jetzt und wenigstens nicht bei mir. Denn jetzt ist es für mich Zeit für eines der schönsten Rituale überhaupt: da war schließlich eine CD im Briefkasten, auf die ich schon lange gewartet habe. Und jetzt kann ich sie endlich hören. Für die nächste Zeit gibt’s also erstmal nur mich, die Stereoanlage, mein Sofa und die CD. Die neue von Josh Rouse, um genau zu sein.

Auf seinem sechsten Studioalbum nimmt der US-Songwriter die Hörer mit in seine neue Wahlheimat, nach Spanien – dort entstanden die meisten Songs von Subtítulo. Und er hat die Erwartungshaltung vor dieser akustischen Reise mächtig hoch geschraubt: die Vorgänger „1972“ und „Nashville“ waren beides Meisterwerke voller großartiger Lieder und bestechend feinsinnigen Arrangements. Nun waren beides keine dezidiert lauten Platten, ganz und gar nicht. Aber dass „Subtítulo“ auf derart leisen Sohlen daher kommt, das überrascht anfangs schon.

Spanien scheint dem Herrn Rouse äußerst gut zu tun – so ruhig, sanft und gelassen klang er bis jetzt noch nie. Sein neues Album ist eine absolut runde Sache geworden – da sind wieder diese sympathischen, klaren, filigranen Arrangements. Da sind wieder diese wunderbaren kleine Melodiebögen. Da ist wieder dieser mitunter leicht unsicher wirkende, scheue, aber zutiefst authentische Gesang. Schön zu hören, dass Josh nicht der allzu billigen Versuchung erliegt, einen auf spanische Folklore zu machen. Sicher, die Platte besitzt durchaus eine, na sagen wir mal, mediterrane Note, die „Nashville“ nicht hatte und die man auf der zwischendurch eingeschobenen „Bedroom Classics 2“-EP nur erahnen konnte. Aber die ist herzlich willkommen und passt ganz wunderbar zu Rouses Musik.

Ja, das ist die nächste großartige Josh Rouse-CD. Eine, die zart und still anfängt, in der Mitte eine Nuance lauter und launischer daherkommt und schließlich nach viel zu kurzen 33 Minuten genauso sanft-sehnsüchtig endet, wie sie begann. Kurze, kleine Geschichten und Momentaufnahmen, die große und eindrucksvolle Erinnerungen schaffen. War „Nashville“ sein Abschieds-Winter-Aufbruchs-Album, so ist „Subtítulo“ sein Neuanfangs-Sommer-Ankunfts-Werk. Beeindruckend, diese schon seit Jahren gleich bleibend hohe Qualität seiner Musik. Beeindruckend, dieses offenherzige Aneinerspannendenbiografieteilhabendürfen. Beeindruckend, dieser Mann. I think you’re wonderful, don’t change your way at all…

Ach ja, der Regen draußen. Hat sich verzogen. Hab ihn schließlich auch geflissentlich ignoriert. Und wahrscheinlich ganz nebenbei mit „Subítulo“ in die Flucht geschlagen. (10/10)

Ben Harper – Both Sides Of The Gun (2006)

You can sell your soul
But you can’t buy it back
I’ve spent my whole life
Working to give you
Everything you lack

Da ist es also, das erste Meisterwerk des Jahres 2006: das neue Album von Ben Harper, Both Sides Of The Gun. Eigentlich ein Doppelalbum, aber bei genauerem Hinhören auch wieder nicht. Beide Teile des Albums hätten locker auf einer CD Platz gehabt. Vielmehr sind es der jeweilige Grundtenor und die Atmosphären der einzelnen Stücke, die Harper veranlassten, seine neuen Songs auf zwei separaten CDs unters Volk zu mischen.

Die eine CD, mit dem Opener „Better Way“, kann als die lautere, hektischere, aggressivere der beiden Scheiben beschrieben werden. Die andere, mit dem wunderbaren „Morning Yearning“ am Beginn, als die verhaltenere, stillere, ruhigere, sanftere. Doch selbst damit wird man dem jeweiligen Wesen der Albumteile nicht ganz gerecht. Es sind die Botschaften, die die einzelnen CDs voneinander unterscheiden. Der „Morning Yearning“-Teil von „Both Sides“ ist ohne Zweifel der privatere Part. Neun Stücke über Liebe, Trennung, Schmerz, Hoffnung, tiefe intime Emotionen – in zarten, dennoch fesselnden Arrangements. Besonders stechen dabei die Songs „Picture In A Frame“ und das tieftraurige „More Than Sorry“ heraus. Alles in allem besticht dieser Teil des neuen Harper-Opus‘ durch seine Offenheit, Ehrlichkeit und radikale Direktheit.

Und ist so fast noch radikaler und „revolutionärer“ als der „Better Way“-Teil des Albums. Die andere CD zeigt den politischen, gesellschaftlichen Künstler Ben Harper. Auch hier findet man Botschaften, die man von Harpers früheren Platten bereits kennt und schätzt. Er ist eben nicht der Durchschnitts-Songwriter, der von Liebe und so singt. Er ist ein leidenschaftlicher Zeitgenosse, der sich einmischen mag, der immer und immer wieder seine Hoffnung proklamiert, dass es einen besseren Weg gibt, dass der einzelne etwas verändern und bewegen kann. Die zweite „Seite“ von „Both Sides Of The Gun“ vereinnahmt den Hörer musikalisch durch ungefilterten Funk, bisweilen etwas kauzige Rock-Eskapaden und, im direkten Vergleich zur „Morning Yearning“-Seite, einer deutlich härteren Gangart.

Vieles haben diese beiden Teile aber gemeinsam: insgesamt erfindet sich der Musiker und Multiinstrumentalist Ben Harper sicherlich nicht neu, er spaziert aber ein weiteres Mal mit traumwandlerischer Sicherheit durch die unterschiedlichsten Stile und Epochen der Rock-, Pop-, Blues- und Soul-Geschichte. Insgesamt wirken alle Songs weitaus weniger „poliert“ und glatt gestrichen als zuletzt auf „Diamonds On The Inside“. Und was am Anfang als ein etwas wirres Konzept erscheinen mag, fügt sich zu einem erstaunlich stringenten Gesamteindruck – das mit den zwei Alben, mit den unterschiedlichen Stimmungen, mit dem Doppelalbum-Krams. Für mich steht „Both Sides Of The Gun“ auf einer Stufe mit so epochalen Harper-Veröffentlichungen wie „Fight For Your Mind“, „The Will To Live“ und „Live From Mars“.

Don’t speak to us like we work for you
Selling false hope like some new dope we’re addicted to
I’m not a desperate man but these are desperate times at hand
This generation is beyond your command

Ach ja, eines noch: der Wanderpokal für die schickste und ansprechendste optische Gestaltung einer Popmusikveröffentlichung muß von dem einen Ben (Folds; bisheriger Preisträger für die Deluxe-Edition seiner 2005er CD „Songs For Silverman“) an den anderen Ben, also den hier besprochenen, weitergereicht werden. Die exklusiv übers Internet vertriebene Spezial-Edition ist ein echtes Liebhaberstück. Eine extrem feine Pappbox, in der sich neben den beiden CDs die herrlich nüchternen und daher so edlen Booklets, ein Songsheet mit den Noten und Akkorden für die beiden Opener-Stücke, ein Sticker und vor allen Dingen eine dritte CD mit nochmals neun bislang unveröffentlichten Aufnahmen, Remixes und Livetracks befinden. „Both Sides Of The Gun“ ist also sowohl musikalisch als auch optisch das bisherige Highlight im Musikjahr 2006. (9/10)

NP: Pancho's Lament – Leaving Town Alive (2003)

Innocence is like a flower
blooms and dies inside an hour
Just when you’re thinking the wine goes sour
The sweetness reappears

Manchmal kann ich es kaum fassen – wie viel gute Musik da draußen ist, und wie wenig ich davon kenne… Viel zu leicht übersieht man da gute Veröffentlichungen – oder man kennt sie schlicht und einfach nicht. Aber ab und an hat man Glück – und wird dann doch noch aufmerksam auf Musik, die man schon nach dem ersten Hören nie, nie wieder in seinem Leben missen möchte.

Pancho’s Lament, so heißt das Bandprojekt (und Alter Ego) von Jeff Cohen, einem US-Songwriter, der früher mal bei einer Plattenfirma gearbeitet hat und seit ein paar Jahren aber lieber selber Musik macht als die anderer zu verwalten. So sind ihm bereits einige veritable Hits gelungen und eigentlich hätte ich schon viel früher auf ihn stoßen können, wußte ich doch, dass er an solchen Meisterleistungen wie „Can’t Kick The Habit“ von Spin Doctors oder aber Deena Goodman’s hervorragender Debüt-EP „Hard To Get To“ beteiligt war…

Von Leaving Town Alive, dem zweiten Cohen-Album, kann ich nicht genug bekommen – elf wunderschöne Songs, purer Pop, liebevoll arrangiert, leidenschaftlich gesungen, 35 Minuten für die Ewigkeit. Intelligente Harmonien, aber nie künstlich, nie verkrampft. Tolle Texte, aber nie zeigefingerig oder kitschig. Und der Gesang von Jeff Cohen ist so seltsam unaufdringlich-sympathisch, dass es fast schon zu schön ist, um wahr zu sein.

Und dann noch diese Gäste: nahezu die gesamten ehemaligen Getaway People (eine der meistunterschätzen Bands der letzten 10 Jahre), allen voran Boots Ottestad, geben sich die Ehre, ebenso wie Teitur Lassen, Jesse Harris und – ja, klar – Chris Barron. Der hat „Louisiana Holiday“, den Opener der Platte, mitgeschrieben, -produziert und -gesungen und veredelt auch noch den heimlichen Hit „Crazy For This Girl“.

Klasse Album, was für ein Segen, es endlich entdeckt zu haben. Auch hier gilt: besser spät als nie.

Every once in a while you’ve got something to say
so say it so say it so say it and
get on the bus…
Get on the bus
If you’re coming with us
get on the bus

Mehr zu Jeff Cohen / Pancho`s Lament gibt es auf dieser Seite und auf Jeffs MySpace-Seite. „Leaving Town Alive“ kann man problemlos bei CD Baby kaufen. (9/10)

Daniel Heinze live beim MoshAIR 2006 am 20. Mai

Rechtzeitig zum Frühlingsbeginn (dem kalendarischen wenigstens) kann ich meinen nächsten Auftritt bekanntgeben: ich freue mich sehr über die Einladung, beim diesjährigen Jumping MoshAIR-Festival in Freureuth (an der sächsisch-thüringischen Grenze, bei Werdau, unweit von Zwickau) dabei sein zu dürfen. Am 20. Mai treten dort insgesamt fünf Acts auf, darunter x ist y?, die diese Konzert-Reihe zum inzwischen fünften Mal aus dem Boden stampfen. Außerdem gibt es Musik von The Audience aus Nürnberg, von The Opium Theatre und Slap, beides spannende junge Bands aus Westsachsen, und halt auch von mir.

Und als wäre das alles nicht schon schön genug, wird auch noch Genscher durch den Abend führen und sicherlich für die eine oder andere unterhaltsame Einlage sorgen. Bedenkt man, wie kalt und unwirtlich es im Moment noch ist, dann ist das Ziel, in genau zwei Monaten ein Open Air zu veranstalten, ein recht mutiges Ansinnen – aber im vergangenen Jahr hatten die Macher des Jumping MoshAIR richtig Glück mit dem Wetter, wie man sich eindrucksvoll im liebevoll gestalteten Film zum Fest anschauen kann. Der findet sich, zusammen mit allen anderen wichtigen Informationen rund um den 20. Mai, auf der MoshAIR-Internetseite.

Na dann kann er ja kommen, der Sommer. Oder wenigstens erstmal der Frühling.

Van Morrison – Pay The Devil (2006)

Herzlich Willkommen zur jährlichen Rubrik „Die neue Van Morrison ist da“! Nach dem im Mai 2005 erschienenen „Magic Time“ legt der knurrige Ire jetzt schon wieder ein neues Album vor. Ein… – Trommelwirbel! – Countryalbum. Yiiiehaw!

Van Morrison goes Country? Hmpf. Beim letzten Mal ging das ja gehörig daneben – vor sechs Jahren wars, da veröffentliche der sonst so beseelte Kauz die Platte „You Win Again“. Ein Machwerk voller Duette mit der Sängerin und Pianistin Linda Gail Lewis. Bis auf ein paar lichte Momente war diese Scheibe damals ein Totalausfall. Da waren auch einige Country-Kamellen drauf, und die waren… naja… praktisch unhörbar. Umso besorgter war ich, als ich vor ein paar Wochen in einer Musikzeitschrift die Anzeige für Pay The Devil las. So heißt nämlich die neue CD von Mr. Morrison. Und sie solle nicht nur ein paar Ausflüge gen Country beinhalten, sondern – ein komplettes Countryalbum sein.

Tja. Der alte Mann überrascht einen immer wieder aufs Neue. Was gut und gerne ein ordentliches Debakel hätte werden können, das in Sachen cheesiness „You Win Again“ in den Schatten zu stellen vermochte, ist eine wirklich schöne Platte geworden! Auf „Pay The Devil“ jaulen die Violinen, jammert die Steel Guitar, knarzt das Honkytonk-Piano und – das kann man sich sogar anhören!! Sehr sorgsam hat sich Morrison einige Country-Klassiker rausgesucht, die gottlob nicht viel von dem verbrämten Top40-Landeicountry-Krams haben, der in den USA ja ungebrochen populär ist. Und obendrauf ein paar eigene Stücke geschrieben, die sich wunderbar mit den alten Originalen von Leuten wie Earl Carson, Hank Williams und Billy Wallace vertragen.

Das sind Songs über Arbeitslosigkeit, Alkohol, unerwiderte und erwiderte Liebe – das sind authentische Geschichten, das sind zum Teil echt grandiose Stücke. Gerade im hinteren Teil des Albums läuft Van zur Bestform auf – „What Am I Living For?“ fragt er, „More And More“ will er und wünscht sich in die Arme seiner Liebsten „Till I Gain Control Again“. Nach einer guten Dreiviertelstunde ist dann Schluß mit Country. Ziemlich genau an der richtigen Stelle, nämlich kurz bevor der Nashville-Sound zu nerven anfangen könnte – bei aller Faszination für die Art, wie Morrison das umsetzt, meine Lieblingsmusik wird Country sicherlich nie werden.

Dennoch: Respekt! „Pay The Devil“ ist eine runde Sache, Van Morrison hört man den Spaß an der ganzen Sache an, und man möchte kaum glauben, dass dieses Album irgendwo in Irland entstanden ist und nicht in Amerika. Schon verblüffend: was dieser Mann auch singt, es wird stets zu seiner ganz eigenen, unvergleichlichen Soul-Musik. Die einzige Künstlerin, die unterschiedliche Stile ähnlich souverän, glaubwürdig und herzlich meistert und sie sich tatsächlich zu Eigen macht, ist Vans Landsmännin Sinéad O’Connor. Muss am irischen Bier liegen. Oder am Whisky.

Da fällt mir ein: morgen ist St. Patrick’s Day. Na denn, cheers, Mr. Morrison. Und „You Win Again“ sei Dir hiermit endgültig verziehen. (6/10)

Element Of Crime live im Haus Leipzig, 15. März 2006

Element Of Crime sind ja schon eine ganze Weile die everybody’s darlings der deutschen Musiklandschaft: ihre Alben werden durchweg positiv besprochen, ihre eher seltenen Liveauftritte sind immer wieder Höhepunkte im Konzertkalender. Gestern war es denn mal wieder soweit – die Band um Sven Regener gastierte im Leipziger Haus Auensee im Rahmen der Tour zum im Herbst erschienenen Album „Mittelpunkt der Welt„.

Es ist aber auch verflixt schwer, diese Band nicht zu mögen. Das Konzert war großartig, die Stimmung hervorragend. Element Of Crime spielten sich durch ihren über zwanzig Jahre hinweg enorm gewachsenen Songkatalog und logischerweise gab es eine Extraportion an Songs von der neuen Platte. Immer wieder verblüffend: dass ein solcher Poet wie Regener zwischen den Songs völlig unbeholfen agiert, mehr als ein verlegenes „Vielen Dank“ oder ab und an ein eher albernes, mit gen Himmel gereckten Armen ausgerufenes „Romantik!“ kommt ihm zwischen den wunderbaren Stücken selten über die Lippen. Aber schließlich kommt es ja auf die Musik an – und davon gabs reichlich gestern. Das reguläre Set endete mit einer klasse Performance von „Mittelpunkt der Welt“, und danach ließen sich die vier Herren zu immerhin drei Zugabeblöcken hinreißen.

Und trotzdem fallen einem auf dem Nachhauseweg unglaublich viele Songs ein, die man auch noch gerne gehört hätte. Aber hey – das, was Element Of Crime da geliefert haben, war absolut rund und wunderbar und […hier bitte den Superlativ Deines Vertrauens einfügen…]. Grandiose Songs, eine wirklich angenehm unaufgeregte Band und ein recht sympathisches Publikum, das die da vorn auf der Bühne zu Recht euphorisch feierte. Und so werden Momente wie die beklemmende, dichte Darbietung von „Weißes Papier“ oder das in bester Rockmanier dahingerotzte „Jetzt mußt Du springen“ zu tollen, bleibenden Erinnerungen.

Lingua et opinio: Spezial über deutsche Popsongs

Hinter der Online-Zeitschrift Lingua Et Opinio (LEO) verbergen sich Studenten der TU Chemnitz, die in diesem Magazin Monat für Monat wirklich spannende und qualitativ hochwertige Beiträge rund um Sprache und Kommunikation veröffentlichen.

Im Monat März 2006 wagen die Chemnitzer ein Experiment: nämlich eine Spezialausgabe, die ausschießlich aus Beiträgen ihrer Rubrik „Kopfhörer“ besteht. Darin nehmen sie deutsche Pop- und Rocktexte genauer unter die Lupe und kreiren so lesenswerte Aufsätze irgendwo zwischen Interpretation, Glosse und Rezension, die in vielen Fällen selbst kleine literarische Goldstücke sind.

Neben Niels Freverts Weltklassesong „Wann kommst Du vorbei“ wagen sich die LEO-Leute u.a. an mal mehr, mal weniger bestechende Lyrik von so unterschiedlichen Künstlern wie Tokio Hotel, Farin Urlaub, Erdmöbel, Wir sind Helden, Bushido und Olli Schulz ran.
Ein Online-Lesevergnügen, das ich hiermit herzlich empfehle. Hier geht’s zur LEO-Märzausgabe.

NP: Neil Diamond – 12 Songs (2005)

Hmm… Das ich mal in einen Plattenladen wackele und eine CD von Neil Diamond erstehe, das hätte ich mir noch vor ein paar Wochen weiß Gott nicht träumen lassen. Neil Diamond? Kitsch, langweilig, sülzig, nix für mich – genau das hätte ich noch vor ein paar Wochen geschrieben, wenn ich gemußt hätte.

Aber dann habe ich im Radio einen Song gehört, der mich so beeindruckt hat, dass ich mehr erfahren wollte über den älteren Herrn, der da singt. Dankenswerterweise bekam sich der sonst immer so gediegen daherkommende Deutschlandradio-Mensch nach dem Song kaum wieder ein vor Freude, und er erzählte mir in aller Ausführlichkeit, um wen es sich handelte. Nämlich um Neil Diamond. Ein Track aus dem neuen Album 12 Songs.

Tja, und genau das läuft dieser Tage in meinem CD-Player rauf und runter. Rick Rubin hat es produziert, und wie schon bei den „American Recordings“ von Johnny Cash schafft Rubin es erneut, einen – darf man das schreiben, ohne das es unhöflich klingt? – betagten Künstler zeitlos, unglaublich würdevoll und groß klingen zu lassen. Klasse Songs, dezente, treffende Arrangements, erstaunlich viel Humor – die „12 Songs“ sind ein liebevolles, warmes Album, das einen ganz wunderbar darüber hinweg tröstet, dass von Frühling weit und breit noch nichts zu merken ist. Aber das wird schon noch. (7/10)