Top 10 2005. Platz 9: Blues Traveler – Bastardos!

Einfach mal machen – das war die Devise beim Schreiben und Produzieren von Bastardos!, dem diesjährigen Album der New Yorker Band Blues Traveler. Spielfreude, Mut zum Experiment, Überraschung – das sind die maßgeblichen Zutaten zu dieser CD.

Ihr grandioses 2003er-Album „Truth Be Told“ war eine kaum zu toppende Sammlung eigenständiger, runder Rocksongs. „Bastardos!“ gleicht da eher einer Wundertüte: unberechenbar, was da im nächsten Track passieren wird… Schräge Klänge treffen auf große, weitschweifende Melodien. Und trotzdem klingt immer alles absolut nach Blues Traveler. Lieder übers Einsamsein, Verlassenwerden, über verlorengegangene Liebe, hier und da aber auch über neu aufkeimende Hoffnung, musikalisch vielfältiger und verspielter als jemals zuvor.

Blues Traveler: fünf gestandene Herren, die niemandem beweisen müssen, wie gut sie sind. Sondern die mit „Bastardos!“ einfach das gemacht haben, was für sie wohl schon länger mal fällig war. Nämlich eine mächtig unkonventionelle Platte, die ohne jeden Druck von außen entstehen konnte: ohne Vorgaben, ohne Erwartungsdruck. Aufgabe mit Bravour gelöst.

Top 10 2005. Platz 10: Palestar – Mind The Landscapes

Wow – das war eine echte Überraschung in diesem Jahr, als ich zum ersten Mal Palestar gesehen habe. Da geht man ahnungslos und ohne allzu große Erwartungen zu einem kleinen Festival hier in der Stadt, und prompt sieht man eine Band, die einem so gut gefällt, dass man den Mund vor Staunen kaum wieder zukriegt. Palestar aus Leipzig kreiren große musikalische Landschaften, haben packende Melodien parat und verfügen über clevere Songs. Das größte Pfund, mit dem sie wuchern können, ist die Stimme von Frontmann Patrick Sudarski: glasklar, leidenschaftlich, flehend, packend. Der Kerl hat die Bezeichnung „Sänger“ wirklich verdient.

Und so spielen Palestar eine sehnsüchtige, melancholische Musik, die bisweilen brachial-ausufernd daherkommt, oftmals aber auch auf leisen Sohlen. Gerade unbekannte Bands müssen sich ja oft gefallen lassen, dass man sie unter Zuhilfenahme großer, etablierter Namen einzuordnen versucht. Das schenk ich mir jetzt mal. Sicher, da fielen mir schon ein paar Kandidaten ein (zumal ich einige auch schon bei anderer Gelegenheit angeführt hatte), aber das kann mitunter auch kontraproduktiv sein: „Ach, das ist die Band, die angeblich so klingt wie….“ Bäh. Nee, Palestar sind ein Erlebnis, das ich wärmstens empfehlen kann.

Live wie auf CD: Mind The Landscapes ist ein Album aus einem Guß, nimmt Dich gleich zu Beginn gefangen und läßt Dich sprachlos zurück. Schon nach dem ersten Durchhören war mir klar, dass das eine der Lieblingsplatten des Jahres werden könnte. Und so isses jetzt ja auch gekommen. Palestar, wenn Ihr das lest: ich ziehe den Hut vor Euch, beglückwünsche Euch und mich zu „Mind The Landscapes“ und freue mich wie Bolle, dass es Euch gibt.

Das Beste 2005: Die dunkelblau Weblog Top 10!

So, die stressigen, aber vor allen Dingen schönen Auftrittstage sind jetzt erstmal vorbei – Danke an alle, die letzten Freitag bei Le Borna bzw. eine Woche vorher in der Laurentiuskirche waren und hoffentlich genauso viel Spaß hatten wie wir!

Hier im Weblog gibts jetzt endlich auch wieder etwas regelmäßigeren Content: bis zum Jahresende vervollständige ich nach und nach die Auflistung meiner zehn Lieblingsplatten 2005. Ja, die Top 10 sind bereits gekürt und mir ist es in diesem Jahr schwerer gefallen als sonst – musikalisch gesehen war das ein geradezu fantastisches Jahr. Da war es mir schlichtweg unmöglich, die mir selbst auferlegte „Top 5“-Beschränkung einzuhalten. Und um den Worten auch Taten folgen zu lassen, gehts auch gleich mit Platz 10 los – im nächsten Posting.

Zwischen Benefiz und Unterrock…

…bleibt kaum noch Zeit fürs eigene Blog. Huch, das reimt sich zwar, ist aber nicht gut. Deshalb jetzt in aller gebotenen Kürze das Neuste: Das Live-Debüt als Duo (Heiko/Daniel) lief bestens, schöner Abend beim „Erde & Wasser“-Benefizkonzert. Der Beschluß ist gefasst: das machen wir beide nächstes Jahr öfters!

Sind aber alle längst gefangen in den letzten Vorbereitungen für den Freitagabend: Le Borna. Unterrock. Zwei rappelvolle Sets. Klingendes Weltkulturerbe von Jürgen Drews bis Status Quo. Schlager goes Polka und wieder zurück. Also mal nicht „die eigenen Sachen“, dafür aber die respektlosesten Cover, die man sich nur vorstellen kann.

Wer also am Freitagabend in Leipzig ist, der komme doch bitte in den Unterrock (Geyserhaus, Gräfestraße, Eutritzsch) – wir wünschen uns und Euch eine unterhaltsame Show irgendwo zwischen Wahnwitz und Gänsehaut.

Gib mir Musik: Calexico und Sinéad u.v.a.m. live bei NPR

Das US-amerikanische National Public Radio (NPR) bietet in loser Folge Konzertmitschnitte auf seiner Internetseite an. Zum einen als Livestream, und später dann on demand. Alle Freunde von Calexico und Sinéad O’Connor sollte das freuen, denn ab heute (Calexico) bzw. ab Dienstag (Sinéad) gibts komplette aktuelle Konzerte der Künstler als Streams.

In der Vergangenheit haben bereits Bands und Acts wie Wilco, The White Stripes, Sigur Ros, David Gray, Lucinda Williams, The Kings of Leon, Bloc Party, The Decemberists, Interpol, Bright Eyes, Son Volt, My Morning Jacket und Death Cab for Cutie derartige Online-Konzertübertragungen genehmigt, und die kann man sich jederzeit hier anhören – wie die beiden neuen Shows auch.

NPR Musics series of live online-exclusive concerts presented on NPR.org continues with two new live shows: Iron and Wine with Calexico, taking place Wednesday, November 30, and Sinead O’Connor with Sly & Robbie on Tuesday, December 6.

The two new concerts are streamed live from the prestigious 9:30 Club, a Washington, D.C. venue known for booking breakthrough performers in all genres, including rock, punk, hip-hop and country. […]

Besides streaming live, both concerts will be archived on NPR.org, which allows fans to enjoy the full concerts on-demand, any time. Additionally,
the entire Iron and Wine with Calexico concert will be available to download, and select songs will be offered in a special NPR All Songs Considered Podcast.

[…]All of the[…] past concerts can be heard anytime at http://www.NPR.org/music […] (via: jitr Mailinglist)

Jede Menge feine Musik also, die man sich bei NPR anhören kann – und zwei großartige Acts kommen in den nächsten Tagen hinzu.

3. Dezember 2005: Daniel Heinze live beim "Erde & Wasser"-Benefiz in Leipzig

Freue mich sehr über die Einladung, am kommenden Samstag (3.12.) beim „Erde & Wasser“-Benefizkonzert in Leipzig aufzutreten. Das Konzert ist ein recht gewagtes Projekt, es mischt C-Pop-Bands mit Songwriter-Musik (so würd ich meine Musik jetzt mal frecherweise kategorisieren), Gospelchören und Rockbands und findet in einer Kirche statt: in der St. Laurentiuskirche in Leipzig-Reudnitz (Witzgallstraße 20).

Bin sehr gespannt, wie das alles wird. Damit ich nicht alleine auf der Bühne rumstehen muss, komm‘ ich halt zu zweit – der hoch geschätzte Klopfgeist Heiko Dietze wird auch da sein und mich am Bass unterstützen. Wir bieten ein paar Songs aus meiner aktuellen CD GEWINNER – Launische Lieder live dar.

Mit dabei :
BrandPicture & Big Papa Joe
HolyTone
tauReif
Daniel Heinze & Heiko Dietze
Groove-Banditen
All Gospel Workshop Chor

Die ganze Chose beginnt um 17.00 Uhr mit einem Familienkonzert (Kinderchor, Gospel, Trickfilme). Ab 19.30 Uhr gehts dann mit den gerade genannten Acts weiter – „Rock, Songs, Blues, Gospel“ verspricht die Ankündigung für den Abend.

Wer Lust und Zeit hat, ist hiermit herzlich eingeladen, Heiko & mich (und natürlich alle anderen Bands und Künstler auch) zur „Erde & Wasser“-Benefizshow zu begleiten – wär toll, wenn die Hütte voll wird! Nochmal die Eckdaten: Samstag, 3. Dezember, ab 17.00, Laurentiuskirche, Leipzig.

Ach ja – Benefiz. Wofür? Die Einnahmen des Abends sollen den Katastrophenopfern in New Orleans und Pakistan helfen. Also: hinkommen!

Josh Rouse: Fleißig, fleißig…

Ausnahme-Songwriter Josh Rouse ist derzeit wirklich fleißig: Erst Anfang des Jahres erschien sein famoses fünftes reguläres Studio-Album „Nashville„, doch schon jetzt legt der kürzlich nach Spanien umgezogene Amerikaner eine neue Veröffentlichung vor – „Bedroom Classics Vol.2“ (siehe Foto oben). Auf der 5-Track-EP finden sich neue Stücke des Sängers, alle stark inspiriert von seiner Liebe zur Filmmusik. Großflächig, verträumt, inspirierend. Hierzulande am einfachsten via iTunes zu haben – und wärmstens empfohlen.

Aber nicht nur das – offenbar soll bereits im März 2006 das nächste Album, „Subtitulo„, rauskommen! Auf seiner offiziellen Website ist folgendes zu lesen:

Subtitulo is heavily influenced by Josh’s move to Spain. After spending many years in central Tennessee (which came to a close with his most recent album and farewell letter to the city that helped hone his craft, Nashville), Josh packed up his bags, bought a plane ticket and immersed himself into the lifestyle and customs of the Spanish culture. This influence shines throughout the upbeat (and largely romantic) tenor within each song. Look for the first single and video, „Quiet Town“ (a homage to the little Spanish community Altea, where Josh first laid roots upon arrival) to precede the album.

Klingt sehr gut, ich freu mich schon. Und bis endlich März ist, werden mich die zweiten „Bedroom Classics“ und natürlich „Nashville“ gut durch den Winter bringen – so viel ist sicher.

NP: Marc Broussard – Bootleg To Benefit The Victims Of Hurricane Katrina

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass ich hier im dunkelblau Weblog Loblieder auf Marc Broussards erstes Majoralbum „Carencro“ sang. Bis heute bin ich sehr angetan von dieser gelungenen Pop-Soul-Rock-Mischung des jungen Mannes aus Louisiana, wenn auch vielleicht die Begeisterungsstürme der ersten Tage und Monate ein wenig nachgelassen haben.

Louisiana ist das Stichwort. Zwei Tage, nachdem der Hurrikan Katrina große Teile seines Heimatstaates zerstörte, kehrten Marc und seine Band von einer längeren Tour zurück nach Hause. Gottlob waren Freunde & Familien der Bandmitglieder wohlauf, trotzdem wollten Broussard und seine Mannen helfen, nach der Naturkatastrophe allmählich wieder so etwas wie „Alltag“ und normales Leben entstehen zu lassen. Der „Momentary Setback Fund“ entstand, benannt nach Marcs erstem Album. Mit dem Geld, das über diesen Fund zusammenkommen soll, will der Sänger lokale Hilfswerke unterstützen, die beim Wiederaufbau nach Katrina tätig sind.

Eine Charity-Maßnahme ist das Bootleg To Benefit The Victims Of Hurricane Katrina. Sperriger Titel, aber dahinter verbirgt sich eine feine Live-EP mit fünf Tracks und knapp 38 Minuten Spielzeit. Los gehts (naheliegenderweise) mit einer geradezu brachial rockenden Version von „Home“ (…straight from the water…), es folgen drei Stücke aus dem „Momentary Setback“-Repertoire und am Schluß steht eine beseelte Version der „Carencro“-Ballade „Let Me Leave“. Schnell wird klar: live ist Broussard wesentlich erdiger, direkter als auf dem mitunter doch merklich auf Pop gebügelten „Carencro“-Album. Highlights sind das bluesige „My God“ und das viel zu frühe Finale „Let Me Leave“.

Zwei Wermutstropfen gibts denn doch bei dieser Spontan-Veröffentlichung: zum einen ist sie viel zu kurz, ein „richtiges“ Livealbum wäre schön gewesen. Was aber noch gemeiner ist, sind die überpiepsten „shits“ und „fucks“ bei „Just Like That“. Tja, aber das ist wohl Amerika – auf einer Charityplatte darf man offensichtlich nicht fluchen.

Egal – das „Bootleg“ ist klasse, erfüllt einen guten Zweck und schürt nicht zuletzt den Wunsch danach, hoffentlich bald wieder mehr zu hören von diesem jungen Herrn mit der Wahnsinnsstimme. (7/10)

Sinéad O'Connor live @ Tempodrom, Berlin, 14. 11. 2005

Schon ein ganzer Tag ist vergangen seitdem Sinéad O’Connor im Tempodrom den letzte Ton gesungen hat. Sie war mal wieder in Berlin, zweieinhalb Jahre nach ihrem atemberaubenden Auftritt während der „Séan-Nos Nua“-Tour, bei dem sie in der „Arena“ irische Folk-Klassiker in einen modernen Pop-Reggae-Mantel packte, und obendrauf noch die wichtigsten Stücke ihres eigenen Oevres zum besten gab. Grandioses Konzert war das, damals, 2003.

In der Zwischenzeit ist viel passiert: Sinéad hat den Dienst im Popbusiness quittiert – sie wolle nur noch spirituelle, religiöse Musik machen und künftig nicht mehr Teil der Musikindustrie sein müssen. Sie hat ihr drittes Kind zur Welt gebracht, Shane. Sie hatte Gelegenheit, mit ihren Helden Sly Dumbar und Robbie Shakespeare in Jamaica die Musik aufzunehmen, mit der sie seit über zehn Jahren liebäugelt: Rasta-Roots-Klassiker von Burning Spear, Peter Tosh und auch Bob Marley. „Throw Down Your Arms“ heißt das überzeugende Ergebnis, ihr aktuelles Album, veröffentlicht auf einem eigenen Plattenlabel, so unabhängig wie nur möglich von der ach so verhassten „Popindustrie“.

Und mit diesen Rasta-Songs besucht sie nun Berlin im Rahmen ihrer 2005er Tour. Ich gebe zu, ich hatte gemischte Gefühle vor diesem Konzert. Nachdem ich bereits fünf Mal das Glück hatte, diese Sängerin live zu erleben, konnte ich mir nicht vorstellen, ein Konzert von ihr zu erleben, in dem nicht ein einziger Song ihres bisherigen Schaffens zu hören sein würde. Auf der anderen Seite hat mich „Throw Down Your Arms“ begeistert – diese Offenheit, diese Hingabe, diese Glaubwürdigkeit ist einfach phänomenal.

So ging es denn los – mit einer halben Stunde besten Reggae-Entertainments durch Sly & Robbie und deren Band. Nachdem die grandiose Band das Publikum gehörig aufgeheizt hatte, betrat Sinéad die Bühne – um erstmal allen mit ihrer fast-a-capella-Version von „Jah Nuh Dead“ den Atem zu verschlagen. Was danach kam, lässt sich kaum in Worte fassen. Alle Songs vom aktuellen Album, vorgetragen voller Hingabe und Leidenschaft, dazu ein paar exquisite Überraschungen wie „Move Out Of Babylon“ oder „Abendigo“ (TDYA-Titel, die leider nur per Japan-Import erhältlich sind), oder auch das gemeinhin als unselig sigmatisierte „Rivers Of Babylon“ von Boney M. In Sinéads Kosmos klingt dieses hierzulande als billiger Schlager verpönte Stück wie eine anrührende, fesselnde Ballade.

Ohne jeden Zweifel waren die ersten beiden Zugaben die Höhepunkte dieses ungewöhnlichen Abends: die zwei sanften Stücke „Run Comes (Throw Away Your Stoney Heart)“ und „Keep Cool Babylon“ verdeutlichten einmal mehr, dass hier eine Ausnahmesängerin, die oft und gern missverstanden wird, sehr genau weiss, was sie tut. Nämlich die Lieder, die ihr wirklich am Herzen liegen, voller Begeisterung zu singen, mitunter zu schreien und stets zu leben. Ohne Frage, derart gelöst, glücklich und gelassen habe ich Sinéad noch nie erlebt wie gestern Abend. Atemberaubend.

Was sie derzeit tut, scheint voll und ganz auf ihrem eigenen Mist gewachsen zu sein: diese Rasta-Songs, diese Tour, diese Attitüde – es ist ihr Ernst mit diesen Liedern und genau das bringt den Zuhörern so unsagbar große Freude. Und so stand ich nach dem letzten Song des Abends, einer fast bedrohlichen Version von „Stepping Razor“, völlig verblüfft und ein wenig fassungslos vor der viel zu schnell viel zu leeren Bühne des Berliner Tempodroms. Doch, es geht noch besser als zuletzt 1997, 2002 oder 2003, wo sie jeweils schon einmal so etwas wie das bis dato „beeidruckendste Konzert meines Lebens“ performte. Sie schafft es immer und immer wieder, und das macht mir bisweilen ein wenig Angst – was soll da jetzt noch kommen?

Aber bevor ich mir darüber den Kopf zerbreche, bin ich zufrieden und dankbar für ein weiteres sensationelles Sinéad O’Connor-Konzert. Could go on and on, the full has never been told…

Sinéad O’Connor
Live @ Tempodrom, Berlin
2005-11-14

Jah Nuh Dead
Marcus Garvey
Move Out Of Babylon
He Prayed
Y Mas Gan
Door Peep
Abendigo
Curly Locks
Prophet Has Arise
Throw Down Your Arms
Vampire
Untold Stories
Rivers Of Babylon
War
Downpressor Man
None A Jah Jah Children

E:
Run Comes (Throw Away Your Stoney Heart)
Keep Cool Babylon
Stepping Razor