NP: Ben Harper – So High So Low EP (2003)

Dieser Eintrag ist der netten Frau H. vom Zollamt in Taucha, Sachsen gewidmet. Ihr ist es zu verdanken, dass diese Japan-only-CD nach langen Wochen des Wartens dann doch noch den Weg in meinen heimischen CD-Player gefunden hat. Mit Importen aus Ländern wie, sagen wir mal, den USA oder Japan, ist es ja so: wenn Du Glück hast, pennt der Zoll, und Du kriegst binnen einer Woche die von Dir bestellten Sachen. Wenn Du mittelschweres Pech hast (das kommt am häufigsten vor), dann erkennen die findigen Menschen vom Zoll, dass da „Drittlandsware“ drin ist, und knallen Dir etwa ein Drittel des Kaufpreises nochmal als Zollgebühr drauf. Und wenn Du riesengroßes Pech hat (und das hatte ich im Falle dieser Ben Harper-EP), dann bekommst Du Post vom Zoll, eine „Benachrichtigung über den Eingang einer Sendung mit Drittlandsware“.

Mit diesem Schreiben fordern die Zollmenschen einen dann auf, doch bitte eine Rechnung über die zur Debatte stehenden Güter zu liefern. Blöd halt nur, wenn die Rechnung IM Paket drin ist, und Du selbst noch keine hast. Widrigkeiten der Zivilisation wie „Postgeheimnis“, „Ersatz-Zollinhaltserklärungen“, „Postverzollung“ und „Tagesstempel des Verzollungspostamts“ taten ihr übriges, um die Einfuhr von 27 Minuten Musik zu einer reichlich komplexen Angelegenheit werden zu lassen. Nachdem ich mich seelisch und moralisch auf einen Nervenkrieg mit dem Hauptzollamt eingestellt hatte, griff ich zum Hörer, um einfach mal nachzufragen. Dumm stellen und dabei freundlich sein führt ja desöfteren zum Erfolg.

Und siehe da: gefaßt auf das allerschlimmste, also auf lethargische, latent frustrierte und grundsätzlich die Vokabel Kooperation aus dem Wortschatz gestrichen habende Beamte, erlebte ich eine angenehme Überraschung. Frau H. sollte in mein Leben treten und sich ob ihrer netten Art einen Platz in meinem Weblog und in meinem Herzen ergattern. Ausgerechnet von einer Mitarbeiterin eines Hauptzollamtes Sätze wie „Ach, das kriegen wir hin!“ oder „Da helf ich Ihnen glatt“ zu hören, macht mächtig viel Eindruck und kann für ein paar Augenblicke Dein Weltbild erschüttern.

Auch wenn mir bis heute mehr oder minder schleierhaft ist, welches Problem genau das Hauptzollamt Leipzig mit dieser Ben Harper-Platte hatte, ist dies eine Geschichte mit einem Happy End, das das Innere eines Plattensammlers rührt wie der Schluß von „Titanic“ das eines weiblichen Kinobesuchers. An das Gute in der gemeinen Hauptzollamtsmitarbeiterin glaubend lausche ich packenden Liveversionen von „She’s Only Happy In The Sun“ und „When She Believes“, inbrünstigen Acoustic-Outtakes wie „Amen Omen“ und respektvollen Covern wie „Strawberry Fields Forever“.

Ich danke Ben Harper für seine Musik. Ich danke der japanischen Plattenindustrie für diese Veröffentlichung. Aber das Wort „Dank“ genügt nicht, um auszudrücken, was ich für Frau H. empfinde. Amen Omen!

NP: Dave Matthews Band live – Worcester, MA December 8, 1998 (2004)


Sie zu zählen ist inzwischen wirklich schwer – die Dave Matthews Band hat inzwischen derart viele Livealben rausgebracht, dass man schon etwas den Überblick verlieren kann. Da war vor vielen, vielen Jahren „Live At Red Rocks“, das erste reguläre Konzertalbum. Seitdem gab es etliche weitere Releases, einige brilliant und zeitlos (die Central Park-Show, Folsom Field), und die anderen mindestens unterhaltsam und gut (die 6-CD-Gorge-Megapackung, Listener Supported). Klar, da hat jeder seine eigenen Favoriten und auch Shows, die er nicht so gelungen fand.

Jetzt starten DMB mit einer neuen Live-Serie durch: „Live Trax“ nennt sich die Reihe offizieller Veröffentlichungen, die allerdings nur über die Webseite der Band als digitaler Download oder – zum Glück – als „richtige“ CDs angeboten werden. Volume One ist jetzt erschienen, und wahrlich, die Wahl der Show war absolut korrekt. Das, was Dave und seine Kollegen am 8. Dezember 1998 in Worcester vom Stapel gelassen haben, kann ohne mit der Wimper zu zucken zu den besten offiziell auf CD gebannten Performances der Band gezählt werden. Illustre Gäste sind dabei, die Setlist ist ungewöhnlich, und die Spielfreude und Vielfalt einfach bemerkenswert:
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"Lad Dir den bekloppten Frosch auf Dein Handy!"…

Demnächst auf dem Musiksender Ihrer Wahl: bekloppte Frösche, debil dreinschauende Ratten, fette Nilpferde und garantiert unwitzige Fun-Klingeltöne, Orgasmen auf Sächsisch und so. Und das – nahezu Nonstop! Das klingt vielleicht für pubertierende Handyafficionados mächtig verlockend, für den Rest der Welt ist es eher eine Horrorvorstellung.

Ab 2005 könnte das aber bittere Realität werden: Die Fusion von MTV und Viva ist ja seit ein paar Monaten beschlossene Sache, aber dass der Kahlschlag bei Viva (und letztlich auch bei MTV) derart rasch und radikal kommen würde, überrascht dennoch. Jawoll, keine Musikspezialsendungen mehr auf Viva, die Charlotte Roche-Fangemeinde (zu der ich zwar nicht gehöre, mit der ich mich aber gerne solidarisiere) trauert um „Fast Forward“, die HipHop-Community (auch da guck ich eher von außen drauf, aber was solls) um „Mixery Raw Deluxe“ und der Rest der Welt (das bin dann u.a. ich) um Sarah Kuttners wirklich amüsante Show und um „MTV Spin“ mit Markus Kavka. Denn all diese Sendungen werden wohl das Jahr 2004 nicht überleben – das prophezeien jedenfalls zahlreiche Berichte der letzten 24 Stunden.

Stattdessen: „Big Brother“-Wiederholungen, Klingelton-Charts, noch mehr bekloppte Frösche, tanzende Nilpferde und all der andere Unfug, der schon jetzt das Musik-TV-Gucken zu einer Nervenprobe hat werden lassen.

Ich hab jetzt genau zwei Möglichkeiten: entweder verzichte ich einfach ganz aufs Musikfernsehen und lerne damit zu leben (meine CDs importier‘ ich ja inzwischen auch mehrheitlich aus Übersee, und Radio – hmmm, okay, da bin ich befangen) oder…

…oder ich leg mir endlich ein Handy zu, mit dem ich Rattenwerfen spielen kann, oder Kakerlakenfangen. Eines von diesen Handys, die mir polyphon meine Lieblingstitel vorspielen (gibts nen polyphonen Klingelton von Dave Matthews‘ „I’ll Back You Up“?), oder die mir statt eines Klingelns voll so lustige Sprüche zubrüllen, oder Furze und so. Mit dem ich mir vom supi Love-Orakel sagen lassen kann, ob die Liebe zwischen mir, ich wähle als Künstlername dann Schnurzipups78, und meinem Schwarm, Künstlername Knuddelkatze82, überhaupt Chancen hat. Jaaa. Das wär toll. Denn dann wär ich endlich wieder Zielgruppe für das, was die Macher jetzt unter Musikfernsehen verstehen.

Mein allergrößter Respekt gilt den letzten Aufrechten, die bei Viva und MTV noch mit Herzblut Musikfernsehen gemacht haben. Bitte, gebt nicht auf, klingelt mal beim alten Onyx-Team durch, geht zusammen einen trinken und lasst Euch irgendwas einfallen, damit am 1. Januar 2005 nicht „The Age Of The Bekloppter Frosch“ anbricht.

Gib mir Musik: Marc Broussard Live 2004

Um die eben gepostete Kritik zum Album „Carencro“ von Marc Broussard noch ein wenig mit Beweisen zu untermauern, sei auf die offizielle Homepage des Künstlers hingewiesen. Hier gibts drei Liveversionen von „Carencro“-Songs zum Gratisdownload. (Nicht erschrecken, die Seite ist von der etwas langsameren Sorte. Doch wer sich in Geduld übt, wird reich belohnt werden.)

Promofoto gemopst von Broussards offizieller Seite.

Marc Broussard – Carencro (2004)

„Das kann nicht sein!“ – „Das darf doch nicht wahr sein!“ – „Wie geht denn bitte sowas?!“ Gedanken wie diese schießen durch den Kopf, wenn man die ersten zwei, drei Songs auf „Carencro“ hört: Da singt und spielt ein Kerl, der sich anhört wie ein erfahrener, whiskeyerprobter, leicht verlebter Soulsänger in seinen Vierzigern. In Wahrheit handelt es sich aber um einen 22jährigen, der aussieht wie der kleine schüchterne Bruder von Ben Affleck. Die Rede ist von Marc Broussard, der angenehmsten Überraschung seit langem.

Marc sang, so will es die Plattenfirmenlegende, schon im Alter von fünf Jahren wie ein kleiner Gott, damals wars „Johnny B. Goode“, später lernte er im Kirchenchor von Carencro, Louisiana seine Stimme geschickt einzusetzen. Naja, und wenn Papa und Opa auch leidenschaftliche Hobbymusiker sind, dann war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Klein-Marc auch zur Klampfe greifen sollte um eigene Songs zu schreiben. Die klingen dann, als hätten ihm seine Eltern schon als Kleinkind statt Gutenachtlullabies die wichtigsten Platten von Marvin Gaye und Otis Redding vorgespielt. Bluesiger, souliger Rock ist das, der mal etwas leichtfüßig-poppiger daher kommt (wie etwa in „The Beauty Of Who You Are“ oder der Single „Where You Are“), oft aber auch erdig-rotzig und dreckig wirkt (wie im Monster-Opener „Home“).

„Carencro“, nach der nicht minder empfehlenswerten Independent-Veröffentlichung „Momentary Setback“ Broussards Major-Debüt, ist ein Stelldichein der kleinen Glücksmomente. Sicher, der Knabe weiß, mit was für einer Hammerstimme er gesegnet ist. Aber er überspannt den Bogen nicht, hier wird nie das Mittel zum Zweck. Immer sind es die Songs, die überzeugen. Immer ist es der Groove, der mitreißt. Und immer sind es die adäquaten Arrangements, die dieses Album zu einem einzigen Vergnügen machen. Diese Stimme bringt den geneigten Hörer dazu, zu feiern wie noch nie zuvor in seinem Leben. Um ihn im nächsten Track sanft, warm und geradezu zärtlich zu umschwärmen.

Müsste ein einziger Song genügen, um Marc Broussard zu charakterisieren, es wäre sicherlich „Come Around“. Was für eine sexy Melange aus kratzigem Rock und geschmeidigem Soul: „Baby you can use me any way that you enjoy / You know how to groove me / I’m dancing like a little boy.“ Wenn heutzutage schon Menschen behaupten dürfen, der Deutsche Max Mutzke hätte für sein Alter (20 oder so) mehr Soul als manche Künstler in ihrem ganzen Leben, dann erlaubt sich der euphorische Verfasser dieser Zeilen zu konstatieren: Marc Broussard hat mehr Soul in seiner rechten Arschbacke als Max Mutzke im ganzen Körper. Ohne Zweifel die Neuentdeckung des Jahres!

Studio zu verkaufen! Schnäppchenpreis!

Lalalalassteuchnichtveraaarschen: Für den Freudichpreis von 1.700.000 Dollar gibts bei ebay derzeit ein wahrhaft historisches Studio in Woodstock, New York! Nicht irgendeine moderne Produktionsbude, sondern ein Haus, das Musikgeschichte geschrieben hat. Die Rolling Stones, Bob Dylan, Eric Clapton, George Harrison, Muddy Waters, Dave Matthews Band, Iggy Pop, Blondie, The Pretenders, Phish, R.E.M, Jeff Buckley, Metallica und Blues Traveler sind nur einige Acts, die hier schon feine, feine Platten gemacht haben.

Tja, und nun gibts die historische Hütte (übrigens hübsch im Grünen gelegen) zu kaufen: hier gehts lang!

(via blackcat List)

Rock Hard Times: Band Aid Reloaded / Travis / William Shatner / The The-Bands

Erst kürzlich hab ich in dieser Rubrik etwas über die „Band Aid“-Neuauflage gespöttelt. Inzwischen ist die Single erschienen, und die Produktion war wohl überschatten von allerlei Gezeter und Stargehabe… Die Netzeitung hat die schönsten Anekdoten rund um die „Do They Know It’s Christmas 2“-Produktion gesammelt:

Ex-Beatle Paul McCartney durfte (offenbar auf vielfachen Wunsch) nicht mitsingen, mit der offiziellen Begündung, dass man ja eine neue Generation von britischen Künstlern habe versammeln wollen. Immerhin düfte er den Initiator gekannt haben. Sängerin Joss Stone, zarte 17, wiederum hatte noch nie von Geldof gehört und nannte ihn angeblich «Bob Gandalf».

Mehr Sonderbarkeiten zu „Band Aid Reloaded“ gibts hier!

Auch wenn das letzte Album von Travis, verglichen mit immergrünen Alben wie „The Man Who“ und Co, eher schwach war – die Band, die alle lieb haben, hat jetzt eine Art „Best Of“ auf den Markt geworfen. Und die Jungs und Mädels von Laut.de haben Dougie, den Bassisten, am Telefon gehabt und ganz angeregt mit ihm über die Singles-Compilation und alle anderen wichtigen Themen dieser Welt geplauscht:

Wie fühlt es sich denn so an, mit der ersten Singles Collection im Rücken?

Ähm, es ist sehr interessant. Innerhalb der Band tendieren wir ja eher dazu, unsere eigenen Songs nicht allzu oft anzuhören. Vielleicht wegen Steve Lillywhite, dem Produzenten unserer ersten Platte. Der sagte einmal: „Jungs, macht, was ihr wollt. Aber was mich betrifft, höre ich mir mein eigenes Zeug nie an.“ Ich fragte warum, und er antwortete:
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Der Rolling Stone hat sie: die "500 Greatest Songs Of All Time"

Der US-Rolling Stone hat Musiker, Produzenten und andersweitig im Musikgeschäft tätige nach deren Lieblingssongs befragt. Herausgekommen ist eine recht interessante Liste mit den – soviel Selbstbewußtsein hat der Stone einfach mal – „500 größten Songs aller Zeiten“. Soviel sei verraten: der Gewinnersong ist dann doch eine Überraschung. In jedem Fall ist die Liste eine nette Lektüre und es ist auch ganz beruhigend zu lesen, dass die „größten“ Songs nicht immer zwingend auch die kommerziell erfolgreichsten sind.

Hier gehts zu den „500 Greatest Songs Of All Time“.

NP: The Smooth Sounds Of Josh Rouse (2004)

Mann, Mann, Mann: manchmal scheinen die Tage viel zu kurz. Es fehlt einfach die Zeit, all die gute und schöne Musik zu genießen, die überall auf dieser Welt gemacht wird. Und so kommt es, dass ich Musikern wie Josh Rouse in der Vergangenheit geradezu sträflich wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht habe.

Dabei hat dieser auf den ersten Blick unglaublich schüchtern wirkende Mensch in diesem Jahr eine DVD veröffentlicht, die einfach nur empfehlenswert ist. Sanfte, intelligente Songs, gefühlvoll gesungen, nie langweilig, nie plump. Brillianter Sound, angenehme Clubatmosphäre – toll, was man hier bestaunen darf. Die meisten Songs in diesem Konzertmitschnitt sind Stücke aus Joshs gefeiertem Album „1972“, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde.

Popmusik der leiseren, unaufdringlichen Sorte. Clevere Satzgesänge, glasklare und warme Arrangements und schöne Melodien sorgen für ein entspanntes, der kalten Jahreszeit ein gerüttelt Maß an Wärme und Geborgenheit entgegensetzendes Vergnügen.

„The Smooth Sounds Of Josh Rouse“ machen Lust darauf, diesen bei längerem Betrachten dann schon gar nicht mehr so introvertierten Kerl näher kennenzulernen, in seine vier bisher erschienene Alben reinzuhören und sich mit seiner Sicht auf die Welt zu beschäftigen.

Bis ich dazu die Zeit finde, begnüge ich mich aber erstmal gerne mit dieser Rundumglücklich-Packung: DVD mit Konzert und Dokumentation, und dazu noch eine ganze Bonus-CD voll mit Raritäten und Outtakes. Und wenn diese Stücke schon Raritäten sind, dann bin ich auf die regulären Arbeiten gespannt wie Bolle. Spread the love vibration!