Top 10 2005. Platz 2: Spin Doctors – Nice Talking To Me

Eine Platte, in der ich mich geborgen fühle, zu Hause. Eine Platte, von der ich schon jeden einzelnen Ton kannte, lange, bevor ich sie zum ersten Mal gehört habe. Eine Platte, die nur aus einem einzigen Grund nicht auf dem ersten Platz dieser Jahresliste thront: sie mag zwar in diesem Jahr erschienen sein, ist aber der vielleicht wichtigste Teil meines ganz privaten Soundtracks der letzten vier Jahre – sie erhält ohne jeden Zweifel den Preis für die wichtigste Platte der letzten Jahre, ist aber eben nicht „nur“ 2005.

Bei geradezu unverschämt vielen Gelegenheiten habe ich hier über diese meine Lieblingsband geschrieben, und wenn überhaupt, dann räume ich noch einer gewissen kahlköpfigen Sängerin aus Irland einen ähnlichen Stellenwert in meiner musikalischen Sozialisation ein. Das ist dann eben auch der Moment, an dem jegliche musikalische Objektivität enden muss und ganz private, subjektive Freude Einzug hält. Ich wünsche jedem Leser dieses kleinen Weblogs, dass er sie auch hat: seine Band, seine ganz eigene Leidenschaft, die ihn über Jahrzehnte begleitet und immer wieder überrascht, fordert, erfreut, beglückt, trägt.

Das hier ist meine. Spin Doctors aus New York City. Die ganze Geschichte dieser Band versuche ich inzwischen seit einem halben Jahr an dieser Stelle so vollständig wie möglich zu erzählen. Die ganzen Gefühle, die Nice Talking To Me in mir auslöst, habe ich versucht, bereits hier niederzuschreiben. Die ganze Platte käuflich erwerben lässt sich ohne Probleme via Import beim Musikhändler Deines Vertrauens.

Hier bin ich Fan, hier darf ich’s hoffentlich auch noch mächtig lange sein.

Top 10 2005. Platz 3: Bright Eyes – Digital Ash In A Digital Urn

Conor Oberst hat in diesem Jahr die Musikwelt gleich mit zwei herausragenden Bright Eyes-Alben beglückt: „I’m Wide Awake It’s Morning“ ist eine neurotische, ehrliche und dann doch irgendwie schöne Folk-Platte, die völlig zu Recht derzeit von den Musikmagazinen als eine der wichtigsten Veröffentlichungen 2005 gewürdigt wird. Am gleichen Tage kam dann aber noch Digital Ash In A Digital Urn raus. Musikalisch anders, thematisch und in seiner Grundstimmung aber „I’m Wide Awake…“ nicht unähnlich. Die Presse schloß „Digital Ash“ nicht ganz so sehr ins Herz wie sein Geschwisterchen. Was mir bis heute suspekt ist.

Diese Platte ist nämlich vom ersten bis zum letzten Ton sensationell. Ohne Frage, auch „Digital Ash In A Digital Urn“ ist praktisch ungeeignet zum Einfachmalnebenbeireinmachen. Allerdings auf noch radikalere und spannendere Art als „I’m Wide Awake…“: Verzerrte und elektronische Klänge treffen auf verfremdete Gitarren, große, aber ständig brechende Klangkonstrukte zeugen von Experimentierfreude und Pioniergeist. Hier wird schrilles Kindergequäke gesampelt, dass es fast schon weh tut. Wo man doch nur ein paar Takte vorher alles und jeden umarmen wollte.

Und doch sind und bleiben es immer Songs – hier hat Oberst kein Konzeptalbum zusammengebastelt, jeder Song ist ein Individuum, jede Performance wohlüberlegt, dabei stets authentisch. Nichts für Momente, in denen man durch Musik Trost und Geborgenheit sucht. Aber genau das richtige, wenn man auf der Suche ist – nach neuen Herausforderungen, Klängen, Ideen. Klingt anstrengend? Ohne Frage, ist es auch. Lohnt sich aber – kein Album war in diesem Jahr visionärer und exzentrischer.

Gib mir Musik: Daniel Heinze – Eutritzsch City Limits EP

Das Jahr 2005 neigt sich dem Ende. Das Jahr, in dem ich mit GEWINNER ein neues Album veröffentlicht habe. Als kleines Dankeschön für die vielen wohlwollenden Kommentare zum Album und als Appetizer für alle die, die bis jetzt noch nicht GEWINNER gehört haben, hier ein kleines Weihnachtsgeschenk von mir für Euch: die 5-Track-EP EUTRITZSCH CITY LIMITS! Fünf frische Daniel-Songs, die ab sofort gratis als MP3s erhältlich sind – schrecklich geheimer Hidden Track inklusive! Viel Spaß beim Hören!

Daniel Heinze – Eutritzsch City Limits

01 Das Rätsel (mp3)
02 In meiner Küche live (mp3)
03 Später 2003 Remix (mp3)
04 Fahrn Demo (mp3)
05 Ich bin alles Acoustic Version (mp3)

Produziert von Heiko Dietze, Matthias Frommann, Thomas Schäfer und Daniel Heinze.

Auf dieser Seite gibts alle Credits und Details zu dieser EP. Und wer Lust bekommen hat auf mehr Musik von mir, der klicke bitte hier und besorge sich GEWINNER, mein aktuelles Album.

Top 10 2005. Platz 4: Damien Dempsey – Shots

Damien Dempsey legte mit Shots in diesem Jahr sein drittes Studioalbum vor. Unvoreingenommene Hörer nimmt der Sänger dabei mit auf eine Reise in das moderne, aber geschichtsverbundene Irland, seine Sorgen, Freuden und Probleme: Dempseys charakteristische Stimme, die zeitgemäßen, aber dennoch stets durch irische Folklore geprägten Arrangements von John Reynolds, die bisweilen bissigen, immer aber herzlichen Texte und vor allen Dingen das bestechend klare Songwriting lassen Shots zu einer spannenden, poetischen und ehrlichen Bestandsaufnahme werden.

Hörer wiederum, die mit solcher gänzlich unironischen Musik nichts anfangen können, könnten Damien Dempsey freilich etwa Befindlichkeitslyrik oder musikalische Stagnation vorwerfen. Ja, es geht hier um Drogen („Party On“), Alkoholismus, um Unrecht und Ignoranz („Choctaw Nation“). Auch auf seinem aktuellen Album ist der Ausnahmesänger auf der Suche nach seiner und der irischen Identität, prangert die Unterdrückung seines Landes durch die Briten an, singt ein zu Herzen und vor allem voll in die Magengrube gehendes Lied für alle Landstriche dieser Welt, die jemals besetzt und drangsaliert wurden („Colony“) und nimmt sich und seine Welt äußerst ernst.

Aber gerade das macht ihn so einzigartig – hier ist nichts falsch, nichts unaufrichtig. Seine Wut ist echt, seine Sorge glaubwürdig, seine Performance grandios. Am besten lässt sich das alles durch ein Zitat des Herrn Dempsey beschreiben: „From my room in Donaghmede / I’m about to kick all your asses / Stick your pink champagne and fuck your backstage passes / A warrior comin down the mountain at ya / A woodkern springin from the trees to catch ya / I’m lickin my wounds in the wilderness / Praying for the warmth of a sun’s kiss. / My time will come, your race is run / The throne’s rightly mine, you greedy swine“ („Patience“). Darauf ein Glas Guinness. Oder auch drei.

In eigener Sache II: Daniel mit Mother's Pride am 23.12. im FabriX!

Am nächsten Freitag gehts für mich schon wieder auf eine Bühne – am Freitag, 23.12. spielt im großartigen Werdauer Club FabriX die feine neue Band meines lieben Freundes Robert, Mother’s Pride. Davor gibts als Support die Band Uncle Jam, und zwischen Vorband und Hauptact: mich. Ich werde ein paar Lieder von GEWINNER intonieren und so nach allen Regeln der Kunst zum Gelingen dieses Abends beitragen.

Schon lustig, im vergangenen Jahr standen Robert und ich am gleichen Tag auf der gleichen Bühne, beim Konzert unserer alten Band s.m.h.. In diesem Jahr treffen wir uns am selben Ort wieder – spielen nur halt diesmal nacheinander. Egal, ich freu sehr drauf und hoffe, dass ich Backstage das eine oder andere Bier abfassen darf. Auch wenn ich diesmal nicht zum Hauptact gehöre… 😉

Also, wer kann, kommt bitte hin: Freitag, 23. 12. 2005, FabriX in Werdau (Alte Tuchfabrik): Mother’s Pride mit den Gästen Uncle Jam und Daniel Heinze. Das wird schön!!

Richtig, auf dem oben abgebildeten Flyer steh‘ ich nicht drauf – die wahnsinnig komplexen Vertragsverhandlungen zu diesem Gig haben sich einfach ewig hingezogen, da war dann schon Redaktionsschluss. Okay, die Wahrheit: das mit dem „Daniel-ist-auch-mit-dabei“ hat sich tatsächlich erst in der letzten Woche ergeben, da war die Werbung schon raus. Ich spiel aber trotzdem, ob die nun wollen oder nicht!!

In eigener Sache I: "Gewinner" in der Freien Presse

Unter dem Titel „Bei ‚Gewinner‘ auf die Texte hören“ berichtete die sächsische Tageszeitung „Freie Presse“ (Regionalausgabe Werdau) gestern über meine aktuelle CD GEWINNER. Launische Lieder live:

Werdau. „Gewinner“ nennt sich das neueste Werk von Daniel Heinze. Vom gebürtigen Werdauer, der jetzt in Leipzig wohnt und arbeitet, gibt es über 70 Minuten handgemachte Musik auf die Ohren. So nebenbei laufen lassen, kann man die Scheibe jedoch eher nicht. Zuhören ist angesagt, denn bei Daniel Heinzes CD „Gewinner“ und von der er sagt, es sind sozusagen launische Lieder live, sind es die Texte, die mitreißen, nachdenklich und mitunter auch Laune machen.

Entstanden sind die 17 Stücke innerhalb der vergangenen zehn Jahre, stammen aus seiner eigenen Feder und wurden in einem Dachgeschoss-Studio vor Publikum im Leipziger Norden aufgenommen. Deshalb nennt es sich eben auch Livealbum.

Daniel Heinze beschreibt sich selbst als Musikant (und nicht als Musiker), als Träumer und als Küchenphilosoph. Küchenphilosoph heißt auch einer der Titel. Und der stammt aus der „dunkelblau“-Produktion, einem Zweimannstudioprojekt. Für Projekte hat der Werdauer offenbar eine Vorliebe, denn außer dem „Dunkelblau“-Projekt war er beispielsweise an der „Fünfreundeformation“ s.m.h. beteiligt, sieben Jahre tingelten sie durch das Land und Daniel Heinze war nicht nur der Sänger, sondern er hat auch die Texte verfasst. Und auf die sollte man sich besonders konzentrieren.

Ein paar seiner Livealbum-Songs hat Daniel Heinze kürzlich mit seinem Compagnon Heiko Dietze in der Laurentiuskirche Leipzig zum besten gegeben. Und das Ganze als Benefizkonzert für die Betroffenen des Hurrikans Kathrina in New Orleans und den Erdbebengeschädigten in Pakistan.“

Autorin: Cornelia Kunze, FP Werdau vom 17. Dezember 2005, Seite 13.

Top 10 2005. Platz 5: Ben Folds – Songs For Silverman



Ben Folds
. Einer der Helden des Jahres, ohne jede Frage. Folds erinnert sich nach dem etwas experimentelleren „Rockin The Suburbs“ und drei entzückenden EPs an seine musikalischen Ursprünge: an Zeiten, in denen die Foldschen Pianoeskapaden durch Bass und Schlagzeug umrahmt wurden.

So entstand mit Songs For Silverman ein Album, das mächtig nach den alten Ben Folds Five-Tagen klingt, nur eben mit einem hörbar gereiften und kompositorisch noch clevereren Hauptdarsteller. Ben serviert krude Geschichten, schräge Sichtweisen, unsagbar ehrliche Liebeserklärungen, herzzerreißend süße Momentaufnahmen über sich und seine Familie – und, als wäre es keine große Kunst, haufenweise schöne Melodien. Die sich einmal mehr bewährende Kombination Piano – Bass – Drums wird zwar hier und da ein wenig ergänzt, die meiste Zeit aber bleibt es dann doch ziemlich puristisch. Zum Glück: denn diese Platte verströmt eine Authentizität und Unmittelbarkeit, die selten war im Musikjahr 2005.

Top 10 2005. Platz 6: Element Of Crime – Mittelpunkt der Welt

Der Musikherbst 2005 war voller Höhepunkte, und einer dieser Höhepunkte war zweifelsohne das neue Album von Element Of Crime: Mittelpunkt der Welt ist eine durch und durch typische EoC-Platte geworden. Mit scharfsinnig-lakonischen Texten, zeitlosen Arrangements und dieser herrlich gemütlich-verträumten Grundstimmung. Sven Regener nölt wie immer ganz wunderbar seine Beobachtungen, der Rest der Band umrahmt den Sänger und Trompeter meisterlich und geschmackssicher.

Nun könnte man EoC vorwerfen, dass sie ihren Sound seit Jahren nicht wirklich weiterentwickelt oder verändert haben – Element Of Crime klingt wie Element Of Crime klingt wie Element Of Crime. Vielleicht ist aber gerade das die große Stärke dieser Band und dieser Musik: Regener und Co. pfeifen auf Trends und Zeitgeist und liefern einmal mehr ein vom ersten bis zum letzten Ton liebenswertes, vertrautes und aufrichtiges Album ab.

Top 10 2005. Platz 7: Mon)tag – Sender

Mon)tags erstes Album „Gefallen“ hat Maßstäbe gesetzt: Wohlklang, Ästhetik, intelligentes Songwriting, geschmackssicherer Pop, aufgenommen und produziert in Eigenregie. Zwei Jahre später legt das Hamburger Trio den Nachfolger vor, und stößt damit den einen oder anderen geneigten Hörer zunächst vor den Kopf. Auf Sender geht es deutlich ruppiger, aggressiver zur Sache als man das in Erinnerung hatte. Mon)tag auf Platte und Mon)tag live nähern sich quasi stärker an – und das gelingt ganz formidabel: vom gigantischen „Für Bitte“, dem hymnischen Opener in diese leicht neurotische und bisweilen schwer verdauliche Reise, bis hin zum fast schon punkig dahingerotzten Hidden Track „Ein Anfang“.

Dieses Trio rockt, versteht es aber auch, clevere Zwischentöne beizugeben, ein melancholisches Sehnen und Wünschen hinzuzumengen und so einen wirklich markanten, eigenen Sound zu entwickeln. Da sind Zitate genauso erlaubt wie wirklich genuine, eigene Ideen. Um’s kurz zu machen: Mon)tag ist eine feine Gitarrenband mit klarem musikalischem Profil, sympathischen Leuten und einer geilen zweiten Platte.

Top 10 2005. Platz 8: Sinéad O'Connor – Throw Down Your Arms

Sinéad O’Connor? Die Irin? Mit einem Roots- und Reggae-Album? Zugegeben, die Idee hört sich absolut schräg an. Wenn man aber das Schaffen der Sängerin besonders in den vergangenen zehn Jahren mal etwas genauer unter die Lupe nimmt, dann ist diese Entscheidung letztlich nur konsequent – immer wieder hat sie mit Reggae-Rhythmen experimentiert, immer häufiger auch mit echten Größen des Genres zusammengearbeitet. Throw Down Your Arms ist ein kleiner Geniestreich geworden: produziert von den Legenden Sly Dunbar und Robbie Shakespeare, aufgenommen auf Jamaica, mit einheimischen Musikern, veröffentlicht auf ihrem eigenen Label.

Sinéad nimmt die Musik, die sie hier performt, sehr ernst: sie will die Titel von Burning Spear, Peter Tosh, Bob Marley und Co nicht „verhunzen“ oder kopieren. Vielmehr geht es ihr um eine Hommage und um höchstmögliche Werktreue. Und gerade deshalb schafft sie es, dass Stücke wie „Downpressor Man“ und „Untold Stories“ zu ihren eigenen werden. Die in Europa erhältliche 2-CD-Version setzt dem ohnehin gelungenen Projekt „Throw Down Your Arms“ schließlich die Krone auf: die zweite CD enthält das komplette Album in einer Dub-Version. Diese fast noch stärkere Version lässt den Hörer eintauchen in eine bislang nicht für möglich gehaltene Zwischenwelt: die gleichen Songs, die gleiche Stimme, aber mit noch mehr Brüchen, Freiräumen, kleinen großen Momenten. Ob als Dub oder pur: „Throw Down Your Arms“ ist Sinéad O’Connors beste Veröffentlichung seit ihrem 1994er-Album „Universal Mother“. Go, Sister Sinéad!