Neue Musik: Moritz Krämer, Bright Eyes, Clueso, The Cave Singers, The View, William Fitzsimmons, Admiral Fallow

Moritz Krämer – Wir können nix dafür (2011)
Zufallsbekanntschaft, dieser Herr Krämer. Und inzwischen fester Bestandteil meines Frühlings 2011. Der Typ hat nicht nur eine sehr eigene Art, Vokale in die Unendlichkeit auszudehnen, nein, er schreibt überdies auch noch ganz hervorragende Texte und macht einfach schöne Musik dazu. Ob er die „Mitbewohnerin“ von einem Freund singend verehrt oder über die seltsamen Besucher seiner eigenen Beerdigung sinniert, Moritz Krämer macht das absolut unpeinlich und kriegt diese vermeintlichen Kleinigkeiten ganz, ganz groß hin.

The View – Bread And Circuses (2011)
Und dann gibt’s ja diese Alben, mit denen man überhaupt nicht mehr gerechnet hätte. Das von The View kam für mich völlig überraschend – das letzte Album „Which Bitch“ war zwar keineswegs schlecht, nur ganz schön übermotiviert und mit ein paar überflüssigen Songs belastet. Auch hat man ja von der Band, besonders von Sänger Kyle Falconer, in letzter Zeit eher Geschichten aus der Amy-Winehouse-Pete-Doherty-Saufen-und-Drogen-Kategorie vernommen und weniger Musikalisches. Doch jetzt „Bread And Circuses“, ein wirklich rundes Album. Die Schotten (und inzwischen Wahl-Liverpooler) rocken, sind immer noch melodieverliebt wie Bolle und besitzen einen sympathischen Hang zum soundtechnischen Größenwahn. Kurzum: tolle Platte und jede Menge Ohrwürmer – „Underneath The Light“, „Girl“, „Best Lasts Forever“ oder „Witches“ sind alles Songs, die hoffentlich in diesem Jahr nicht nur in den Kneipen und Clubs Großbritanniens aus voller Kehle mitgegröhlt werden.

Admiral Fallow – Boots Met My Face (2011)
Bleiben wir gleich in Schottland und reden wir kurz über eine Band aus Glasgow. Obwohl für Admiral Fallow im Grunde längliche Lobeshymnen viel angebrachter wären. Ist es die ungewöhnliche Instrumentierung mit Klarinette und Kontrabass neben klassischem Rockzeugs? Vielleicht. Sind es die wunderbar unaufgeregt dargebotenen Songs? Klar, auch. Die herrlichen Arrangements und Satzgesänge? Sowieso. Eben eine eigenständige, liebenswürdige Band mit ebensolcher Musik – und doch kann man sie guten Wissens Menschen ans Herz legen, denen Bands wie The Decemberists oder Okkervil River am Herz liegen.

Clueso – An und für sich (2011)
Clueso zu kritisieren ist ein bisschen so, als würde man in aller Öffentlichkeit sagen, Hundewelpen wären scheiße. Wirklich jeder scheint diesen Mann zu mögen und seine Musik gut zu finden, und ich bin da gar keine Ausnahme. Aber so sympathisch mir der Kollege aus Erfurt ist, so schwer tue ich mir mit seiner neuen Platte. Der Knabe hat alles erreicht, was man in Deutschland als junger Künstler erreichen kann. Und gerade deswegen habe ich mir nun etwas Mutigeres erhofft als „An und für sich“. Clueso ist hier sehr nachdenklich, sehr sophisticated, sehr tiefsinnig – und damit auf Albumlänge leider einfach sehr langweilig. Also: die Sympathien bleiben, für’s nächste Mal wünsche ich mir aber, dass Clueso aufhört, so schrecklich erwachsen zu sein.

The Cave Singers – No Witch (2011)
Wieso hat mir eigentlich noch keiner von The Cave Singers erzählt? Quartett aus Seattle, seit 2007 zusammen, neuerdings beim Jagjaguwar-Label unter Vertrag. „No Witch“ ist ihr drittes Album, und es ist famos. Rock ist die Grundlage, mal driftet das ganze in flächig-epische Neil-Young-Gefilde, mal in Richtung Americana und Folk. Schöne Chöre, verwegene Melodien, im richtigen Moment auch mal laut und dreckig, um nicht zu gefällig zu klingen. Gefällt mir, und zwar sehr.*

William Fitzsimmons – Gold In The Shadow (2011)
Grönland Records, das ist doch das Grönemeyer-Label, oder? Keine Ahnung, wie der Mann aus Illinois zu einem Plattendeal mit Grönland kam, aber letztlich auch egal. Die Story von William Fitzsimmons kann man an jeder Ecke des Internets nachlesen, hier die Stichworte: blinde Eltern, Bart, verarbeitet mit jeder Platte bestimmte Phasen seines Lebens (Beziehungen und so), Grey’s Anatomy und so weiter. „Gold In The Shadow“ ist eingängig wie nix, sanft, melancholisch, optimistisch, an manchen Stellen fast zu süßlich, aber andererseits genau richtig, wenn man im Frühling einfach mal was hören will, was einfach schön und gut und richtig ist. Für solche „Ach ja“-Momente ist das Album der perfekte musikalische Begleiter.

Bright Eyes – The People’s Key (2011)
Weil Bright Eyes in den letzten Wochen in so ziemlich allen Magazinen und Musikblogs allgegenwärtig waren, mache ich es hier ganz besonders kurz und teile meiner verehrten Leserschaft schlicht und einfach mit, dass ich sehr mag, was Conor Oberst und seine Freunde hier zusammengebastelt haben. Schön, dass es wieder ein wenig dreckiger und rauer zugeht als zuletzt, schön, dass Oberst noch immer ein Talent für einnehmende Songs und großartiges Storytelling hat und dieses nutzt. Feines Album.

* Beim Cave Singers-Video handelt es sich um einen Song von einem früheren Album der Band.

John Popper & The Duskray Troubadours (2011)

Let the song inside you
Rise and grow and then
Play me something sweet
And your sweet song
Will help me smile again

Es war einmal, im August 2010, als Blues Traveler-Sänger John Popper das Veröffentlichungsdatum seines dritten Soloalbums via Twitter verkündete. „Erster März Zweitausendelf“ – das schien unendlich weit weg zu sein. Wie unfair, wo die Platte doch längst fertig war! Die kleine Ewigkeit ist nun vorbei, seit ein paar Tagen ist das Album online als Stream verfügbar, ab heute ist es bei allen Downloadstores und CD-Händlern zu finden.

Endlich.

Die Geschichte zur CD kann man dieser Tage in vielen einschlägigen Musikmagazinen lesen, deshalb hier nur die Schnellzusammenfassung: Popper will Album mit altem Freund und Wegbegleiter Jono Manson aufnehmen, schart weitere Freunde um sich, alle schreiben gemeinsam Songs, werden quasi über Nacht zu einer echten Band, am Ende liegt weniger ein Soloalbum, sondern eher das Debütalbum einer neuen Combo namens „The Duskray Troubadours“ vor.

Das Debütalbum, bei dem es nur um eines geht: um gute Songs. Gekleidet in ein zeitloses Roots-Folk-Rock-Alternative-Country-Gewand, mit herrlichen Harmoniegesängen, kleinen Licks, großen Melodien und prägnanten Refrains. John Popper hält alles zusammen – mit seiner Stimme, die selten so soulig-warm klang wie hier. Und natürlich mit seinem Mundharmonika-Spiel, das sich hier aber stets in den Dienst des Liedes stellt und nie ausufert.

Natürlich ist das alles nicht wirklich neu, natürlich sind es auch diesmal wieder besonders die ruhigen Momente, in denen Popper am stärksten ist, etwa in „Hurts So Much“ oder „A Lot Like You“. Hier und da hört man Dinge, die an sein erstes Solowerk „Zygote“ aus dem Jahr 1999 erinnern, und auch seine Stammband Blues Traveler ist letztlich allgegenwärtig. Dennoch ist John Popper und seinen Troubadours etwas ganz Besonderes gelungen: ein Album, wie aus der Zeit gefallen; gefertigt von einer nagelneuen Band, die klingt, als begleite sie einen schon ein Leben lang. Ein Album, auf das viele schon sehr lange gewartet haben.

Endlich.

Mein 2010: Ein Fazit

2010. Die Goldene Hochzeit meiner Eltern erlebt. Zum ersten Mal Asien bereist. Zweimal Musik veröffentlicht. Durch Solo- und Band-Konzerte bleibende Erinnerungen erspielt. Jede Menge Musik gehört. Entdeckt. Verschenkt. Filme gesehen. Bücher gelesen. Mitglied bei Pro Asyl geworden. Alte Freundschaften wiederbelebt. Neue Menschen kennengelernt. Bergfest beim Theologie-Fernstudium gefeiert. Medienpreis gewonnen. Regensburg. Bonn. Bamberg. Frankfurt. Hamburg. Berlin. Mich mächtig geärgert über vieles. Mich mächtig gefreut über so viel mehr. Ein gutes, anstrengendes, erfülltes und hin und wieder konfuses Jahr war das, an dessen Ende ich dankbar zurückschaue.

Hier noch einmal meine diesjährigen Lieblings-Listen im Überblick:

Lieblingsalben 2010
Lieblingskonzerte 2010
Lieblingslieder 2010

Danke, werter Besucher, für’s Mitlesen, Dabeisein, Begleiten und Beobachten im Jahr 2010 – ich freue mich auf 2011 und viele neue Lieder, Bücher, Reisen, Eindrücke, Momente und Blogeinträge.

Ältere Jahresrückblicke:
2009
2008
2006
2005
2004

Mein 2010: Lieblingslieder

10 Die Antwort – Stoppok & Worthy
…mit Tinte und mit Tränen schreibst Du ihr ein Gedicht, Du zündest eine Kerze an, ein winzig kleines Licht…

9 Song To The Siren – Sinéad O’Connor (Tim Buckley)
…I’m as puzzled as a newborn child, I’m as riddled as the tide. Should I stand amid the breakers? Or shall I lie with death my bride…

8 Beer – Jay Bennett
…you say I drink too much, you say I think too much, you say I laugh too much when things are really serious…

7 Reasonably Fine – The Cat Empire
…but you’re the same as you and I’m the same as me and hopefully we can find ways to let us be reasonably fine…

6 Lantern – Josh Ritter
…light and guide me through, hold it high for me, and I’ll do the same for you, hold it high for me…

5 The Dreamer – The Tallest Man On Earth
…sometimes the blues is just a passing bird and why can’t that always be…

4 Gone – Chris Barron
…I know that there will be a song for every broken heart and soul, I know that there will be a coin to drop in every begging bowl. But me, I’m going down…

3 Fuck You – Cee Lo Green
…although there’s pain in my chest I still wish you the best with a Fuck you…

2 With Whom You Belong – Fistful Of Mercy
…you find your way to write your song. And come what may, I hope you find friends with whom you belong…

1 The Bear That Wasn’t – Fizzy Good (Make Feel Nice)
…just buckle up, don’t look behind, and you’ll be fine…

Mein 2010: Lieblingskonzerte

10 – Dave Matthews Band, Hamburg, 16. Februar
Das Auftaktkonzert der DMB-Europatour 2010 war sicherlich keines für die Ewigkeit, weder von der Setlist noch vom Sound oder der Performance her. Aber wir hatten eine großartige Zeit in der Hansestadt, und selbst ein mittelmäßiges Dave-Konzert ist besser als das meiste, was man sonst so zu sehen bekommt.

9 – Get Well Soon, Leipzig, 3. März
Ziemlich artsy, das ganze. Mit großer Videoprojektion, ganz wichtiger, großer Pose und so. Aber dennoch hat mich diese Band hervorragend unterhalten und für zwei Stunden in ihren Bann gezogen.

8 – Götz Alsmann & Band, Leipzig, 14. Oktober
Götzimausi wirkte im ersten Teil seiner Show doch ziemlich routiniert und ein wenig kaputtgetourt. Das zweite Set jedoch war sensationell, die Zugaben nicht von dieser Welt und ein locker aus drei Generationen bestehendes Gewandhauspublikum war am Ende außer Rand und Band.

7 – Unbekannter Sänger, Bangkok, 30. August
Wir saßen in irgendeiner Rooftop-Bar in Bangkok, und irgendein Thai-Musiker würde schon das übliche Set mit mäßigen Coverversionen von „Hotel California“ und „House Of The Rising Sun“ abgniedeln. Dachten wir. Was wir – kurz vor dem Rückflug nach Deutschland – zu hören bekamen, war ein brillianter junger Mann, der den Groove mit Löffeln gefressen hatte und uns mit Howie Day, Joseph Arthur, Jason Mraz und Dave Matthews begeisterte. Das einzig wirklich mittelmäßige an diesem Abend war der Gin Tonic.

6 – Alberta Cross, Berlin, 17. Februar
Die Band, die mein Fast-Lieblingsalbum 2009 verzapfte, durfte ich gleich zwei Mal sehen in diesem Jahr, wieder als Vorband für Dave Matthews. Das Set, das die AC-Jungs in Berlin hingelegt hatten, unterschied sich nur unwesentlich von dem am Vortag. Das Hauptstadt-Publikum war der Vorband gegenüber jedoch wesentlich aufgeschlossener als das in Hamburg. Gitarrenwände wie eine Naturgewalt, darüber dieser erhabene Gesang – immer wieder toll. Ich hoffe daher sehr auf ein neues Alberta-Cross-Album und wünsche mir einen weiteren großen Wurf.

5 – Dave Matthews Band, Berlin, 17. Februar
Bleiben wir gleich im Tempodrom, selber Abend, eine Stunde später: DMB mit einem derart beseelten, detailversessenen Set, dass der Unterschied zum Vorabend (siehe Platz 10) kaum hätte größer sein können. Ich stand mit offenem Mund im Zuschauerraum und ließ es einfach geschehen. Und als dann am Ende in einem epischen 12-Minuten-„So Damn Lucky“ auch noch „Thank You (Falletin Me Be Mice Elf Agin)“ eingebaut wurde, war ich mir mal wieder sicher, dass DMB die so ziemlich beste Band der Welt sein muss.

4 – Selig, Leipzig, 17. Dezember
Warum auch immer das Haus Auensee derart mittelprächig gefüllt war – Band und Publikum ließen sich durch die spärlich gefüllten Reihen nicht runterziehen. Im Gegenteil: inzwischen hab ich ja nun schon so einige Selig-Auftritte sehen dürfen. Aber die diesjährige Show war wirklich besonders und zeigte eine vor Spielfreude und Euphorie kaum zu bändigende Band. Still Selig after all these years…

3 – Fettes Brot, Leipzig, 1. Dezember
Mehr als einen halbwegs coolen Abend hab ich gar nicht erwartet, als ich zum Fettes-Brot-Konzert eingeladen wurde. Dass mir das Konzert derart großen Spaß machen würde, hätte ich nie gedacht. Die Brote verfügen über eine erstklassige Band und sind tatsächlich echte Entertainer. Zwei kurzweilige, schweißtreibende Stunden, die ich nicht missen möchte. Im Gegenteil: zu Fettes Brot würde ich jederzeit wieder gehen.

2 – Stoppok & Worthy, Leipzig, 27. November
Die von mir besuchten Stoppok-Konzerte zu zählen, hab ich schon Ende der neunziger Jahre aufgegeben. Umso schöner, dass Stoppok-Shows bis heute zu meinem Leben dazugehören. Das diesjährige war bemerkenswert – im Duo mit Bassist Worthy und in zwei ausladend langen Sets hat der Sänger mal wieder unter Beweis gestellt, dass bei ihm vielleicht nicht jeder Reim ein Volltreffer sein mag, er mit seinem musikalischen Können und Gefühl aber nach wie vor in der Champions League spielt.

1 – The Cat Empire, Berlin, 5. Oktober
Zum dritten Mal The Cat Empire. Zum dritten Mal ein Erlebnis, das in jeder Hinsicht berührt. Wie sich hier leise, filigrane Momente an lautstarke Gefühlsausbrüche reihen; wie hier Rock, Jazz und Funk zu etwas ganz Eigenem verschmelzen; wie viel diese Musik mit mir anrichtet, das in Worte zu fassen ich nicht in der Lage bin! Dieses Konzert war der vielleicht intensivste Augenblick meines an kostbaren Momenten nicht eben armen Musikjahres 2010.

Mein 2010: Lieblingsalben

10 Ocean Colour Scene – Saturday
Im 21. Jahr ihres Bestehens lieferten OCS ein ebenso zeitloses wie zeitgemäßes Album ab: große Songs, originelle Arrangements, Melodien, die sofort haften bleiben. Very british, und very good.

9 Strand Of Oaks – Pope Killdragon
Timothy Showalters zweites Album war auf einmal da und ist seither mein ständiger Begleiter. Famos, wie er zwischen Krach-Ausbrüchen und minimalistischem Folk hin- und herwechselt; dazu auch noch diese absurden Texte (alleine schon der Song über Dan Aykroyd!!)… Strand Of Oaks hat mich schon mit „Leave Ruin“ begeistert. „Pope Killdragon“ hat aus mir endgültig einen Fan gemacht.

8 Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Die Workaholics von Selig mussten knapp 18 Monate nach „Und endlich unendlich“ gleich noch ein weiteres neues Album rauskloppen, als gelte es, zehn verlorene Jahre aufzuholen. „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ kommt wesentlich düsterer daher als sein Vorgänger, dreckiger, rauher, unmittelbarer. Mit ein wenig Distanz lässt sich konstatieren: „Ewigkeit“ ist die bessere der beiden Post-Comeback-Platten.

7 Aloe Blacc – Good Things
Verblüffend, wie oft ich diese CD inzwischen gehört habe. Schlicht und einfach geil produzierter Soul-Pop, der mir den langen tristen Herbst verschönert hat.

6 The Bear That Wasn’t – And So It Is Morning Dew
Der Belgier, der sich nach einem alten US-Kinderbuch bzw. -film benannt hat, sorgte für die wohl melancholischste, verspielteste „kleine Folk-Platte“ des Jahres. Ob auf zehnstündigen Flugreisen, bei endlos langen Sommerabenden auf dem heimischen Balkon oder in den miesesten Momenten des Jahres – „And So It Is Morning Dew“ war in diesem Jahr bei mir immer mit dabei.

5 Regina Spektor – Live in London
Die paar unveröffentlichten Songs sind es gar nicht mal, die diese Liveaufnahme so besonders machen. Es ist vielmehr die Perfektion, mit der Regina Spektor jeden Ton trifft, auf dem Klavier wie mit ihrer Stimme. Es ist auch die atemberaubende Bühnenpräsenz dieser gewitzten, leidenschaftlichen, unvergleichlichen Künstlerin. Wahnsinn.

4 The Duke & The King – Long Live The Duke & The King
Die Reise des Herzogs und des Königs geht weiter, und sie wird immer unterhaltsamer. Nach dem eher introvertierten Debüt folgte in diesem Jahr etwas, das man fast schon als Party-Album bezeichnen könnte. Damit meine ich so eine richtig gute Party – also eine, die weder nach Kotze noch nach Möchtegernbohème müffelt.

3 Gisbert zu Knyphausen – Hurra Hurra So Nicht
Was soll ich über Knyphausen denn noch schreiben, was nicht schon geschrieben wäre. Es stimmt: viel besser, als er das mit „Hurra Hurra So Nicht“ gemacht hat, kann man’s echt nicht machen. Weder in deutscher, noch in irgendeiner anderen Sprache.

2 The Cat Empire – Cinema
Dass diese Band von Album zu Album immer stärker wird, grenzt an ein Wunder, wenn man bedenkt, wie grandios schon die ersten Sachen der Australier waren. „Cinema“ kommt langsam, aber gewaltig. Und am Ende dieses hypnotisierend guten Songpakets kann man nur noch den Hut ziehen – vor so viel Scharfsinn, Lebensfreude, Witz und Musikalität.

1 Fistful Of Mercy – As I Call You Down
Gar keine Frage. Gar kein Zweifel. Ganz klare Sache: diese in drei Tagen zusammengeklampfte Wunderplatte ist mein Album des Jahres. Weil ich mich in keiner anderen Musik in diesem Jahr öfter verloren habe, weil mir keine andere Musik derzeit näher geht als diese neun Preziosen der Herren Harper, Arthur und Harrison. Ich bin zutiefst dankbar über den Umstand, dass die drei sich Anfang des Jahres in ein Studio eingesperrt haben – denn mit „As I Call You Down“ ist ihnen ein Meisterwerk gelungen.

Neue Musik: Justin Townes Earle, Aloe Blacc, Ocean Colour Scene, The Tallest Man On Earth, Dumpstaphunk, David Gray, Dave Matthews Band

Justin Townes Earle – Harlem River Blues (2010)
Dass einer, der wegen Körperverletzung inhaftiert war und derzeit in einer Entzugsklinik lebt, solche herzzerreißend schöne Musik machen kann – das ist einer dieser seltsamen Widersprüche im Leben. Darf ich vorstellen: Justin Townes Earle, Alternative-Country-Darling der Stunde in den USA, vier große Alben in nicht ganz vier Jahren, Sohn der Songwriterikone Steve Earle. „Harlem River Blues“ changiert zwischen Folk, Country und Blues; die Platte strahlt eine Lebenslust aus, dass man schlichtweg nicht glauben will, dass sie von einem Mann stammt, der offenbar größere persönliche Probleme mit sich herumschleppt. Ich bin froh über diese tolle, tolle Musik und wünsche mir und ihm, dass es Justin Townes Earle bald besser geht.

Aloe Blacc – Good Things (2010)
Scheinbar aus dem Nichts tauchte in diesem Spätsommer Aloe Blacc auf und er hatte einen Überhit im Gepäck. „I Need A Dollar“, dieses sich ach so beiläufig ins Hirn fräsende Soulpopbrett, war mit einem Schlag überall: in den Fernsehshows, den Radios, im Feuilleton, in der Musikpresse sowieso. Hype? Geschicktes Marketing seitens der Plattenfirma? Kann alles sein. Entscheidend ist, dass Aloe Blacc ein wahrlich famoses Album vorweisen kann, das eben mehr ist als ein „stimmiges Produkt“. „Good Things“ funktioniert nicht, es lebt, atmet, eckt an, begeistert, verwundert. Da schickt sich einer an, Soul und R’n’B sanft ins 21. Jahrhundert zu hieven, stets voller Respekt vor den Anfängen, aber eigenständig und raffiniert genug, um nicht als Retro-Act abgestempelt zu werden.

Ocean Colour Scene – 21 (2010)
Andere lassen sich anläßlich ihres 21. Geburtstages ein Auto schenken oder besaufen sich, einfach, weil sie’s jetzt dürfen. Ocean Colour Scene feiern ihren 21. Geburtstag mit einem Mörderrelease. Die 4-CD-Deluxe-Box „21“ enthält fast 90 Songs, ein wunderbares Booklet mit herrlich nerdiger Diskographie und ist weit mehr als ein „Best Of“-Album. Die Herren aus Birmingham blicken dankbar und zu Recht auch stolz zurück auf ihre bisherige Karriere: die holprigen Anfänge, die Hochphase mit „Moseley Shoals“ und „Marching Already“, der Wandel, die Suche, die wiedererlangte Topform der letzten Zeit. Altbekannte Hits stehen neben bislang unveröffentlichten Demos, Outtakes und Liveversionen (natürlich genau 21 an der Zahl). Ach ja, und eine komplett neue Single gibts auch. Wie die heißt? Logisch, 21. Runde Sache, tolle Anthologie, große, leider viel zu selten gewürdigte Band.

The Tallest Man On Earth – Sometimes The Blues Is Just A Passing Bird (2010)
Erst im Mai habe ich über Kristian Matsson und sein letztes Album „The Wild Hunt“ geschrieben, schon beglückt uns The Tallest Man On Earth mit einer neuen EP. Die kommt noch weitaus reduzierter, spontaner und dennoch runder daher als ihr Vorgänger. Und mit „The Dreamer“ hat der alte Schwede uns einen der schönsten Songs des Jahres geschenkt.

Dumpstaphunk – Everybody Want Sum (2010)
Funk, und zwar ohne jeden Zweifel. Schon seit einigen Jahren sorgt die Band um Ivan Neville für tolle Konzerte, auf denen es nur um eines geht: um beinharten New Orleans-Funk. Endlich gibt’s nun ein komplettes Dumpstaphunk-Studioalbum, und das macht einfach Spaß. Tanzen, zappeln, feiern – ob man nun will oder nicht. Ivan singt gleich im ersten Track das Hohelied der Liebe zur Musik: „She’s funky like the Family Stone, smooth like Marvin Gaye, she’s rock’n’roll like Keith and Mick, she sings like Lady Day. Sheez music.“

David Gray – Foundling (2010)
Das Ende einer großen Liebe? Meine Gefühle für David Gray haben sich in der Tat in den letzten Jahren ziemlich abgekühlt, die letzten Platten waren mir alle etwas zu adult, sophisticated – oder schlichtweg zu langweilig. „Foundling“ ist eine Doppel-CD mit Resten aus der letztjährigen Studiosession und klingt über weite Strecken leider auch so. Allerdings blitzt an manchen Stellen das auf, was mich an älteren David Gray-Alben immer so fasziniert hat. Das bittersüße „Forgetting“, das fragende „Holding On“, das vielversprechende „Only The Wine“ – starke Songs, souverän vorgetragen, so gar nicht das überflüssige MOR-Futter, aus dem der Rest der Platte leider besteht. Mal schauen, vielleicht brauchen wir ja auch nur mal ne Auszeit, der David und ich.

Dave Matthews Band – Live In New York City (2010)
Alle Jahre wieder: DMB hauen kurz vor Weihnachten ein aktuelles Livealbum auf den Markt. Warum sollte das 2010 auch anders sein. Und während es den Fan und Sammler freut, die Setlist überaus abwechslungsreich ist und das Hören dazu führt, dass man sich sofort „zu Hause“ fühlt und diese Band umgehend wieder live sehen möchte, so muss ich doch eingestehen, dass dieses 2-CD-Set für Gelegenheits-DMB-Fans nicht viel mehr sein dürfte als einfach nur eine weitere Dave Matthews-Liveplatte. Allerdings sollten diese Gelegenheitsfans besser einen objektiven Kritiker befragen – ich empfehle „Live In New York City“ nämlich uneingeschränkt.

Büchertisch: David Sedaris, Roger Willemsen, Das Neue Testament als Magazin, Geoffrey Robinson, Paul Torday, David McCandless, Benjamin v. Stuckrad-Barre

Paul Torday – The Girl On The Landing (Phoenix Paperback, 2009)
Was macht ein Schriftsteller, dessen erstes Buch (Salmon Fishing In The Yemen) ein Überraschungserfolg wurde? Im besten Fall legt er ein paar Bücher nach, die mithalten können. Und das gelingt Spätzünder Paul Torday (er war fast 60, als sein erstes Buch in die Läden kam) inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit. Was mich begeistert, ist, dass der Brite dabei nicht auf Nummer sicher geht und eben weiter Satiren wie seinen Erstling abliefert. Bei „The Girl On The Landing“ etwa ist ihm ein packender Psycho-Thriller gelungen. Es geht um die immer schlimmer werdende geistige Verfassung eines einst „ganz normalen“ Ehemannes und um seine düstere Kindheit. Klingt schaurig, ist aber vor allem spannend und keineswegs ohne Witz geschrieben. Für mich war’s die perfekte Urlaubslektüre. Genau fünf Minuten, nachdem ich mit diesem Buch durch war, hab ich mir übrigens schon den nächsten Torday bestellt.

Das Neue Testament als Magazin (Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2010)
Das muss doch auch anders gehen – dachten sich ein Art Director und ein Journalist. Den biblischen Stoff kann man doch sicherlich auch anders darbieten als in der klassischen Weise. Gesagt, getan: Oliver Wurm und Andreas Volleritsch machten sich ans NT als Magazin, also ganz im Stile einer modernen, zeitgemäßen Illustrierten: die Evangelien werden zu Leitartikeln; Schriftarten, Aufbau und Satz verfehlen nicht ihre erfrischende Wirkung. Tatsächlich ist das nicht eben dünne Magazin ein echter Hingucker geworden, der eine neue Art, die Texte des Neuen Testaments zu erschließen, offeriert.

David Sedaris – Squirrel Seeks Chipmunk. A Wicked Bestiary (Little, Brown, 2010)
Das vielleicht absurdeste Buch, das David Sedaris jemals veröffentlicht hat. Und zweifelsohne eines seiner lustigsten. Im Grunde ist das hier eine Sammlung von Fabeln. Aber was für Fabeln das sind! Völlig abwegige, morbide, charmante, schrullige – „Squirrel Seeks Chipmunk“ ist ein Lesevergnügen sondergleichen. Das arme Streifenhörnchen, dass sich den Kopf darüber zermartert, was um alles in der Welt „Jazz“ sein könnte (und u.a. eine fiese Sexualpraktik vermutet); das ach so schrecklich vernünftige Huhn, das vorgibt, die Welt zu verstehen und schließlich selbst dran glauben muss; das strunzdoofe Schaf, das einer Krähe vertraut und und und – diese Tiergeschichten sind schräg, lustig und letztlich… unfassbar menschlich.

Roger Willemsen – Die Enden der Welt (S. Fischer, 2010)
Eine Sammlung von Reiseerzählungen, wie man sie von einem Typen wie Willemsen erwartet: wortgewandt, reich an Bildern und perfekt gedrechselten Sätzen (okay, manchmal sind sie auch ziemlich geschraubt). Es geht um berührende Momente, persönliche Krisen, Glücksgefühle oder das dringende Bedürfnis, ganz schnell wieder weg zu wollen. Die Klammer, die diese Erzählungen zusammenhalten will, ist etwas bemüht, manches „Ende der Welt“ ist nur mit viel gutem Willen als ein solches erkennbar. Aber ob Timbuktu oder Kamtschatka, ob Mandalay oder Minsk: viele dieser Geschichten sind exzellent, wecken das eigene Reisefieber und machen deutlich, was für ein Segen es ist, „so einen“ wie Roger Willemsen zu haben.

Bischof Geoffrey Robinson – Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation (Publik Forum Verlag, 2010)
Ein Buch von bedrückender Aktualität. Ein australischer Bischof lehnt sich weit aus dem (Kirchen-)Fenster und schreibt über die Probleme seiner Kirche im Spannungsfeld von Glauben, Macht und Sexualität. Mit seinen teils drastischen Worten und seiner ungewohnten Offenheit stieß er in Rom nicht unbedingt auf Gegenliebe. Geoffrey Robinson fordert ein Umdenken in der katholischen Sexualethik und berührt mit seinem eigenen persönlichen Hintergrund, wurde er doch selbst als Kind von einem Erwachsenen missbraucht. Auch wenn mir nicht jede These plausibel erscheint, so empfinde ich es doch als enorm befreiend, dass ein Mann der Kirche hier so offen und direkt schreibt, und dennoch (oder gerade deshalb?) eine tiefe Verbundenheit und Liebe zu seiner Kirche spürbar ist.

Benjamin von Stuckrad-Barre – Auch Deutsche unter den Opfern (KiWi Paperback, 2010)
Als „Soloalbum“ rauskam, war ich ja fast sowas wie ein Stuckrad-Barre-Fanboy. Ich mochte Thema, Ton und Attitüde dieses Buches sehr. Danach folgte viel, was mich nicht zu fesseln vermochte und irgendwann verlor ich dann das Interesse an Stuckrad-Barres Output. Bis ich mir aus Neugier „Auch Deutsche unter den Opfern“ gekauft habe; eine liebevoll gestaltete und mit tollen Fotos versehene Sammlung von Texten, die er vornehmlich für Tageszeitungen wie „Die Welt“ oder Magazine wie den Rolling Stone geschrieben hat. Ein „Sittengemälde unserer Zeit“ soll das sein, heißt es großspurig. Tatsächlich sind es durchweg lesenswerte Artikel eines brillianten Beobachters, der irgendwas ist zwischen arrogantem Schnösel und beautiful freak.

David McCandless – Information Is Beautiful (HarperCollins, 2009)
Opulent – das ist das Wort, das mir als erstes einfällt, um dieses Buch zu beschreiben. Infografiken sind ja seit geraumer Zeit das große Ding im Internet. Tatsächlich versuchen immer mehr Autoren, Publikationen oder Organisationen, komplexe Sachverhalte oder zahlenschwere Statistiken in anschauliche, aussagekräftige Grafiken zu pressen. Keinem gelingt das derartig brilliant wie David McCandless. Seine Infografik-Sammlung „Information Is Beautiful“ trägt diesen Titel völlig zu Recht: es ist ein Vergnügen, in diesen Statistiken zu blättern, diese Kunstwerke von einfach und effektiv dargestelltem Datenmaterial zu erkunden. Ob „Die Bedeutung von Farben auf der ganzen Welt“ oder „Kaffee-Sorten“ oder die „Weltbesten Anti-Kater-Rezepte“ – harte und nicht so harte Fakten sind hier in der Tat wunderschön anzusehen.

Neue Musik: Ben Folds & Nick Hornby, Weezer, Selig, The Duke & The King, Jason Mraz, The Avett Brothers, Fistful Of Mercy

Ben Folds & Nick Hornby – Lonely Avenue (2010)
Das liest sich auf dem Papier oder auf dem Monitor ja ganz hervorragend: Kult-Autor schreibt Texte für Kult-Musiker. Die beiden – inzwischen Freunde – machen ein ganzes Album daraus. Kann ja eigentlich nur super werden. Leider falsch gedacht: die Platte hat ohne Frage ein paar großartige Momente, insgesamt wirkt „Lonely Avenue“ von Ben Folds und Nick Hornby aber seltsam bemüht. Als fremdelte Ben mit Nicks Texten, als hätte Nick Probleme, Ben was auf den Leib zu texten. Bisweilen ist das regelrecht nervtötend und unangenehm hektisch. Und so klingt das nur nach einem unausgegorenen Ben Folds-Album und nicht nach der Zusammenarbeit des Jahres.

Weezer – Hurley (2010)
Wenn ich schon mal rummaule, mach ich auch gleich weiter: es gibt schon wieder eine neue Weezer-Platte. Nachdem mir die Vorgänger „Ratitude“ und „Red Album“ recht gut gefallen hatten (einfach nicht ständig mit der „Blauen“ und „Pinkerton“ vergleichen, und schon geht’s), bin ich von „Hurley“ dann doch enttäuscht. Was Weezer hier bieten, war alles schon mal da, haben wir so oder so ähnlich auf allen vorherigen Alben gehört, interessiert nur so mittelstark. Klar, das Gespür für schöne Melodien verlässt Herrn Cuomo auch hier nie so ganz; klar, ich höre den einen oder anderen Song auf diesem Album ganz gerne („Ruling Me“, „Trainwrecks“). Insgesamt ist „Hurley“ aber kein starkes, sondern vielmehr ein verzichtbares Album. Ob nun Weezer ein Pause brauchen oder ich eine Weezer-Pause, weiß ich gerade nicht.

Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit (2010)
Ich war ja ehrlich in Sorge, dass mir ein gerade mal anderthalb Jahre nach dem großen Comeback-Album veröffentlichtes, weiteres Selig-Werk eher auf den Keks als ans Herz gehen würde. Und tatsächlich war ich nach dem ersten Hören… ja, was? ernüchtert? überfordert? erschlagen? „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ war bei der Hör-Premiere etwas zu viel Ewigkeit auf einmal. Doch bereits beim zweiten Hören hat es bei mir „Klick“ gemacht. War „Und endlich unendlich“ durch und durch geprägt von Wiedersehensfreude, Wundenlecken und Aufarbeitung, so steigen Plewka und Co. hier wieder tiefer ein in die klassischen Selig-Sujets. Sie singen und spielen von Verzweiflung und Hoffnung, von Liebe und Einsamkeit, vom Höhenflug und vom tiefen Fall. Diese Platte wächst mit jedem Hören und ist musikalisch wie textlich sperriger, direkter als das 2009er Album. Inzwischen ist sie mir näher als ihr Vorgänger. Ja, Selig haben es geschafft, nicht zur alles verklärenden Altherrenband zu werden – sie haben immer noch etwas zu sagen und zu geben.

The Duke & The King – Long Live The Duke & The King (2010)
Ist das ein 2010er-Trend? Bands mit guten 2009er-Releases legen nach nur wenigen Monaten neue Platten vor? Weezer. Selig. Und jetzt auch noch The Duke & The King? Bis heute halte ich „Nothing Gold Can Stay“ – mein persönliches Album des Jahres 09 – für eine der stärksten Songsammlungen der letzten Zeit, noch habe ich mir gar nichts Neues herbeigesehnt. Und doch bin ich sehr froh, dass es diese zweite The Duke & The King-Platte gibt. „Long Live The Duke & The King“ ist leichter, souliger, verspielter als das CD-Debüt aus dem letzten Jahr. Aber wenn man bei jedem Track zufrieden grinst und einem der Herbst plötzlich scheißegal ist, dann kann es sich weiß Gott nicht um miese Musik handeln. Im Gegenteil: auch 2010 spielen der Herzog und der König ganz weit vorne mit. Großartig.

Jason Mraz – Life Is Good EP (2010)
Was ist nur mit Jason Mraz los? Die neue „Life Is Good“-EP besteht aus fünf Live-Stücken von einer seiner unzähligen Post-„I’m Yours“-Touren der letzten zwei Jahre. Ja, er hat eine Top-Liveband. Freilich, er ist ein toller Sänger. Sicher, er hat musikalisch viel mehr drauf als diesen einen großen Überhit. Aber trotzdem klingen die Songs dieser EP so dermaßen nach banalem Erwachsenen-Pop, dass ich es nicht ertrage. Trotz Latin-Grooves und Sprechgesang hat Mraz im Moment etwas mikeandthemechanics– und gloriaestefanmäßiges, das mich einfach betrübt. Mir blutet das Herz.

The Avett Brothers – Live Vol. 3 (2010)
„I And Love And You“ ist noch kein halbes Jahr in Europa draußen (in den USA dafür schon über ein Jahr), und die wunderbaren Avett Brothers legen bereits ein neues Live-Album nach. Meine erste Vermutung war ja, damit wollten sie die Fans der ersten Stunde umschmeicheln. Schließlich waren die in Sorge, dass dem spannendsten Alternative-Country-Act der letzten Jahre mit Majorlabel (American Recordings), Majorproduzent (Rick Rubin) und Majorchartsplazierung (Platz 16 in den Billboard Hot 100) ein ähnliches Schicksal wie Jason Mraz widerfahren könnte: dass der Erfolg lähmt und die Band in die kreative Bedeutungslosigkeit bugsiert. Aber zum Glück ist das alles unbegründet, immerhin war „I And Love And You“ ein fantastisches Album, und diese Live-Veröffentlichung ist nicht minder packend. Weltklasse-Performer, die ihr Herz aus dem Leibe schreien und dabei vor Lebensfreude nur so übersprudeln. Elegant, wie sie den Spagat zwischen Rubin-Hochglanz und räudigem Bühnencharme (ups, versungen, darf ich nochmal anfangen?) beibehalten. „Live Vol. 3“ ist ein Hörvergnügen sondergleichen.

Fistful Of Mercy – As I Call You Down (2010)
Fistful Of Mercy sind die neuen Monsters Of Folk. Ben Harper, Joseph Arthur und Dhani Harrison hatten sich im Februar zusammengetan, um gemeinsam im Studio zu jammen und vielleicht ein paar Songs aufzunehmen. Herausgekommen ist eine neue Supergroup und das vielleicht überraschendste Album des Jahres: das Gespür Arthurs für starke Sätze in starken Melodien trifft auf Ben Harpers Virtuosität und Spielfreude. Was George-Harrison-Sohn Dhani dann noch an Stimme, Songwriting und Präsenz mit einbringt (ich gebe zu, ich kannte ihn vorher nicht), setzt dem ganzen die Krone auf. Neun Momentaufnahmen, die sich zu einer wundervollen Einheit zusammenfügen – „As I Call You Down“ ist ein zeitlos schönes und ergreifendes Album geworden.

Ältere „Neue Musik“-Beiträge gibt’s übrigens hier.

Neue Musik: Wir sind Helden, Todd Thibaud, Steve Mayone, Gov’t Mule, Jay Bennett, Tim Reynolds, Kula Shaker

Wir sind Helden – Bring mich nach Hause (2010)
Hmm. Ein Wir sind Helden-Fan war ich im Grunde nie, allerdings ist mir die Band sehr sympathisch. Ich mag die geradlinige Art der Helden bei Business-Entscheidungen, und die Texte von Judith Holofernes sind für mich definitiv Lyrik-Bundesliga. „Bring mich nach Hause“ ist kompliziertere Kost, als ich erwartet hätte. Verhalten, nachdenklich, mitunter düster. Aber dennoch angenehm, lebensfroh und überraschend. Ich mach’s kurz: ich mag diese Platte einfach. Vielleicht wird das ja doch noch was, mit mir und dem Helden-Fan-Sein. Der „Ballade von Wolfgang und Brigitte“ und „Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt“ sei Dank.

Todd Thibaud – Broken (2009)
Hätte nie gedacht, dass mir mal ein Album von Todd Thibaud „durchrutscht“. Genau das ist bei „Broken“ aber passiert. Eher zufällig war ich mal wieder auf den Seiten des tollen Blue Rose-Labels und schaute eher nebenher mal nach, ob den der gute Todd „irgendwas Neues“ hat. Hat er. Ein Todd Thibaud-Album nämlich, das klingt… wie ein Todd Thibaud-Album. Straighter, solider, melodiöser Ami-Rock, der mich leider nicht mehr ganz so packt wie noch vor ein paar Jahren. Ohne Frage, die Songs sind gut und perfekt und grandios gespielt, aber die eine oder andere Überraschung mehr hätte ich mich schon gewünscht. Wie dem auch sei: ich möchte „Broken“ nicht missen und freue mich über dieses Zuhause-Gefühl, das Todds Musik in mir auslöst.

Steve Mayone – Long Play Record (2009)
Thibaud? Warte mal, da war doch dieser Bassist beim Konzert, mit dem wir nach der Show ein paar Biere getrunken haben. Der hatte diese geile Soloplatte… Bedroom Rockstar, genau. Hat der vielleicht ja auch was Neues? Steve Mayone hieß der… Siehe da: auch er hat. „Long Play Record“ nämlich. Eine Platte mit wunderbaren Songs, tollen Melodien und dem gleichen schrulligen Selfmade-Charme wie einst „Bedroom Rockstar“. Was bin ich froh, dass mir „Long Play Record“ untergekommen ist – nicht zuletzt wegen „Adrift“, dem letzten und allerbesten Lied des Albums.

Gov’t Mule – Mulennium (2010)
In Sachen Riesen-Releases sind Gov’t Mule echte Profis – die Herren haben ja schon so einige Box-Sets, Doppel-CDs und so weiter rausgehauen. Die 3-CD-Veröffentlichung „Mulennium“ reiht sich da ein: es geht zurück in die Silvesternacht 1999, damals war Bassist Allen Woody noch am Leben und die Band (damals galt sie als das heißeste Power-Trio des Rock) stand kurz vor der Veröffentlichung ihrer CD „Life Before Insanity“. Traditionell sind New Years Eve-Shows der Band immer was besonderes, und auch die Milleniumsnacht ist da keine Ausnahme. Erst rocken Warren Haynes und Co lautstark los, dann kommt Little Milton auf die Bühne und spielt mit ihnen ’ne gute Stunde feinsten Bluesrock, und am Ende wird gecovert, gejammt und gefeiert, was das Zeug hält. Dreieinhalb Stunden grandiose Livemusik.

Jay Bennett – Kicking At The Perfumed Air (2010)
Über ein Jahr ist Jay Bennett inzwischen tot. Bei Wilco fand ich ihn gut, als Produzent von Blues Traveler war er eine Herausforderung für mich. Wirklich begeistert hat er mich aber mit seinen Solo-Geschichten. „Kicking At The Perfumed Air“ ist die Platte, an der Jay unmittelbar vor seinem Tod gearbeitet hat und die auch fast fertig war. Enge Vertraute haben das Album – hoffentlich in Bennetts Sinne – fertiggestellt und jetzt kann man es kostenlos runterladen. Und das sollte man auch, denn es ist grandios, vom ersten Ton des Geldof-Covers „Diamond Smiles“ bis zum letzten Ton der viel zu lustigen Trinkerhymne „Beer“. Was für ein bittersüßes Vermächtnis; was für ein Jammer, dass dieser tolle Mann nicht mehr lebt.

Tim Reynolds – The Limbic System (2010)
Bei Dave Matthews Band-Konzerten ist er das Genie an der elektrischen Gitarre. Auf dieser Soloveröffentlichung demonstriert Tim Reynolds allerdings, was für ein begnadeter Akustik-Gitarrist er ist. Glasklare Töne, nicht für möglich gehaltene Sounds, wunderbare Klanglandschaften. 26 Tracks sind zwar für meinen Geschmack eine Handvoll zu viel des Guten, dennoch möchte ich „The Limbic System“ uneingeschränkt empfehlen.

Kula Shaker – Pilgrims Progress (2010)
Es hätte nicht viel gefehlt, und Kula Shaker wären der Treppenwitz des Britpop geblieben: kurzzeitig bekannt durch fetten Retro-Rock mit akuter Indien-Schlagseite, fanden die Herrschaften um Chrispian Mills aber eine knappe Dekade nach ihrem Heyday in den Neunzigern wieder zueinander – und machen plötzlich wunderbare Popmusik, detailversessen, liebenswert und gar nicht mal mehr so indisch. Kula Shaker waren nie schlecht, kurzzeitig gar cool und angesagt, dann aber irgendwann bedeutungslos. Inzwischen sind sie eine Band, die von Album zu Album besser wird und jetzt mit „Pilgrims Progress“ definitiv die beste CD ihre Karriere vorlegt.