NP: Element Of Crime – Mittelpunkt der Welt (2005)

Zum ersten Mal trat diese Band in meiner Zeit als Pennäler in mein Leben. „Weißes Papier“ hieß das Album, mit dem Element Of Crime erstmals meine Aufmerksamkeit erlangten. Das war irgendwie unerhört. Und so seltsam. Grandiose Texte, die sich mit sanften, bisweilen gar ironischen Gitarrenläufen paaren, ein sanft tänzelndes Schlagzeug, die zwischen Texmex-Romantik und französischem Chanson lustwandelnde Trompete – zu Zeiten von Grunge und Eurodancetrash war der Sound von EoC eine wunderbare Alternative.

Keine Frage, sehr schnell erschloß ich mir die zurückliegenden Platten der Band – die paar englischen Alben (haben ebenfalls ihren Charme, besonders „Try To Be Mensch“), aber gerade auch „Damals hinterm Mond“, dem fast noch besseren Vorgänger von „Weißes Papier“. „Irre, warum bin ich nicht eher auf die gestoßen“, hab ich mich damals gefragt. Element Of Crime sind seither ein echter Begleiter geworden – so eine Art musikgewordener treuer Hund, der einem immer zur Seite steht. Das erstaunlich sanfte Timbre von „An einem Sonntag im April“ war Salz in eine Beziehungswunde; „Die schönen Rosen“, gekauft in Köln, kurz nach dem Abi, war der Soundtrack zum Ersten Semester. Auf der Tour zum vergleichsweise wilden „Psycho“-Album hab ich die Band erstmals live sehen dürfen, und „Romantik“ erinnert mich wohl mein Leben lang ans wunderbare Leben in einer musikverrückten Wohngemeinschaft.

Und jetzt? Jetzt führen mich Element Of Crime zum Mittelpunkt der Welt, so heißt die neue Platte. Mitten in einer schrecklich hektischen und unruhigen Zeit setzt dieses Album einen wohltuenden Kontrapunkt. Da ist sie wieder, diese melancholietrunkene Lyrik von Sven Regener, diese lakonische Musik, diese dauerngrinsende Sehnsucht. Ob „Mittelpunkt der Welt“ besser oder schlechter ist als die alten Alben? Was weiß ich?! Das ist unüberhörbar EoC, vielleicht ein wenig „trockener“, sparsamer als zuletzt. Aber unverändert gut, unverändert schön, unverändert hilfreich. Musik, die den Hörer erdet und gleichzeitig entführt und schweben lässt.

Hier müssten jetzt die üblichen Element-Assoziationen kommen: Rotwein, Herbst, Hängematte… Aber die wurden (zu Recht) schon bei so vielen anderen aufgeführt. Ich gönn‘ mir, in Ermangelung besserer Bilder (ja, ich bin gerade müde und will eigentlich nur noch die Platte zu Ende hören und dann ins Bett) das vom „Fels in der Brandung“. Genau das sind EoC für die hiesige Musiklandschaft nämlich: unkaputtbar, unverzichtbar, unverbesserlich. Ein tolles Album – ohne Wenn und Aber. „Sag, dass ich bekloppt bin, aber sag nicht, ich hätt Euch nicht gewarnt…“ (10/10)

Ziemlich ruhig hier…

Ja, es stimmt – es ist in den letzten Tagen ziemlich ruhig hier. Dieser kurze Eintrag soll nur dazu dienen, ein Lebenszeichen zu senden. Im Moment ist es stressig wie selten, da bleibt leider viel zu wenig Zeit fürs Blog. Aber das wird sich hoffentlich recht bald wieder bessern. Dann gibts frische Texte, Reviews, Links usw. Und: das Blog wird von Spam und Kommentar-Dubletten befreit. In ein paar Tagen – versprochen!!

Das sind die "Gewinner"-Gewinner!

So, zurück aus dem wunderschönen Budapest, mit wahnsinnig vielen Eindrücken, tollen Begegnungen und lustigen Begebenheiten (in dieser Stadt heißen die Bands alle entweder „Rock Band“, „The Proper Funky Band“, „The Hot Jazz Band“, „The Blues Band“ usw. oder aber tragen erquickliche Namen wie „Porno 69“ und „Hippiekiller“. Aber das nur am Rande).

In den letzten Tagen gabs ja hier ein kleines Gewinnspiel – insgesamt 3 Exemplare meiner aktuellen CD „Gewinner. Launische Lieder live“ hatte ich ausgelobt. Nun, meine Erwartungen in Sachen Beteiligung wurden deutlich überschritten – das Los musste entscheiden. Das hier sind die drei (hoffentlich glücklichen) „Gewinner“-Gewinner:

Manfred Schulz aus 24887 Silberstedt,
Oliver Müller aus 67663 Kaiserslautern und
Bärbel Riedel aus 73079 Suessen!

Herzlichen Glückwunsch Euch Dreien, die CDs gehen morgen früh an Euch raus. Allen anderen empfehle ich aufs Herzlichste nochmals die Internetseite danielheinze.de – hier könnt Ihr die CD für wirklich wenig Geld kaufen, natürlich vorher reinhören und auch Eure Meinung zur CD los werden bzw. lesen, was andere „Gewinner“-Hörer vom Album halten. Und Danke fürs Mitmachen – die Resonanz hat mich hoch erfreut und mächtig überrascht!

Element Of Crime-Weblog: Am Montag gehts los

Die wunderbare deutsche Band Element Of Crime startet am kommenden Montag auf ihrer Homepage ein eigenes Weblog:

Ein WEBLOG wird kommen und dann wird sich auch herausstellen, was das eigentlich ist.
Am Montag, dem 19. September startet unter http://www.element-of-crime.de ein WEBLOG. Oder Blog. Jedenfalls so eine Art Online-Tagebuch, in dem SVEN REGENER vom 19. September bis zum 4. Oktober jeden Tag ein paar Zeilen über das verzapfen wird, was ihm in seinem trostlos-trüben Leben als Rockstar so durch den Kopf geht oder was er gerade wieder Uninteressantes erlebt hat usw., wie Tagebücher eben so sind… – mit der gleichzeitigen Möglichkeit für die Leser, das zu kommentieren. Puh, das wird was! Wenn er es bis dahin geschafft hat, seine seit zwei Jahren in seinem Besitz befindliche Digitalkamera ZU KAPIEREN, gibt es vielleicht sogar Bilder dazu. Na herrlich! (Quelle: EoC-Newsletter vom Tage)

Na herrlich indeed. Ich hoffe mal sehr, dass EoC nicht mit argwöhnischen Kommentaren aus Kleinbloggersdorf abgestraft werden, wo sie doch Weblogs durch das böse böse Wort „Tagebücher“ erklären (mir ist das ja völlig schnuppe, aber es gibt da ein paar Zeitgenossen, die das gar nicht gerne lesen). Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf den bloggenden Herrn Lehm… äh, Regener. Und auf die neue Platte der Band sowieso.

Blues Traveler – Bastardos! (2005)

Spätsommer 2003. Ein starker Song namens „Partner In Crime“ mit einem unwiderstehlichen Gitarrenriff und selbstbewußt herausgebellten Gesängen setzt den krönenden Schlußpunkt des Blues Traveler-Albums „Truth Be Told“. Entgegen den meisten Erwartungen legten die US-Rocker damals eine rundum große, ja geradezu stolze Platte vor. Und das Schlußstück hätte genausogut der Opener sein können – auf „Truth Be Told“ ging es um Songwriting, auf ausufernde Jams oder Experimente verzichtete die Band. Und schuf somit eines der besten Alben ihrer Karriere.

Spätsommer 2005. Ein vertracktes, bisweilen gar wirres Stück namens „You Can’t Stop Thinking About Me“ eröffnet das nächste Studioalbum der Blues Traveler. Der Song erinnert stark an „Partner In Crime“, mutet aber an wie dessen kleiner ungezogener, aggressiver, Sturm-und-Drang-Teenager-Bruder. Und eröffnet einen Reigen von 14 Tracks, den Hörer erstmal etwas ratlos zurücklassend. „You Can’t Stop…“ ist der Auftakt zu einem Album, wie es gegensätzlicher zu seinem Vorgänger kaum sein könnte.

Bastardos! strotzt vor Experimentierfreude und Detailversessenheit: schräge Effekte, Arrangements, die mehr als einmal auf Dissonanzen und Gegensätze bauen, jede Menge musikalischer Witz, bisweilen allerdings ein recht skurriler Humor. Das alles heißt aber nicht, dass diese Platte frei von guten Songs wäre – im Gegenteil. Auf Stücken wie „After What“ (geile Gitarren), „Money Back Guarantee“ (ein wirklich großes, sehr souliges Stück) oder „She Isn’t Mine“ (eine süße kleine Ballade) zeigt die Band eindrucksvoll, dass sie nach wie vor in der Lage ist, famose Lieder scheinbar aus dem Ärmel zu schütteln.

Dennoch ist unüberhörbar: Blues Traveler suchen hier heftigst nach neuen musikalischen Herausforderungen, wollen sich unbekannte Soundlandschaften erschließen und scheuen sich nicht, volles Risiko einzugehen. Das geht fast immer gut („Can’t Win True Love“ heißt der beste Song des Albums und besticht durch vielschichte Backings und wummernde Orgelsalven, „Nail“ durch gewagte Klangeffekte, „She And I“ durch ungewohnte Seventies-Disco-Reminiszenzen, treffsichere Bläser-Sektion inbegriffen), mitunter aber eben auch gehörig schief. Titel wie „Rubberneck“ oder „What Could Possibly Go Wrong“ tönen dann doch ein wenig zu schrill, zu gewollt anders aus den Lautsprecherboxen. Aber hey – no risk, no fun.

Ohne Zweifel ist „Bastardos!“ die bislang am stärksten von den beiden Neuzugängen Ben Wilson (Keyboards) und Tad Kinchla (Bass) geprägte Studioveröffentlichung der Band um John Popper. Wobei es freilich ein wenig unfair ist, nach fast sechs Jahren Bandzugehörigkeit noch von Neuzugängen zu sprechen. Dennoch fällt hier stärker denn je auf, dass diese beiden Musiker den Sound und das Selbstverständnis der Blues Traveler gehörig aufgemischt und verändert haben. Um es mal ganz deutlich zu schreiben: Ben Wilson rockt diese Platte wie nix Gutes und kann getrost als der Held der Stunde gefeiert werden – sein Solo auf „She And I“ ist der vielleicht stärkste Moment dieser Veröffentlichung.

Erfreulich, wie „Bastardos!“ mit jedem Hören wächst und wächst und wächst. Auch, wenn die CD schwerer verdaulich ist als etwa „Truth Be Told“ und durchaus den einen oder anderen verzichtbaren Song in sich birgt, so ist sie doch liebenswert und verführerisch. Man drückt immer wieder auf „Play“, um sich das nochmal anzuhören. Nicht, um es sich schönzuhören. Sondern um mit jedem neuen Durchgang ein anderes spannendes Detail zu entdecken. In einem bleibt sich die Gruppe auch diesmal treu: schon zum achten Mal veröffentlichen Blues Traveler ein Studioalbum, das wie keines seiner Vorgänger klingt, das seinen ganz eigenen Stil und Charme hat. (8/10)

„You can’t change what has happened / no matter how much better you could do /
And while we’re on it you know you can’t change me / and you can’t change you. You shouldn’t have to.“

(Blues Traveler – Can’t Win True Love)

Geburtstag. Gewinner. Gewinnspiel!!

Heute vor einem Jahr ging es hier los mit dem dunkelblau Weblog… Irre, wie die Zeit rennt. An dieser Stelle erstmal Danke an die vielen netten Menschen, die ich durch dieses Weblog kennenlernen durfte – die meisten virtuell, aber einige sogar persönlich. Mir macht dieses Projekt hier nach wie vor Spaß und ich freue mich aufs nächste Jahr!

Zum Einjährigen gibts eine kleine Premiere: die erste Verlosung im dunkelblau Weblog! Zu gewinnen gibts Freiexemplare meiner neuen CD „GEWINNER. Launische Lieder live„. Insgesamt drei Stück mach ich für Euch locker!

Und so gehts: Wer in den Lostopf möchte, der schreibe bitte fix eine eMail an mich: daniel[ät]dunkelblau-online.de. Betreffzeile: „Gewinner“ gewinnen! Bitte nicht die eigene Adresse vergessen, schließlich muss ich ja wissen, wo die CD hingehen soll. Deadline ist SONNTAG, 25. SEPTEMBER 2005, 24:00 Uhr (Datum des Poststempels, äh, Eingang in meiner Mailbox). Melden sich mehr als drei Interessenten, entscheidet natürlich das Los.

Die „Gewinner“-Gewinner stehen dann am 26. September hier im Weblog und die CDs wandern noch am gleichen Tag in die Post.

Wer nicht die Katze im Sack gewinnen will, oder aber die CD käuflich erwerben möchte (da hab ich natürlich so absolut gar nichts dagegen!), der kann sich auf danielheinze.de herzlich gerne schlau machen, reinhören und einige Reaktionen zum Album nachlesen.

Viel Glück – ich gönn‘ mir jetzt ein Geburtstagsgläschen Wein.

Spin Doctors – Nice Talking To Me (2005)

Das fühlt sich komisch an. Irgendwie erhebend. Irgendwie seltsam. Da tanzen die Glücksgefühle Tango. Gleichzeitig ist da aber dieses leicht flaue Gefühl. Okay, am besten von vorne: Das hier ist wahrscheinlich der hundertundzwanzigste Eintrag in diesem Weblog über eine Band namens Spin Doctors. Durchaus bin ich der Lage nachzuvollziehen, dass der eine oder andere Leser dieser Seite genervt ist von der Dauerpräsenz dieser Combo. Aber ich kann nun mal nicht anders. Und wenn ich ehrlich bin, will ich auch gar nicht anders. Ja, ich bin ausgemachter Fan dieser Band. Ja, ich glaube, dass diese vier Herren die beste Rock’n’Roll-Formation unserer Tage sind. Ja, ich nehme durchaus zur Kenntnis, dass meine Liebe zu den Doctors mich schon desöfteren zum Gespött meiner Mitmenschen gemacht hat. Aber wenn ich gleich nochmal ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann ist mir das reichlich egal. Insofern gibt es eigentlich überhaupt keinen Grund, diese relativierenden Worte vor die Kritik des neuen Albums zu stellen. Es war mir dennoch ein Bedürfnis. Und jetzt los.

Nice Talking To Me ist da. Das neue Album der Spin Doctors. Das fünfte Studioalbum überhaupt, und das erste in Originalbesetzung seit 1994. Und um es vorweg zu nehmen: vom ersten bis zum letzten Ton ist diese Platte ein Segen, ein Geschenk, ein Hochgefühl, ein Glück.

Da ist diese US-Combo, die in den frühen Neunzigern zwei, drei Riesenhits hatte. Die gleich nach diesen Hits all das erleben musste, was man eigentlich keiner Band wünscht: Mißerfolge, Trennungen, Umbesetzungen, kreative Tiefs, Fans, die weglaufen und und und. Und die sich vor ziemlich genau vier Jahren wiederfand und seither, einer Newcomerband gleich, in den kleinsten Kaschemmen die Finger wund spielt, um einmal mehr Aufmerksamkeit, Beliebtheit und Gefolgschaft zu erlangen.

In diesen vier Jahren entstanden neue Songs, wurden neue Ideen umgesetzt, entwickelten die Spin Doctors ein neues Selbstbewußtsein. Das Ergebnis dieser vier Jahre gibt es nun auf CD: „Nice Talking To Me“ heißt sie und beherbergt zehn fantastische Songs. Stichwort „neue Songs“: Stücke wie „Margharita“, „Sugar“ und „Happily Ever After“ gehören zum besten, was diese Band jemals geschrieben hat. Stichwort „neue Ideen“: Das hier ist nicht das Album einer Neunzigerjahreband, die „es nochmal versucht„. Das ist das Album einer Band im Hier und Jetzt, die sich durchaus der Tatsache bewußt ist, dass wir 2005 schreiben und nicht 1993. Stichwort „neues Selbstbewußtsein“: die Spin Doctors wissen um ihre wechselhafte Geschichte, sie haben sich auf ihre Stärken konzentriert und ein Album vorgelegt, das vor guten, ach was, grandiosen Tracks nur so strotzt.

Vom launischen Opener „Nice Talking To Me“ bis zum aggressiven Schlußtrack „Sugar Pin“: der geneigte Hörer findet hier eine Dreiviertelstunde edelster Rockmusik – funky wie die Hölle, lustig, direkt, unaufgeregt, schön, ergreifend. Und in der Mitte thront „Can’t Kick The Habit“, ein Achtminutenopus über alte Gewohnheiten, Älter- und Erwachsenerwerden, die Liebe im Allgemeinen, die Liebe zur Sache und die Liebe zu sich selbst. Mit einem Jam, der keine Zweifel und doch alles offen lässt. Da dürfen auch mal ein paar Fußballreporter-Phrasen gedroschen werden: Sie waren nie besser als heute. Sie sind hervorragend aufgestellt. Ihr Spiel sucht seinesgleichen.

[Fanmodus an] Eric, Du alte Gitarrensau. „I’d Like To Love You“ und „Genuine“ sind die Momente, in denen Du am besten zeigst, was für ein Ausnahmemusiker Du bist. Marc, Du Tier. Deine Bass-Sequenzen bei „Sugar“, „Safety Pin“ oder „Tonight You Could Steal Me Away“ sind schlichtweg großartig. Aaron, Mann. Du hältst alles zusammen, mit diesem extrovertierten, punktgenauen, unverwechelbaren Spiel. Chris. Diese ach-so-scheisse-simpel- daherkommenden Texte, die von so viel Leben, so viel Leidenschaft und so viel Leichtigkeit zeugen. Und Dein Gesang, der ehrlicher, euphorischer, enthusiastischer kaum sein könnte. [Fanmodus aus]

„Nice Talking To Me“ ist großartig. Edel produziert, traditionsbewußt und dennoch vorwärtsgewandt. Nimm den besten Moment, der Dir in den letzten vier, fünf Jahren untergekommen ist und versuche, einen Soundtrack dazu zu finden. Hier ist er. In einem reifen, schönen, unterhaltsamen, aufrichtigen, weisen, aber nicht zuu weisen Album. If I let you in will you let me in? Aber sicher doch. (10/10)

This old world is a merry-go-round,
with painted horses going up and down.
Oceans of tears, gales of laughter
Once in a while someone lives happily ever after…

(Spin Doctors – Happily Ever After)

Spin Doctors Diskographie: Up For Grabs (1990, 7/10). Pocket Full Of Kryptonite (1992, 8/10). Homebelly Groove… Live (1993, 9/10). Turn It Upside Down (1994, 10/10). You’ve Got To Believe In Something (1996, 7/10). Here Comes The Bride (1999, 7/10). Just Go Ahead Now… A Retrospective (2000, 8/10). Live 2002 (offizielle mp3-Veröffentlichung, 2003, 9/10). Nice Talking To Me (2005, 10/10).

NP: David Gray – Life In Slow Motion (2005)

Opulent, was der Herr Gray auf seinem neuen Album Life In Slow Motion da veranstaltet. Wenn man bedenkt, dass David Gray vor gut fünf Jahren mit einer Platte berühmt wurde, die durch Minimalismus und Homerecording-Charme zum Welthit avancierte, dann hat der gute Mann eine mächtige Veränderung durchgemacht. „Life In Slow Motion“ ist üppig instrumentiert, mit Streichern, Bläsern, zahlreichen Keyboard-Tupfern… Und hier und da trifft man auf alte Bekannte, die auch schon Sinéad O’Connor- oder Ghostland-Platten veredelt haben: Marius de Vries, Caroline Dale, der große Gavyn Wright…

Die Songs sind solide, immer öfter beschleicht mich der Verdacht, dass David Gray zum Van Morrison unserer Tage wird („Lately“, „From Here You Can Almost See The Sea“). Die ruhigen Momente sind einmal mehr die stärksten, der Opener „Alibi“ etwa ist ganz hervorragend gelungen, ebenso „Ain’t No Love“. Auf „The One I Love“ erinnert er an Ocean Colour Scene, beim Titelsong „Slow Motion“ ist David Gray ganz er selbst.

Toll gesungen, bestechend produziert, clever arrangiert. Nur gegen Ende vielleicht etwas zu ideenarm. Trotzdem hat „Life In Slow Motion“ das Zeug dazu, eine der von mir am häufigsten gehörten Platten der bevorstehenden kalten Jahreshälfte zu werden – mindestens an Tagen, die auch nach musikalischer Melancholie verlangen. An Tagen, die einem vorkommen, als liefen sie in Zeitlupe ab. (7/10)

Snowflakes are falling I’ll catch them with my hands, snowflakes are falling now you’re my long lost friend.
(David Gray – Slow Motion)

So far… (1): Die Blues Traveler-Diskographie

Morgen erscheint „Bastardos!“, das achte (neunte? achteinhalbste?) Studioalbum der Blues Traveler. Bereits heute tobt im Bandforum eine leidenschaftliche Diskussion über die neue Platte. Noch habe ich die CD nicht in Gänze gehört, daher kann und will ich mir noch kein Urteil erlauben. Der Vorabend der neuen Veröffentlichung scheint mir aber ein guter Zeitpunkt zu sein, um einmal auf die bewegte Geschichte der Band zurückzuschauen, die sich auch in der Diskographie der Band wiederspiegelt…

BLUES TRAVELER (1990)
Eines dieser Alben der jüngeren Musikgeschichte, die den Titel „Klassiker“ wirklich verdienen. Vom ersten Ton („But Anyway“) bis zum letzten („Sweet Talking Hippie“) ist das Debüt der New Yorker Jamband hervorragend. Hier musizieren vier Freunde nach Herzenslust, mäandernde Jams treffen auf gnadenlos gute Hooklines; eine neuartige, wilde Spielfreude wird hier hörbar – das ist anders als alles, was in den späten Achtzigern / frühen Neunzigern sonst so aus New York kam. BLUES TRAVELER ist ein bewegendes Dokument aus der Zeit, in der sich in NYC eine völlig neuartige Musikszene entwickelte, und es ist nur konsequent, dass auf dieser CD viele Freunde aus dieser Szene vorbeischauen: Chris Barron von den Spin Doctors singt mit, Joan Osborne auch, und Saxophon-Guru Arnie Lawrence ist ebenfalls mit von der Partie. Tolles Debüt. (10/10)

TRAVELERS & THIEVES (1991)
Für viele hartgesottene Blues Traveler-Fans ist dieses Album das Nonplusultra, bei mir hat es nie wirklich so ganz „Klick“ gemacht. Ohne Frage, T&T beinhaltet großartige Momente – das launische „I Have My Moments“ etwa, die tollen Songs „All In The Groove“ und „Optimistic Thought“ ebenso. Aber alles in allem ist das zweite Album der Band für mich ein wenig überambitioniert: hier und da reichlich verkopft, bisweilen zu viel Herumgejamme und zu wenig handfestes Songwriting. Der atemberaubende Schlußtrack „Mountain Cry“ allerdings (mit Gregg Allmann von den Allman Brothers) entschädigt für alle Längen, die dieses Album aufweist – ein fantastischer Breitbild-Blues, wie man ihn besser kaum spielen kann. (7/10)

SAVE HIS SOUL (1993)
Entstanden in einer wirklich bizarren Zeit für die Band, mit einem Sänger, der nach einem Motorradunfall für ein knappes halbes Jahr an den Rollstuhl gefesselt war, ist SAVE HIS SOUL das vielleicht meistunterschätzte Album der Band. Diese Platte ist wütend, rastlos, suchend, fragend. Und genau deshalb so wichtig. Der beste Moment ist ohne Zweifel „Bullshitter’s Lament –> Conquer Me“. Was für eine Verbindung, was für Songs! Eine ganze Reihe von Kritikern unterstellt ja, dass das neue Album „Bastardos!“ sehr an „Save His Soul“ erinnern würde. Wenn das wirklich so ist, dann steht uns ein beeindruckendes neues Album der Band bevor. (9/10)

FOUR (1994)
Das Hitalbum der Blues Traveler. Schwebt bis heute wie ein Damoklesschwert über der Band. Die Singles „Run Around“ und „Hook“ katapultierten die vier in den US-Pop-Olymp. Bis heute hält „Run Around“ den Rekord als die Single, die jemals am längsten in den Billboard Top 100 vertreten war. Mal abgesehen von diesen beiden zu Recht erfolgreichen Nummern beherbert FOUR aber tatsächlich noch eine ganze Reihe weiterer famoser Songs: „The Mountains Win Again“ etwa, oder auch „Just Wait“. Das Problem an dieser Platte: alle nachfolgenden Releases mussten sich am Erfolg von FOUR messen lassen – aber so ein großer Wurf gelingt nun mal nicht alle Tage. (10/10)

LIVE FROM THE FALL (1996)
Das erste Livealbum der Band – und diese Doppel-CD ist derart episch und groß, dass man es kaum fassen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes: Blues Traveler zeigen hier so ausführlich, was für eine gnadenlos gute Band sie sind, dass man die CD kaum am Stück hören kann – zu viele Eindrücke, zu viele schräge Ideen, zu viele grandiose Jams prasseln hier auf den Hörer ein. Die Höhepunkte: das rare „Closing Down The Park“ auf der ersten CD, das in jeder Hinsicht atemberaubende „Alone“ und die respektvolle Adaption von „Imagine“ auf CD Nummer zwei. „Wahnsinn“ ist das Wort, das wohl am besten zu dieser Veröffentlichung passt. (8/10)

STRAIGHT ON TILL MORNING (1997)
Kaum zu glauben, dass es diese CD war, die mich ursprünglich zum Fan der Blues Traveler gemacht hat. Ich habe diese Platte blind gekauft, nur wissend, dass BT eine tolle Band sein sollen. Und ja, dieses Album hielt, was die Vorschußloorbeeren versprachen. Famose Lieder, ausgefallene Ideen, tolle Produktion. Titel wie „Yours“ oder „Most Precarious“ waren mein Soundtrack dieses Jahres. Erst danach hab ich mich an die Vorgängeralben herangemacht und durfte erkennen, dass SOTM bei weitem nicht das beste ist, was diese Band zu bieten hat. So gut und gelungen das Album sein mag, so clever die Band den Druck der Nachfolgeplatte zum Hitalbum gemeistert haben mögen, STRAIGHT ON TILL MORNING verfügt eben doch nicht über die Magie von FOUR oder BLUES TRAVELER. Aus heutiger Sicht: Stagnation auf hohem, ach was, höchstem Niveau. (7/10)

DECISIONS OF THE SKY – A TRAVELER’S TALE OF SUN & STORM (2000)
Es ist viel passiert seit SOTM, sehr viel sogar. Das letzte Album konnte nicht an die Erfolge seines Vorgängers anknüpfen, Sänger John Popper versuchte sich erfolgreich an einem Soloalbum („Zygote“ würde in dieser Liste locker 8/10 Punkten abräumen), aber BT-Bassist Bobby Sheehan starb zur gleichen Zeit an einer Überdosis Heroin. Die Band Blues Traveler schien im Jahr 1999 am Ende zu sein. Doch die Herrschaften haben nicht die Flinte ins Korn geworfen, sondern recht schnell beschlossen, weiterzumachen. Nicht trotz, sondern wegen des schmerzlichen Verlustes von Bobby Sheehan. Tad Kinchla, der Bruder von Gitarrist Chan Kinchla, sollte Bobbys Stelle einnehmen, und ein gewisser Ben Wilson – heute kaum wegzudenken aus dem Bandgefüge – kam als Ergänzung an den Keyboards als festes Bandmitglied hinzu. Die 4-Track-EP DECISIONS OF THE SKY ist eine künstlerische Standortbestimmung – wo soll es hingehen, was können wir, was wird zukünftig geschehen… Zentrales Stück dieser kostenlos übers Internet vertriebenen Aufnahme, die immerhin 38 Minuten lang ist, ist sicher die 20minütige „Traveler’s Suite“ – ein aus mehreren Teilen bestehendes Epos, das nichts mehr mit einem klassischen Rocksong zu tun hat. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist DOTS ein willkommenes Zeichen, fünf Jahre später kann und sollte man es als gelungenes, aber weiß Gott nicht ausgegorenes Intermezzo einstufen. (6/10)

BRIGDE (2001)
Das erste „richtige“ Album der Blues Traveler 2.0, wie sie heute von den Fans liebevoll bezeichnet werden. Und dennoch eine Platte des Übergangs, eine Brücke zur Jetztzeit der Band. BRIDGE lebt durch große, emotionale Songs, der neue, deutlich modernere Sound jedoch stößt einige alte Fans vor den Kopf. „Nichts Halbes und nichts Ganzes“, sagt der Oldschoolfan. „Ein Aufbruch“, sagt der geneigte Hörer. Bis heute ist BRIDGE für mich eines der BT-Alben, die mich am stärksten berühren. (9/10)

LIVE – WHAT YOU AND I HAVE BEEN THROUGH (2002)
Wir schreiben das Jahr 2001. Gerade eben sind Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center geflogen, und die Welt steht Kopf. In all den Wirren des Herbstes 2001 begeben sich BT 2.0 auf US-Tour, und WHAT YOU AND I HAVE BEEN THROUGH dokumentiert Teile dieser Tour. Klar, dass ein Patriot wie Sänger John Popper darauf besteht, dass diese Platte mit einer Mundharmonika-Version des „Star Sprangled Banner“ beginnt. Doch siehe da: diese ganz fürchterlich editierte CD dokumentiert eine frische, motivierte Band, die eine neue, bisher unbekannte Richtung einschlägt – und überzeugt daher trotz aller (vermarktungstechnischen, optischen, akustischen) Schwächen. (7/10)

TRUTH BE TOLD (2003)
Sen-sa-tio-nell. BT 2.0 haben sich gefunden und legen ein derart kompaktes, liebevolles, euphorisches und zugängliches Album vor, wie man es der Band, die einst „Run Around“ und „Hook“ veröffentlichte, nie wieder zugetraut hätte. Jeder Schuß ein Treffer, hier spielt eine junge, frische, performancewütige Band. Und beschert dem geneigten Hörer Perlen wie „Eventually“, „Sweet And Broken“ und „This Ache“. Ja, da ist sie wieder, diese ursprüngliche Leidenschaft, diese Lust an der Provokation, diese Spielfreude. Was auf BRIDGE nur andeutungsweise zu hören war, blüht hier so richtig auf. TRUTH BE TOLD ist das beste Album der Blues Traveler seit FOUR. Ach was, seit BLUES TRAVELER. (10/10)

LIVE – ON THE ROCKS (2004)
Der kleine Bruder der 2003er Live-DVD „Thinnest Of Air“. Was auf Doppel-DVD sehr ausführlich und fanfreundlich aufbereitet wurde, ist hier auf komprimierte, aber nichtsdestotrotz zwingende und bestechende Weise nachvollziehbar: mit dieser Band darf / muss man rechnen, sie hat Seele, ist im neuen Jahrzehnt angekommen und ist spielwütig wie nie. Vom Duett mit Bob-Sohn Ziggy Marley bis zum verschrobenen Finale mit „Thinnest Of Air“, dem heimlichen Hit von TRUTH BE TOLD – hier spielen BT 2.0, als ginge es um ihr Leben. Ganz groß. (9/10)

Soo… Jetzt kann „Bastardos!“ kommen. Die Kritik zur neuen Platte – demnächst in diesem Theater.