Jason Mraz – We Sing. We Dance. We Steal Things. (2008)

Ja, natürlich ist das Pop. Selbstverständlich ist das Mainstream. Nein, von Jason Mraz liest man nix in den hippen Blogs, den Indie-Gazetten oder bei anderen angesagten Musik-Meinungsmachern. Dann eben bei mir: We Sing. We Dance. We Steal Things ist das dritte Studioalbum von Jason Mraz, und es ist ein Triumph.

Klar, die hochglanzproduzierten Songs schreien geradezu nach Radio-Airplay, und die kreischenden Mädels in den ersten Reihen der Mrazschen Shows werden nach dieser Platte mit Sicherheit nicht weniger – bei all dem, was man Abfälliges über Jason Mraz schreiben könnte, sollte man aber nicht versäumen, seine hohe musikalische Qualität, sein Songwritingtalent und nicht zuletzt seinen von modernem Minnesang bis coolem Stakkato-Rap so ziemlich alles souverän beherrschenden Gesang zu würdigen. Der neue, deutlich spürbare Soul-Einschlag mit pointierten Bläsersätzen und gelegentlichen Chören steht Mr. A-Z übrigens hervorragend, die meisten Melodien werden schnell zu Ohrwürmern, die ganze Platte strahlt eine Frische, Lebenslust und Zuversicht aus, dass man Künstler, Produzenten, Fans, Plattenfirma und Vertrieb nur beglückwünschen kann – „We Sing. We Dance We Steal Things“ ist eine Musik gewordene Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Ja, natürlich ist es uncool, so was (wie in: „so was Kommerzielles“ et al.) cool zu finden – vielleicht hat diese Platte aber gerade deswegen beste Chancen, zu meiner persönlichen Lieblingsplatte des Sommers zu werden.

Blind Melon – For My Friends (2008)

Über die neue Platte von Blind Melon zu schreiben, dass sie total nach Blind Melon klingt, ist einerseits total dämlich, andererseits das wohl schönste Kompliment, das man ihr machen kann. Die Story im Schnelldurchlauf: Neo-Hippie-Folk-Rock-Band aus den USA, Riesenerfolg mit der Single „No Rain“ (1993), das zweite Album „Soup“ (1995) gerät zum Meilenstein, Sänger Shannon Hoon stirbt wenige Wochen nach Veröffentlichung durch eine Überdosis Kokain, Band löst sich auf, elf Jahre später treffen zwei der vier hinterbliebenen Blind Melon-Jungs auf Travis Warren, statt – wie ursprünglich geplant – Demos mit dem jungen Soloact aufzunehmen, wird Warren neuer Sänger der somit wieder vereinten Blind Melon, ausführliche Tour 2007, restlos ausverkauft, neues Album „For My Friends“ soeben erschienen.

Und das hat musikalisch eben genau diese typische, schrullig-schrammelige, detailversessene Anmutung, die schon Mitte der Neunziger die Kritiker bisweilen verwirrte, weil sie nirgendwo so richtig reingepaßt hat, aber den Charme der Musik ausmacht. Nun sind Blind Melon weiß Gott nicht die einzige Band mit einem Drogen-Todesfall, aber ausgerechnet die sensible Position des Sängers nach solch einer Tragödie treffend neu zu besetzen, ist schon ein heikles Unterfangen. Das in diesem Fall hervorragend gelungen ist: Travis klingt Shannon Hoon verblüffend ähnlich, aber doch eigenständig genug, um nicht zur plumpen Kopie zu verkommen – so schmerzlich der Verlust von Shannon auch zwölf Jahre später noch ist, die Blind Melon-Fans lieben den „Neuen“ (sicherlich nicht zuletzt, weil Hoons Mutter diesem ganzen Reunion-Dingens offiziell ihren Segen gegeben hat und aktiv unterstützt).

Und so symbolisiert diese Platte gleichermaßen Kontinuität wie Neuanfang, für die Band wie für ihre Hörer. Deshalb sei dieser Satz im Falle von „For My Friends“ gestattet und als Kompliment verstanden: die neue Blind Melon klingt total nach Blind Melon.

Dave Matthews Band – Live At Piedmont Park (3CD, 2007)

Läßt man mal die elf bisherigen Live Trax-Veröffentlichungen und die zahlreichen offiziellen Bonus- und Fanclub-Alben weg, handelt es sich bei „Live At Piedmont Park“ doch tatsächlich „erst“ um das achte offizielle Livealbum der Dave Matthews Band. Das Konzert aus dem letzten Jahr muss also schon was besonderes sein, wenn die Band beschließt, es offiziell auf den Markt zu werfen. Es muss? Naja, es sollte wenigstens – warum sonst stellt sich ein Hörer denn dann noch ein Livealbum ins Regal, und noch eins, und noch eins…?

Mal abgesehen davon, dass die Band im letztjährigen Vorweihnachtsgeschäft mit dem zweieinhalbstündigen Konzert sicherlich auch den einen oder anderen Dollar machen wollte, bietet die Show neben souveräner Meterware (hurra, die 8972. Aufnahme von „Too Much“, zum 872. Mal „Stay“….) zum Glück in der Tat ein paar Leckerbissen. Die gelungene Version des Allman-Brothers-Songs „Melissa“ mit Gregg Allman himself etwa, den traumwandlerischen Viertelstünder „The Dreaming Tree“ oder „What Would You Say“ mit meinem Helden Warren Haynes (auch wenn Warrens Gastauftritt diesmal nicht so cool ist wie bei der geilen Version von „Jimi Thing“ beim Central Park Concert 2003, die für mich einer der besten Momente der gesamten DMB-Geschichte ist).

Das wirklich tolle an dieser Aufnahme sind die durchweg sehr guten neuen Songs, die nach der 2005er-„Stand Up“-Platte entstanden sind – bei „#27“, „Cornbread“ und „Eh Hee“ erlebe ich eine Band in Topform und einen Dave Matthews, der endlich mal wieder überdurchschnittliche Songs schreibt und es liebt, diese zu singen, als gäbe es kein Morgen.

Phantom Planet – Raise The Dead (2008)

Die erste Reaktion beim ersten Hören der neuen Phantom Planet-Platte war Erleichterung. Nicht, dass mir Ihr letztes Album überhaupt nicht gefallen hätte – der selbstbetitelte, extrem rotzige Nachfolger (2004) zum vergleichsweise sanften Überflieger „The Guest“ (2002; ja, die mit „California“), klang stellenweise nur arg verkrampft und gewollt. Als müssten Phantom Planet in Zeiten von Strokes und so beweisen, dass sie auch laute Gitarren können.

„Raise The Dead“, die neue Platte, ist vom Sound her eine Mischung aus den letzten beiden Alben geworden: die Liebe zum Song ist zurück, die Gitarren scheppern dennoch bisweilen ruppig-laut, das Gespür für eingängige Hooks war nie weg. In den besten Momenten (die erste Häfte, vor allem „Dropped“, „Do The Panic“ und „Leader“!) feiert man hier ein Wiederhören mit einer coolen Band, die man beinahe vergessen hat bzw. ob des „California“-Overkills gar nicht mehr hören mochte, in den schwächeren („Geronimo“, „Confess“) wirken die Jungs nach wie vor seltsam identitäts- und orientierungslos.

Nein, eine wirklich „relevante“, „große“ Band sind Phantom Planet auch durch ihr viertes Album nicht geworden. Fürs Prädikat „wertvoll“ ist „Raise The Dead“ zu lau, für „nett“ und schlimmeres dann aber doch viel zu gut.

Colin Meloy – Sings Live (2008)

Viel kann ich nicht schreiben über die Decemberists, um dessen Sänger es ja hier letztlich geht. Die Band kenne ich durch meinen Bandkollegen Heiko, der sie mal im Vorprogramm zu Calexico gesehen hat und ganz angetan war. Daraufhin habe ich mir die Alben der Band mal angehört und fand gut, was mir da zu Ohren kam, aber echte Begeisterung geht anders.

Jetzt habe ich – eher aus Dummdideldei – mir das Soloalbum des Decemberists-Sängers Colin Meloy besorgt. Und bin nach Strich und Faden begeistert. Geil: dieser Witz in den Ansagen, diese Leidenschaft in den Songs, diese äußerst kurzweilige Ein-Mann-eine-Akustikgitarre-Rockshow – da verzeiht man ihm glatt, dass seine Stimme mitunter, für Sekundenbruchteile bei mir unangenehme Placebo-Assoziationen hervorruft (ich hasse Placebo übrigens leidenschaftlich, seitdem ich sie 1997 mal live gesehen habe und das bis heute das mieseste, abscheulichste, langweiligste, widerwärtigste „Rockkonzert“ meines Lebens war und weigere mich, mir einzugestehen, dass selbst diese Mistband seither gewachsen ist und sogar ein paar passable Songs abgeliefert hat; aber um all das gehts hier ja grade gar nicht, sorry).

„Colin Meloy sings live“ ist beste Unterhaltung: der Decemberists-Frontmann gibt uns den Dave Matthews des Indierock, und ich liebe es.

Colin Meloy – We Both Go Down Together (live)

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Wetlands Preserved – The Story Of An Activist Rock Club (DVD, 2008)

Ganz, ganz selten wünsche ich mir, zu einer anderen Zeit in einem anderen Land geboren zu sein; ganz konkret zum Beispiel zehn, zwölf Jahre früher und in New York City. Dann hätte ich vielleicht aktiv miterleben können, was ich heute in einer fantastischen Dokumentation sehen durfte: der Film „Wetlands Preserved – The Story Of An Activist Rock Club“ (endlich als DVD erhältlich) feiert den Öko-Aktivisten-Ska-Funk-Punk-Folk-Jamrock-Club Wetlands Preserve in NYC, von 1989 bis 2001 einer der einflußreichsten Läden der Stadt.

Fans von Phish, Dave Matthews Band, Spin Doctors, Blues Traveler, Moe., The Roots, Allman Brothers Bands, Pearl Jam, Sublime, Robert Randolph, Speadhead, 311 oder unzähligen anderen wissen genau, welche Live-Club-Legende hier im Mittelpunkt steht – das CBGB des Jamrock, quasi: Kifferhochburg, linkes Aktivistenzentrum und Brutstätte ganzer Musikbewegungen wie der Third Wave Of Ska oder der HORDE-Tour. Es macht Spaß, in diesem Film persönlichen Helden wie John Popper oder Chris Barron zuzuhören, wie sie ihre wichtige Teile ihrer Jugend und ihrer Karrieren mit diesem Club verbinden; es ist grandios, all diese geile Musik zu hören (ganz puristisch gibts in dem Film nur Musik, die tatsächlich auch im Wetlands aufgenommen wurde); es berührt mich, welche persönlichen Geschichten eine solche Doku über einen Rockschuppen hervorzubringen im Stande ist (der Dauerkonflikt des Gründers Larry Bloch zwischen Job und Familie und seine Entscheidung etwa). Filme wie dieser machen mir mehr Gänsehaut, machen mich mehr Lachen und Fühlen als zehn „Titanic“-Filme zusammen das könnten – weil es hier um meine Musik geht, meine Bands, und das, obwohl ich – viel zu jung (ich war ja zehn, zwölf Jahre zu jung und auf dem falschen Kontinent, siehe oben) – stets nur aus der Ferne ahnen konnte, was in Läden wie dem Wetlands vor sich gehen musste.

Dieser Film ist so cool, es ist fast nicht auszuhalten – logisch, dass ich mir jetzt eine CD einlege, um diesen einmaligen Laden zu feiern, für den ich dooferweise zur falschen Zeit am falschen Ort auf die Welt kam. Welcome, live at Wetlands…

Spin Doctors live in Girona, 12. April 2008

Kommt mir alles noch ziemlich unwirklich vor. Mal eben die Lieblingsband beim einzigen Europakonzert weit und breit besuchen; in Girona; is ja quasi bei Dir um die Ecke (O-Ton Sänger). Derart herausgefordert, nahm ich die Einladung natürlich an und hab mir einen 36-Stunden-Trip mit vier Flügen, fünf Stunden katalonischem Personennahverkehr und gerade mal dreieinhalb Stunden Schlaf verordnet.

Es war jede Anstrengung wert – wenn Dich die Band von der Bühne angrinst, weil sie ein Lied spielen, dass sie seit sieben Jahren nicht mehr im Programm haben, und sie gespannt sind auf Deine Reaktion, Du, der Du ja immer meckerst, wie vorhersehbar die Setlisten inzwischen geworden sind; wenn einfach alles passt – von der Reise an sich über die Begleitung vor Ort bis hin zum Geplauder mit der Band nach der Show; wenn dann der Kater am nächsten Morgen egal ist, weil man die anderen Reisenden im Urlaubsflieger von Palma di Mallorca nach Dresden eh besoffen besser erträgt – dann weiß man, dass man das einzig richtige gemacht hat. Man ist seiner Lieblingsband ein paar tausend Kilometer hinterher gereist und bereut keine Sekunde. Cool, wollte ich schon immer mal machen.

Bilder und ein ausführliches Fanboy-Review gibts hier.

Paul Dimmer Band – Wenn alle Stricke reißen (2007)

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Als 2003 „Im kleinen Kreis“, die erste Platte der Paul Dimmer Band, rauskam, war sie fast zu viel für mich: diese verstörende Ruhe, dieses Gegenteil von Groove, diese Schwere… „Im kleinen Kreis“ war fremd und ungewohnt und gerade deswegen zog mich dieses Album in seinen Bann. Noch im selben Jahr habe ich die Band live gesehen und fand sie gut, danach hab ich sie auch noch gelegentlich gehört, aber im Großen und Ganzen zu den Akten gelegt. Auf einmal veröffentlichen die wieder ein Album! „Wenn alle Stricke reißen“ ist ohne Frage gut, aber leider auch nicht mehr – bei mir will sich einfach nicht die Magie des Erstlings einstellen: irgendwie klingt mir die Paul Dimmer Band neuerdings – und das ist wirklich nicht böse gemeint, schließlich gefällt mir ja, was ich da höre, nur kickt es mich eben nicht im erhofften Maße – zu typisch, zu erwartbar. Ich würde diese Platte gerne mehr lieben, als ich es tatsächlich tue. Sorry, Paul.

What Made Milwaukee Famous – What Doesn't Kill Us (2008)

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Liebe auf den ersten Hördurchgang. What Made Milwaukee Famous ist meine Band der Stunde – letzte Woche hab ich sie zufällig in einem Podcast gehört und fand sie gut. Heute war das Album im Briefkasten. „What Doesn’t Kill Us“ ist ein 38minütiger Ritt durch die Popgeschichte. Vom zunächst verstörenden Drama im Opener „Blood, Sweat & Fears“ über die nur vordergründige Leichtigkeit der Single „Sultan“ (siehe Video) bis hin zu Meisterstücken wie „Resistance St.“ (mp3) und dem versöhnlichen „The Other Side“ am Schluß – die fünf Herren aus Austin verdichten Zutaten, die man von den Beatles, The Who, Neil Young, aber auch Radiohead, Muse und Screaming Trees kennt, zu einem dann doch recht eigenständigen und stimmigen Sound. Obendrein ist das geschmackvoll gestaltete Digipak, in das die CD gebettet ist, mal wieder ein guter Beweis dafür, dass physische Tonträger als Einheit von Musik und Artwork einfach eine stärkere Strahlkraft haben als praktische, aber „schnöde“ mp3-Downloads. „What Doesn’t Kill Us“ wird bei mir in der nächsten Zeit wohl auf Dauerrotation laufen: WMMF sind nicht Indie, nicht DIY, nicht everyblogger’s darlings – sie sind brillianter, großer Pop.

Jason Anderson – On The Street (2008)

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Was nix kostet ist nix wert? Diesen Spruch finde ich ja eh seltsam, und hier kommt mal wieder ein schöner Gegenbeweis. Jason Anderson aus New Hampshire verschenkt eine ganze EP („On The Street“) . Nicht vom eigenartigen Live-Intro abschrecken lassen; nach einer Minute kommen dann sieben Studioaufnahmen, die recht naturbelassen und direkt klingen. So sind „On The Street“ und „Omaha“ prägnante, rotzige Rocksongs, die Drums scheppern bisweilen etwas vordergründig, aber insgesamt ist die EP ganz schick und legt Todd Thibaud- und Bruce Springsteen-Assoziationen nahe. Ein Highlight ist „This Will Never Be Our Town“, weil es noch mal einen Zacken räudiger und aggressiver daherkommt als der gute Rest. Runterladen und selber hören: kost‘ nix, tut nicht weh, klingt gut.