Mein 2023: Lieblingskonzerte

Lawrence, Hamburg

Ein gutes Konzertjahr geht zu Ende, von dem mir viel in Erinnerung bleiben wird. Der 2zueins!-Band-Betriebsausflug zu Danny Dziuk ins Neue Schauspiel Leipzig etwa. Und Lawrence in Hamburg – Stimm- und Performancewunder Gracie, Bruder Clyde und die sechs weiteren Bandmates sorgten fĂŒr die kurzweiligste Show des Jahres.

Ben Harper im Regen in Weimar – und zum Schluss ein Regenbogen bei Amen Omen. Marc Broussards beseelter Auftritt im Colos-Saal in Aschaffenburg! Und Niels Frevert, wie er am Ende eines famosen Konzerts zufrieden von der BĂŒhne der Moritzbastei lĂ€chelte.

Schließlich haben Selig auf großer 30-Jahre-Tour in Berlin Halt gemacht und wir waren high, high, high wie in den Neunzigern. Kurz darauf ist dann ein kleiner Traum fĂŒr mich wahr geworden: im November waren Goose erstmals auf Europatour und ich war in Paris und Köln dabei – es wurden die intensivsten Livemusikmomente 2023.

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Lieblingskonzerte 2022, 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012201120102009.

Mein 2021: Lieblingslieder

10 Tom Morello feat. Ben Harper – Raising Hell
And the road is always paved with shooting stars

9 Sebastian Block – Zur HĂ€lfte vollkommen
Pech in der Liebe und doch nie gewonnen – das Spiel meines Lebens, zur HĂ€lfte vollkommen

8 Gov’t Mule – If Heartaches Were Nickels
If wine and pills were hundred dollar bills, I might keep you satisfied and if broken dreams werĐ” limousines, oh, you know I might take you for a ride

7 Jake Bugg – Scene
Did I ever really hurt you? Or is it just the way you always leave?

6 Kyle Falconer – Miracle Happens
I love the way you leave me behind

5 Blues Traveler feat. John Scofield & Rita Wilson – Crazy
Ha, bless your soul. You really think you’re in control?

4 My Morning Jacket – In Color
You gotta believe it sounds better, in color. All the rainbow to hear

3 Selig – Zeitlupenzeit
Liegt es an dir oder liegt es am Geld oder liegt es am Ende dДr Welt?

2 Pinegrove – Orange
I try to warn my senator, he said that he invented it and that I should feel happy he talked to me at all

1 Fortuna Ehrenfeld – Das Imperium rudert zurĂŒck
Buongiorno, wildes Leben, ich halt das nicht mehr aus. Im Kopf so viel Ideen und die mĂŒssen halt jetzt raus

Meine zehn Lieblingslieder 2021 gibt’s hier als Spotify-Playlist.

Siehe auch:
Lieblingslieder 2020 (Spotify), 2019 (Spotify), 2018 (Spotify), 2017 (Spotify), 2016 (Spotify), 2015 (Spotify), 2014 (Spotify), 2013 (Spotify), 2012 (Spotify), 2011 (Spotify), 2010 (Spotify), 2009 (Spotify), 2008.

Mein 2021: Lieblingsalben

10 Sebastian Block – Dorngrund
„Irgendwo in dieser großen Stadt“ hieß die Platte der Berliner Band Mein Mio, durch die ich einst auf SĂ€nger Sebastian Block und sein famoses Songwriting aufmerksam wurde – 2009 war das. Mehr als zehn Jahre ist Sebastian nun schon solo unterwegs, bezeichnet sich lĂ€ssig als „Liedermacher“ und liefert regelmĂ€ĂŸig hörenswerte Platten. „Dorngrund“, sein 2021er Werk, ist ganz besonders rund geworden und kommt mit seiner melancholisch-zaghaften Grundhaltung und dem stĂ€ndigen Pendeln zwischen Tiefgang und Nonchalance genau zur richtigen Zeit.

9 Kyle Falconer – No Love Songs For Laura
Gleich noch ein KĂŒnstler, der mal einer Band vorstand: erzĂ€hlte der frĂŒhere The View-SĂ€nger auf seinem 2018er Solo-DebĂŒt hauptsĂ€chlich vom Alkohol- und Drogenentzug, ist Album Nummer zwei ein Lob auf die Familie und die Liebe geworden. SelbstverstĂ€ndlich enthĂ€lt diese detailreiche und mutig auf Hochglanz produzierte Singer-Songwriter-Platte ihrem Titel zum Trotz auch so einige Liebeslieder fĂŒr „seine“ Laura. Dazu der vielleicht schönste Wunsch, den man 2021 mit Blick auf die Welt und den ganzen Rest ĂŒberhaupt singen kann: … and I hope that we don’t turn into monsters.

8 Jake Manzi – Whatever My Heart Allows
Junger SĂ€nger und Songschreiber aus Northampton in Massachusetts, auf den ich durch seine Freundschaft zu den Dawes-GebrĂŒder Taylor und Griffin Goldsmith gestoßen bin, die auf Whatever My Heart Allows auch mitspielen. Ein ruhiges, jedoch nie langweiliges Album, das mich in Sound und Songwriting an 1972 von Josh Rouse erinnert, das dennoch eigenstĂ€ndig und ĂŒberraschend daherkommt. Aus der Zeit gefallener Kammer-Pop, der gern mit dem Folk, jedoch viel lieber noch mit dem Soul flirtet.

7 Brandi Carlile – In These Silent Days
Das mit den ganz großen GefĂŒhlen hat Brandi Carlile einfach drauf. Dazu diese Naturgewalt von einer Stimme… Ich war ein wenig in Sorge, dass „In These Silent Days“ eine allzu introvertierte Lockdown-Angelegenheit werden wĂŒrde, doch die Sorge war unbegrĂŒndet. Zehn kraftvolle Hymnen auf die Liebe, auf Selbstbestimmung und das Muttersein, irgendwo zwischen Pop, Alternative Country und Rock. Musik fĂŒr unerschĂŒtterliche Optimisten, denn was ist the most powerful thing you can to do? Na klar: stay gentle!

6 Selig – Myriaden
Zur Zeit kommt ja vieles anders als geplant – Selig können gleich mehrere Lieder davon singen. „Myriaden“ hĂ€tte bereits 2020 rauskommen sollen; die Tour zum Album musste schon x-mal verschoben werden, alles pandemiebedingt. Dabei hĂ€tten Jan, Stoppel, Christian und Leo fĂŒr diese Platte mehr NormalitĂ€t und damit mehr Aufmerksamkeit verdient. Erstmals seit den 90ern arbeiten die Seligen wieder mit Franz Plasa zusammen, doch tappen zum GlĂŒck nicht in die Nostalgie-Falle. Statt alte Sound-Klischees aufzuwĂ€rmen, gibt’s einen zeitgemĂ€ĂŸ produzierten, starken Songzyklus. Clever auch, mit den „Live Takes“ eine weniger polierte, rauere Version des Albums daneben zu stellen und so auch die zu bedienen, denen „Myriaden“ vielleicht doch etwas zu glatt daherkommt. Ach so … ĂŒber den Totalausfalldas guilty pleasure „Spacetaxi“ breiten wir gĂŒtig und altersmilde den Mantel des Schweigens, ok?

5 Weezer – OK Human
Mit gleich zwei großen Veröffentlichungen bereicherten Weezer das Musikjahr 2021. Die eine eine wunderbar alberne bis kauzige Hair-Metal-Hommage („Van Weezer“), die andere ein komplett analog eingespieltes Album gĂ€nzlich ohne E-Gitarren, dafĂŒr mit 38-köpfigem Orchester: „OK Human“ (natĂŒrlich eine Anspielung auf „OK Computer“, das 1997er opus magnum von Radiohead). Was – Überraschung! – hervorragend funktioniert. Vor allem, weil die Songs super sind: von „All My Favorite Songs“ bis „La Brea Tar Pits“ liefert Rivers Cuomo durchgehend starkes Material. Auch die diebische Freude daran, mal mit Streichern, BlĂ€sern, Pauken und Flöten zu arbeiten, ist die ganze Zeit ĂŒber deutlich hörbar – was fĂŒr ein VergnĂŒgen!

4 Jake Bugg – Saturday Night, Sunday Morning
Viele hatten den stets etwas genervt wirkenden Briten ja bereits abgeschrieben – konnte er doch in den letzten Jahren nicht mehr an die Riesenerfolge anknĂŒpfen, die er bereits als Teenager mit seinen ersten beiden Alben feiern konnte. Doch Mr. Bugg macht unbeirrt weiter und hat sich eine Sound-Frischzellenkur verordnet. Geblieben ist Jakes durch Mark und Bein gehender Gesang; sein eher klassisches Songwriting mischt sich neuerdings aber herrlich respektlos mit Pop- und Electronica-Elementen. Das klingt nicht nach Abstellgleis und has-been, sondern nach ganz großer BĂŒhne und ready for prime time.

3 Goose – Shenanigans Nite Club
Eine ganze Generation neuer Jambands erspielt sich seit geraumer Zeit in den USA ihr Publikum – wenn nicht gerade pandemiebedingt Zwangspause herrscht. Sie heißen Tauk, Spafford, Pigeons Playing Ping Pong oder Dopapod. Oder eben Goose: fĂŒnf Freunde aus Norwalk in Connecticut, die gerade vom Geheimtipp zum Headliner avancieren und die Corona-Zeit clever fĂŒr sich zu nutzen wissen, etwa durch das stĂ€ndige Veröffentlichen ganzer Shows bei Youtube. Die Studioproduktion „Shenanigans Nite Club“ fĂ€ngt vielleicht nicht vollstĂ€ndig die Partystimmung ein, die bei Goose-Konzerten herrscht, sehr wohl aber die außergewöhnliche MusikalitĂ€t und Spielfreude der Band.

2 Blues Traveler – Traveler’s Blues
Wer hĂ€tte das gedacht: aus einem eher aus der Not geborenen Projekt („… dann machen wir halt ein Bluesalbum wĂ€hrend der Pandemie, passt irgendwie …„) wird ein Grammy-nominierter Triumph. Die Band interpretiert Genreklassiker aus verschiedenen Epochen und legt den Blues-Kern von Rock- und Popklassikern frei („Roadhouse Blues“ von The Doors, „Crazy“ von Gnarls Barkley). Dazu hervorragend ausgewĂ€hlte GĂ€ste, die das Ganze veredeln und die Band zu Höchstleistungen anspornen. Man spĂŒrt, dass John Popper & Co. inzwischen im vierten Jahrzehnt gemeinsam Musik machen: zu einer derart inspirierten, cleveren und zugleich lĂ€ssigen Blues-Session ist man wohl erst imstande, wenn man so erfahren und mit allen Wassern gewaschen ist wie Blues Traveler.

1 My Morning Jacket – My Morning Jacket
Manchmal braucht es einen gewissen Abstand zum eigenen Schaffen, um fĂŒr weitere, neue Großtaten bereit zu sein. Nach dem 2015er Release „The Waterfall“ hatten My Morning Jacket keine rechte Ahnung, wohin denn die weitere Bandreise fĂŒhren könnte. Eine selbstverordnete, knapp zweijĂ€hrige Pause hat Wunder gewirkt: unmittelbar nach der RĂŒckkehr auf die BĂŒhne ging die Band ins Studio, um den Zauber des (Wieder-)Anfangs zu nutzen. Ergebnis ist das selbstbetitelte neunte My Morning Jacket-Album, das wirklich alles hat, was diese Band ausmacht: große Songs, euphorische Jams, nerdige Gitarren- und Keyboardsounds und ein Aufeinander-eingespielt-Sein, das seinesgleichen sucht. Von wegen Schaffenskrise! Jim James und seinen Kollegen ist ein – hier darf man das bittschön mal schreiben – zeitloses Rock-Meisterwerk gelungen.

Meine zehn Lieblingsalben 2021 gibt’s hier als Spotify-Playlist.

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Lieblingsalben 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2006, 2005, 2004.

Mein 2014: Lieblingskonzerte

10 – Malky, Leipzig, 24. Januar
Das Video zum Song „Diamonds“ war lĂ€ngst draußen, in Leipzig erzĂ€hlte man sich von DER großen nĂ€chsten Live-Sensation der Stadt – Ende Januar hatte ich Gelegenheit, mir davon ein Bild zu machen. Und tatsĂ€chlich: Malky waren an dem Abend im Werk II eigentlich „nur“ die Vorband, hinterließen bei mir aber einen bleibenden Eindruck. Kommt ja selten genug vor, aber … der Hype war gerechtfertigt.

9 – Orgelkonzert, Leipzig, 15. MĂ€rz
Die Orgel in der Evangelisch-Reformierten Kirche am Leipziger Tröndlinring feierte ihren 45. Geburtstag. Da nicht nur Menschen, sondern auch Orgeln in diesem Alter die eine oder andere Schönheits-OP brauchen, organisierte die Gemeinde kurzerhand ein gelungenes Benefizkonzert. Hauptteil des Konzerts war die Messe fĂŒr Chor und Orgel von Anton Dvorak aus dem Jahr 1887, aufgefĂŒhrt mit der Kantorei der Gemeinde und tollen Solisten. Außerdem bot UniversitĂ€tsmusikdirektor David Timm anschließend noch einige gewagte Improvisationen an der Jehmlich-Orgel. Ein spannender, packender Musikgenuss.

Spaceman Spiff & Enno Bunger, Leipzig 2014

8 – Spaceman Spiff & Enno Bunger, Leipzig, 4. Dezember
Das Vorurteil: das wird ein Abend mit zwei ganz gefĂŒhligen Boys, die schĂŒchtern ihre durchaus schönen Problemlieder zum Besten geben. Die Überraschung: Spaceman Spiff und Enno Bunger können auch richtig laut und sogar tanzbar und sind auf der BĂŒhne so gar nicht die maulfaulen Schwerstmelancholiker, sondern unterhaltsame RampensĂ€ue mit, gewiss, in der Mehrzahl eher balladesken Songs. Das Ergebnis: ein wirklich kurzweiliger, toller Abend.

7 – Selig, Leipzig, 23. August
Ach Mensch, Selig. Ende August an der ParkbĂŒhne konnte ich noch nicht ahnen, dass ich mich spĂ€ter im Jahr tierisch ĂŒber Euch Ă€rgern wĂŒrde. Die CD „Die Besten“ gefiel mir nĂ€mlich gar nicht, lieblose und blutleere Eigen-Cover waren das, in einem halbakustischen, seltsam schaumgebremsten Gewand. Und dann verlĂ€sst auch noch Keyboarder Malte die Band? Was mir Freunde von der Herbst-Tour berichten, lĂ€sst mich ahnen, dass die PUR-Werdung meiner einstigen Lieblingsband gerade im Eiltempo voranschreitet. Zum GlĂŒck war von all dem an diesem viel zu kĂŒhlen Sommerabend im August noch nichts zu spĂŒren: meine fĂŒnf Helden spielten sich lautstark und ohne Wenn und Aber durch die derbsten Bretter ihrer Karriere – ich war völlig ĂŒberrascht und geplĂ€ttet und begeistert. Umso trauriger, wie es dann im Herbst mit der Band weiterging. Aber hey hey hey, natĂŒrlich bleibe ich voller Hoffnung und gespannt auf das, was da noch kommen mag.

6 – Stoppok, Leipzig, 20. November
Ein Dauergast in meinen Lieblingskonzertlisten. Auch 2014 lieferte der alte Recke mit seiner in Teilen neuen Band ein wunderbares Konzert ab.

Die Höchste Eisenbahn, Leipzig 2014

5 – Die Höchste Eisenbahn, Leipzig, 12. Februar
Eine zum Bersten volle NaTo. Und eine höchst spielfreudige Höchste Eisenbahn, die auf der ganzen Linie ĂŒberzeugte. Francesco Wilking und Co. intonierten die Songs ihrer ersten beiden Platten, wechselten nach fast jedem Song die Instrumente und machten den Abend durch ihre Ă€ußerst lustigen Ansagen und Anekdoten erst so richtig rund. Ich glaub ja, dass hier gerade DIE deutschprachige Pop-Instanz der nĂ€chsten Jahre entsteht.

4 – The Hilliard Ensemble & Jan Garbarek, Halle, 20. Oktober
Ein wohliger Schauer nach dem nĂ€chsten jagte mir in Halle in der Marktkirche an diesem Abend ĂŒber den RĂŒcken: die Herren vom Hilliard Ensemble waren gekommen, um ein letztes Mal in unseren Breitengraden ihre unfassbar gute Vokalkunst zum Besten zu geben. Und das Publikum war gekommen, um von diesen großen KĂŒnstlern Abschied zu nehmen: Ende 2014 sangen sie das letzte Konzert ihrer Karriere. Mit dabei war der norwegische Jazzsaxofonist Jan Garbarek, mit dem die Hilliards drei Alben aufnahmen. Schade, dass ich das wohl nie wieder live erleben werde. Schön, dass ich in Halle dabei sein durfte.

Spin Doctors, Paris 2014

3 – Spin Doctors, Paris, 24. Februar
Auch in diesem Jahr durfte ich die Lieblingsband ein paar Mal live erleben. Drei Mal, um genau zu sein: in Paris, Amsterdam und Leuven. Die Pariser Show soll exemplarisch fĂŒr diesen Ă€ußerst spannenden Run stehen. Die Band variierte die Setlisten von Nacht zu Nacht wie zuletzt in den frĂŒhen 90er Jahren, alte und neue StĂŒcke fĂŒgten sich zu tollen Gesamtkunstwerken ineinander. Chris, Aaron, Mark und Eric sind und bleiben die coolsten SĂ€ue unter dieser Sonne und ich freu mich schon aufs nĂ€chste Dutzend Shows.

2 – Conor Oberst & Dawes, Hamburg, 11. August
A match made in heaven: Dawes, die sich 2013 in mein Herz spielten, als Backing Band fĂŒr Conor Oberst, den ich bislang noch nie live gesehen hatte. Praktischerweise gaben Dawes auch gleich noch die Vorband, was mich natĂŒrlich doppelt freute. Das neunminĂŒtige „Peace In The Valley“ am Ende des Dawes-Sets in der restlos ausverkauften Hamburger „Fabrik“ war fĂŒr mich der Konzertmoment des Jahres. Das Set mit Conor Oberst war bis zum letzten Song erstklassig und einnehmend, verstörend war jedoch dann die Zugabe: Dawes mussten fast acht Minuten instrumental ĂŒberbrĂŒcken, bevor Oberst schließlich doch völlig verwirrt und neben sich stehend zurĂŒck auf BĂŒhne wankte und die letzten beiden StĂŒcke mit MĂŒhe und Not durchhielt. Ein seltsames Ende einer sonst tadellosen, berauschenden Show, die mir lange in Erinnerung bleiben wird.

Niels Frevert, Dresden 2014

1 – Niels Frevert, Dresden, 22. November
Was fĂŒr ein Genuss! Frevert mit Band in der Dresdener Scheune. Niels war an dem Abend gut drauf und zum Plaudern aufgelegt, und die Band war aufeinander eingespielt wie in diesem Jahr sonst nur die deutsche Fußball-Nationalelf. Das Schönste: live kommen auch die Songs der jĂŒngeren Frevert-Platten etwas rauher und gitarrenlastiger daher, was ihnen extrem gut bekommt. Ob neue Meisterwerke wie „Muscheln“ oder alte Gassenhauer wie „Seltsam öffne mich“ und „DoppelgĂ€nger“ – was fĂŒr ein GlĂŒck, dass es Niels Frevert gibt.

Siehe auch:
Lieblingskonzerte 2013, 2012, 2011, 2010, 2009.

Mein 2013: Lieblingskonzerte

Mit Griffin Goldsmith von Dawes, Reeperbahn Hamburg, 13. September 2013.
Mit Griffin Goldsmith von Dawes, Reeperbahn Hamburg, 13. September 2013.

10 – Selig, Leipzig, 14. MĂ€rz
Das offizielle Konzert zum „Magma“-Album. Mit der Platte hadere ich, weil sie mir zu gefĂ€llig daherkommt und zu glattgelutscht. Live fĂŒgten sich die neuen StĂŒcke aber sehr gut ins Gesamtrepertoire ein. Bei weitem nicht das beste Selig-Konzert, das ich jemals gesehen habe, aber ohne Zweifel ein unterhaltsamer Abend.

09 – Spin Doctors, Isernhagen, 12. Oktober
Isernhagen soll stellvertretend fĂŒr die sieben Spin-Doctors-Konzerte stehen, die in diesem Jahr sehen durfte. Die Touren durch England und Deutschland waren total unterschiedlich, gemein war ihnen, dass die Jungs es an jedem einzelnen Abend schafften, ihr Publikum zu „kriegen“, ob da nun zwanzig Menschen vor der BĂŒhne standen (Augsburg) oder der Laden zum Bersten voll und ausverkauft war (Bristol). Der Gig in Isernhagen war perfekt: tolle Location, feierfreudiges Publikum und eine bestens aufgelegte Lieblingsband. Einer der sieben Abende mit den Doctors stach dennoch hervor, mehr dazu weiter unten.

08 – Charitone, Hamburg, 15. September
Die Hamburger Straßenzeitung Hinz & Kunzt wurde 20 Jahre alt und das feierten Macher, VerkĂ€ufer, Förderer und Freunde mit einem bemerkenswerten Open-Air-Konzert im Hamburger Stadtpark. Die NDR Big Band zusammen mit dem Who-Is-Who der Hamburger Popszene. Bernd Begemann moderierte den rotweinseligen SpĂ€tsommernachmittag, an dem wir vier schöne Stunden lang eigens fĂŒr diesen Anlass arrangierten StĂŒcken von und mit Niels Frevert, Boy, CĂ€the, Johannes Oerding, Roger Cicero, Pohlmann, Regy Clasen und Stefan Gwildis lauschten.

07 – Jan Garbarek Group, Dresden, 2. November
Mal ganz was anderes. Saxophone-Jazz-Ikone Jan Garbarek und drei Kollegen spielen sphĂ€rische, der Welt entrĂŒckte Musik. Von den glasklaren, brillianten Tönen des Altsaxophons bis zu den Percussion-Feuerwerken aus Trommeln, Töpfen und Schalen brachte die Garbarek Group hier ihren ganz eigenen Entwurf von Jazz zu Gehör. Zwei Stunden im Alten Schlachthof, die wie im Flug vergingen.

06 – The Cat Empire, Berlin, 4. November
Alle Jahre wieder…: mit einem gelungenem neuen Album im GepĂ€ck beehrten The Cat Empire aus Australien auch in diesem Jahr wieder ausgerechnet in der unwirtlichsten Jahreszeit Mitteleuropa. An einem feucht-kalten, regnerischen Berliner Herbsttag schafften es die Herrschaften einmal mehr, eine restlos ausverkaufte (und damit aus allen NĂ€hten platzende) Location zum Kochen zu bringen. Und mal wieder gehen tausende Menschen mit einem LĂ€cheln auf den Lippen aus dem Konzert und fragen sich: wie machen die das nur, diese Zauberer?

Live 2013

05 – Eels, Berlin, 8. April
Gewiss das schrĂ€gste Konzert, das ich in diesem Jahr gesehen habe. Meister E stand der Sinn nach lautem Rock’n’Roll, und lauten Rock’n’Roll hat er geliefert. In TrainingsanzĂŒgen, auf Podesten stehend, nach jedem Lied seine Mitmusiker zur Gruppenumarmung nötigend. Der traurige Clown im Vorprogramm, der, begleitet von einer Dame im AffenkostĂŒm, theatralisch Metal-Klassiker ariengleich vortrug? Die Zugabe weit nach Konzertende, nachdem das Tempodrom schon wieder fast leer war? Nur zwei von ganz vielen wunderbaren MerkwĂŒrdigkeiten, die diesen Abend zu einem Besonderen gemacht haben.

04 – Joseph Arthur, Leipzig, 6. November
Sie haben mir Leid getan, diese drei Weltklasse-Musiker dort vorne auf der BĂŒhne vom UT Connewitz. Grade mal zwanzig, dreißig Leute waren gekommen, um Joseph Arthur, RenĂ© Lopez und Bill Dobrow zuzuhören. Dabei war ich vorher fest davon ĂŒberzeugt, dass das Konzert ausverkauft sein wĂŒrde. Ich meine … Joseph Arthur!! Was fĂŒr große KĂŒnstler da vorne Musik gemacht haben, zeigte sich daran, dass sie sich von dem viel zu kleinen Publikum nicht beeindrucken ließen und eine sensationelle Show ablieferten.

03 – Gov’t Mule, Torgau, 19. Juli
Na endlich. Seit 1997 bin ich Fan, aber erst jetzt hatte ich Gelegenheit, Gov’t Mule mal live zu erleben. Zwei ausfĂŒhrliche Sets lang zeigten Warren Haynes und Co., warum sie zu den besten Musikern unter dieser Sonne gehören – mit vielen mir damals noch unbekannten StĂŒcken vom neuen Album „Shout“, etlichen Reminiszenzen an Ikonen wie Grateful Dead und einem furiosen Finale mit „War Pigs“, das sogar die raubeinigsten Rocker in diesem an raubeinigen Rockern nicht eben armen Publikum euphorisierte.

02 – Spin Doctors, Leeds, 25. Januar
Aus all den schönen Spins-Shows, die mir in diesem Jahr vergönnt waren, muss diese hier herausgehoben werden. Ein schöner, kleiner, ausverkaufter Club in Leeds. Ein Publikum, das gekommen war, trotz eines fĂŒr britische VerhĂ€ltnisse extremen Wintereinbruchs seine Helden zu feiern. Eine Setlist, die mit Überraschungen nicht geizte (Yo Baby!). Eine Band, die mir in den Zugaben einen Song widmete, wĂ€hrend ich hinter’m Merch-Stand T-Shirts und CDs bewachte (siehe Videobeweis). Das alles an dem Tag, an dem ich zum allerersten Mal das brandneue Album der Band im Zug von Liverpool nach Leeds anhören konnte. Der perfekte Tag, um Spin Doctors-Fan zu sein.

01 – Dawes, Hamburg, 13. September
Wie stark diese Band mein Jahr geprĂ€gt hat, habe ich ja bereits gestern bei den Lieblingsalben 2013 geschrieben. Umso grĂ¶ĂŸer war meine Freude, als ich erfuhr, dass Dawes im September zwei Konzerte in Deutschland spielen wĂŒrden. Mit dem besten Freund gings schließlich nach Hamburg, um dort im legendĂ€ren Molotow-Club all die großen Songs live zu hören, die mir im FrĂŒhjahr und Sommer so ans Herz gewachsen sind. Mein mit Abstand intensivster Livemusik-Moment 2013.

Siehe auch:
Lieblingskonzerte 2012, 2011, 2010, 2009.

Mein 2012: Lieblingskonzerte

The Cat Empire, Berlin, 2012

10 – Amarcord, Leipzig, 5. Oktober
Festkonzert zum 20. JubilĂ€um des Ensembles im Großen Saal des Gewandhauses. Mit einem Querschnitt aus ihrem Repertoire, von Renaissance-Madrigalen bis hin zu einer UrauffĂŒhrung. Am Ende stehende Ovationen, völlig zu Recht.

9 – Kraftklub, Leipzig, 21. Oktober
Deutschlands Band des Jahres bringt das Haus Auensee zum Überlaufen. Selten ein derart euphorisches und durchgeschwitztes Publikum erlebt. Einfach nur großartig.

8 – Ray’s Guesthouse, Berlin, 24. Mai
MTV-Legende Ray Cokes mit neuer Live-BĂŒhnen-Show im Berliner Postbahnhof. Triggerfinger performen „I Follow Rivers“, kurz bevor es zum Überraschungs-Sommerhit wurde. Außerdem dabei: Fiva und das Phantomorchester, die frisch wiedervereinten Plan B aus Berlin, Me & My Drummer, Admiral Black und Two Trick Pony. Und ein bestens aufgelegter Ray Cokes, natĂŒrlich.

7 – SinĂ©ad O’Connor, Berlin, 19. April
Einen Tag, bevor sie einen Nervenzusammenbruch haben sollte, der zur Absage der gesamten Rest-Tour fĂŒhrt, sang SinĂ©ad in Berlin. Verwundbar und aufgekratzt wie immer, sichtlich mĂŒder als nur wenige Wochen zuvor in London (siehe unten), aber immer noch in sehr guter Form. Ein bewegender Abend.

6 – Stoppok, Leipzig, 8. Dezember
Stefan Stoppok, ganz alleine im proppevollen Anker. Die vorweihnachtlichen Besuche des Barden im Leipziger Norden haben inzwischen eine gewisse Tradition, aber ganz und gar keine Routine. Stoppok ist in Spiellaune, das Publikum singt eifrig mit und am Ende, wie so oft bei Stoppok, gehen alle glĂŒcklich nach Hause.

5 – Wolke, Leipzig, 2. Juni
Gerade mal zwanzig Menschen wollten Wolke in der Moritzbastei sehen. Wenn die restlichen 500.000 Leipziger nur wĂŒssten, was sie verpasst haben! Das Duo stellte die Songs ihres neuen Album „FĂŒr immer“ vor und sangen natĂŒrlich auch Klassiker wie „Kleine Lichter“. Ich war, Ă€hem, auf Wolke 7.

4 – Selig, Dresden, 19. November
Muss man sich auch erstmal trauen: Selig performen ihr komplettes neues Album „Magma“, obwohl das noch keiner kennt, weil es erst im neuen Jahr kommt. Experiment geglĂŒckt: die Fans im ausverkauften Beatpol fraßen der Band aus der Hand, das neue Material hört sich fabelhaft an, und der XXL-Zugabenblock bot dann von „Ist es wichtig“ bis „Schau Schau“ alles, was der Fan sich noch gewĂŒnscht hat.

3 – SinĂ©ad O’Connor, London, 10. MĂ€rz
Eines der besten SinĂ©ad-Konzerte, die ich in meinem Leben sehen durfte. Das Publikum lag ihr zu FĂŒĂŸen, die neuen Songs rockten, die KĂŒnstlerin selbst war enorm gut gelaunt und legte einen Auftritt fĂŒr die Ewigkeit hin. Dem euphorischen Publikums-Applaus folgten in den Tagen darauf Lobeshymnen in der britischen Musikpresse.

2 – Spin Doctors, Hamburg, Köln, Berlin, Erfurt, 22.-27. Januar
Wie schon 2011 hatte ich das GlĂŒck, die lieben Spin Doctors auf einem Teil ihrer Tour begleiten zu können. Diesmal ging’s durch Deutschland. Und es war surreal gut. Wie ich an „meinem“ ersten Abend das lang ersehnte, seit mehr als einem Jahrzehnt ungespielte „Prey To Bears“ als Zugabe gewidmet bekam. Wie die deutschen Fans die Band gefeiert haben. In Hamburg zum Beispiel. Oder wie selbst das mies besuchte Erfurt-Konzert rockte. Die Docs waren sympathisch wie immer, und fĂŒr mich war das eine Deutschland-Rundfahrt der ganz besonderen Art. Hoffentlich bald wieder.

1 – The Cat Empire, Berlin, 14. Dezember
Dass die Jahresbestenlisten-DauergĂ€ste The Cat Empire in diesem Jahr Platz 1 einnehmen, ĂŒberrascht mich selbst ja am meisten. Denn das war ein starkes Konzertjahr, ohne jede Frage. Aber kein Abend war so perfekt wie diese Show in der Columbiahalle. Selbst in den Toiletten tanzten die Menschen verzĂŒckt – und trotz restlos gefĂŒllter Halle gab es nicht einen, der nach dem Konzert genervt oder unzufrieden wirkte. Das macht den Australiern so schnell keiner nach. Kann das neues Album und die 2013er Auflage des alljĂ€hrlichen Berlin-Konzertes kaum erwarten.

Mein 2010: Lieblingskonzerte

10 – Dave Matthews Band, Hamburg, 16. Februar
Das Auftaktkonzert der DMB-Europatour 2010 war sicherlich keines fĂŒr die Ewigkeit, weder von der Setlist noch vom Sound oder der Performance her. Aber wir hatten eine großartige Zeit in der Hansestadt, und selbst ein mittelmĂ€ĂŸiges Dave-Konzert ist besser als das meiste, was man sonst so zu sehen bekommt.

9 – Get Well Soon, Leipzig, 3. MĂ€rz
Ziemlich artsy, das ganze. Mit großer Videoprojektion, ganz wichtiger, großer Pose und so. Aber dennoch hat mich diese Band hervorragend unterhalten und fĂŒr zwei Stunden in ihren Bann gezogen.

8 – Götz Alsmann & Band, Leipzig, 14. Oktober
Götzimausi wirkte im ersten Teil seiner Show doch ziemlich routiniert und ein wenig kaputtgetourt. Das zweite Set jedoch war sensationell, die Zugaben nicht von dieser Welt und ein locker aus drei Generationen bestehendes Gewandhauspublikum war am Ende außer Rand und Band.

7 – Unbekannter SĂ€nger, Bangkok, 30. August
Wir saßen in irgendeiner Rooftop-Bar in Bangkok, und irgendein Thai-Musiker wĂŒrde schon das ĂŒbliche Set mit mĂ€ĂŸigen Coverversionen von „Hotel California“ und „House Of The Rising Sun“ abgniedeln. Dachten wir. Was wir – kurz vor dem RĂŒckflug nach Deutschland – zu hören bekamen, war ein brillianter junger Mann, der den Groove mit Löffeln gefressen hatte und uns mit Howie Day, Joseph Arthur, Jason Mraz und Dave Matthews begeisterte. Das einzig wirklich mittelmĂ€ĂŸige an diesem Abend war der Gin Tonic.

6 – Alberta Cross, Berlin, 17. Februar
Die Band, die mein Fast-Lieblingsalbum 2009 verzapfte, durfte ich gleich zwei Mal sehen in diesem Jahr, wieder als Vorband fĂŒr Dave Matthews. Das Set, das die AC-Jungs in Berlin hingelegt hatten, unterschied sich nur unwesentlich von dem am Vortag. Das Hauptstadt-Publikum war der Vorband gegenĂŒber jedoch wesentlich aufgeschlossener als das in Hamburg. GitarrenwĂ€nde wie eine Naturgewalt, darĂŒber dieser erhabene Gesang – immer wieder toll. Ich hoffe daher sehr auf ein neues Alberta-Cross-Album und wĂŒnsche mir einen weiteren großen Wurf.

5 – Dave Matthews Band, Berlin, 17. Februar
Bleiben wir gleich im Tempodrom, selber Abend, eine Stunde spĂ€ter: DMB mit einem derart beseelten, detailversessenen Set, dass der Unterschied zum Vorabend (siehe Platz 10) kaum hĂ€tte grĂ¶ĂŸer sein können. Ich stand mit offenem Mund im Zuschauerraum und ließ es einfach geschehen. Und als dann am Ende in einem epischen 12-Minuten-„So Damn Lucky“ auch noch „Thank You (Falletin Me Be Mice Elf Agin)“ eingebaut wurde, war ich mir mal wieder sicher, dass DMB die so ziemlich beste Band der Welt sein muss.

4 – Selig, Leipzig, 17. Dezember
Warum auch immer das Haus Auensee derart mittelprĂ€chig gefĂŒllt war – Band und Publikum ließen sich durch die spĂ€rlich gefĂŒllten Reihen nicht runterziehen. Im Gegenteil: inzwischen hab ich ja nun schon so einige Selig-Auftritte sehen dĂŒrfen. Aber die diesjĂ€hrige Show war wirklich besonders und zeigte eine vor Spielfreude und Euphorie kaum zu bĂ€ndigende Band. Still Selig after all these years…

3 – Fettes Brot, Leipzig, 1. Dezember
Mehr als einen halbwegs coolen Abend hab ich gar nicht erwartet, als ich zum Fettes-Brot-Konzert eingeladen wurde. Dass mir das Konzert derart großen Spaß machen wĂŒrde, hĂ€tte ich nie gedacht. Die Brote verfĂŒgen ĂŒber eine erstklassige Band und sind tatsĂ€chlich echte Entertainer. Zwei kurzweilige, schweißtreibende Stunden, die ich nicht missen möchte. Im Gegenteil: zu Fettes Brot wĂŒrde ich jederzeit wieder gehen.

2 – Stoppok & Worthy, Leipzig, 27. November
Die von mir besuchten Stoppok-Konzerte zu zĂ€hlen, hab ich schon Ende der neunziger Jahre aufgegeben. Umso schöner, dass Stoppok-Shows bis heute zu meinem Leben dazugehören. Das diesjĂ€hrige war bemerkenswert – im Duo mit Bassist Worthy und in zwei ausladend langen Sets hat der SĂ€nger mal wieder unter Beweis gestellt, dass bei ihm vielleicht nicht jeder Reim ein Volltreffer sein mag, er mit seinem musikalischen Können und GefĂŒhl aber nach wie vor in der Champions League spielt.

1 – The Cat Empire, Berlin, 5. Oktober
Zum dritten Mal The Cat Empire. Zum dritten Mal ein Erlebnis, das in jeder Hinsicht berĂŒhrt. Wie sich hier leise, filigrane Momente an lautstarke GefĂŒhlsausbrĂŒche reihen; wie hier Rock, Jazz und Funk zu etwas ganz Eigenem verschmelzen; wie viel diese Musik mit mir anrichtet, das in Worte zu fassen ich nicht in der Lage bin! Dieses Konzert war der vielleicht intensivste Augenblick meines an kostbaren Momenten nicht eben armen Musikjahres 2010.

Mein 2010: Lieblingsalben

10 Ocean Colour Scene – Saturday
Im 21. Jahr ihres Bestehens lieferten OCS ein ebenso zeitloses wie zeitgemĂ€ĂŸes Album ab: große Songs, originelle Arrangements, Melodien, die sofort haften bleiben. Very british, und very good.

9 Strand Of Oaks – Pope Killdragon
Timothy Showalters zweites Album war auf einmal da und ist seither mein stĂ€ndiger Begleiter. Famos, wie er zwischen Krach-AusbrĂŒchen und minimalistischem Folk hin- und herwechselt; dazu auch noch diese absurden Texte (alleine schon der Song ĂŒber Dan Aykroyd!!)… Strand Of Oaks hat mich schon mit „Leave Ruin“ begeistert. „Pope Killdragon“ hat aus mir endgĂŒltig einen Fan gemacht.

8 Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Die Workaholics von Selig mussten knapp 18 Monate nach „Und endlich unendlich“ gleich noch ein weiteres neues Album rauskloppen, als gelte es, zehn verlorene Jahre aufzuholen. „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ kommt wesentlich dĂŒsterer daher als sein VorgĂ€nger, dreckiger, rauher, unmittelbarer. Mit ein wenig Distanz lĂ€sst sich konstatieren: „Ewigkeit“ ist die bessere der beiden Post-Comeback-Platten.

7 Aloe Blacc – Good Things
VerblĂŒffend, wie oft ich diese CD inzwischen gehört habe. Schlicht und einfach geil produzierter Soul-Pop, der mir den langen tristen Herbst verschönert hat.

6 The Bear That Wasn’t – And So It Is Morning Dew
Der Belgier, der sich nach einem alten US-Kinderbuch bzw. -film benannt hat, sorgte fĂŒr die wohl melancholischste, verspielteste „kleine Folk-Platte“ des Jahres. Ob auf zehnstĂŒndigen Flugreisen, bei endlos langen Sommerabenden auf dem heimischen Balkon oder in den miesesten Momenten des Jahres – „And So It Is Morning Dew“ war in diesem Jahr bei mir immer mit dabei.

5 Regina Spektor – Live in London
Die paar unveröffentlichten Songs sind es gar nicht mal, die diese Liveaufnahme so besonders machen. Es ist vielmehr die Perfektion, mit der Regina Spektor jeden Ton trifft, auf dem Klavier wie mit ihrer Stimme. Es ist auch die atemberaubende BĂŒhnenprĂ€senz dieser gewitzten, leidenschaftlichen, unvergleichlichen KĂŒnstlerin. Wahnsinn.

4 The Duke & The King – Long Live The Duke & The King
Die Reise des Herzogs und des Königs geht weiter, und sie wird immer unterhaltsamer. Nach dem eher introvertierten DebĂŒt folgte in diesem Jahr etwas, das man fast schon als Party-Album bezeichnen könnte. Damit meine ich so eine richtig gute Party – also eine, die weder nach Kotze noch nach MöchtegernbohĂšme mĂŒffelt.

3 Gisbert zu Knyphausen – Hurra Hurra So Nicht
Was soll ich ĂŒber Knyphausen denn noch schreiben, was nicht schon geschrieben wĂ€re. Es stimmt: viel besser, als er das mit „Hurra Hurra So Nicht“ gemacht hat, kann man’s echt nicht machen. Weder in deutscher, noch in irgendeiner anderen Sprache.

2 The Cat Empire – Cinema
Dass diese Band von Album zu Album immer stĂ€rker wird, grenzt an ein Wunder, wenn man bedenkt, wie grandios schon die ersten Sachen der Australier waren. „Cinema“ kommt langsam, aber gewaltig. Und am Ende dieses hypnotisierend guten Songpakets kann man nur noch den Hut ziehen – vor so viel Scharfsinn, Lebensfreude, Witz und MusikalitĂ€t.

1 Fistful Of Mercy – As I Call You Down
Gar keine Frage. Gar kein Zweifel. Ganz klare Sache: diese in drei Tagen zusammengeklampfte Wunderplatte ist mein Album des Jahres. Weil ich mich in keiner anderen Musik in diesem Jahr öfter verloren habe, weil mir keine andere Musik derzeit nĂ€her geht als diese neun Preziosen der Herren Harper, Arthur und Harrison. Ich bin zutiefst dankbar ĂŒber den Umstand, dass die drei sich Anfang des Jahres in ein Studio eingesperrt haben – denn mit „As I Call You Down“ ist ihnen ein Meisterwerk gelungen.

Neue Musik: Ben Folds & Nick Hornby, Weezer, Selig, The Duke & The King, Jason Mraz, The Avett Brothers, Fistful Of Mercy

Ben Folds & Nick Hornby – Lonely Avenue (2010)
Das liest sich auf dem Papier oder auf dem Monitor ja ganz hervorragend: Kult-Autor schreibt Texte fĂŒr Kult-Musiker. Die beiden – inzwischen Freunde – machen ein ganzes Album daraus. Kann ja eigentlich nur super werden. Leider falsch gedacht: die Platte hat ohne Frage ein paar großartige Momente, insgesamt wirkt „Lonely Avenue“ von Ben Folds und Nick Hornby aber seltsam bemĂŒht. Als fremdelte Ben mit Nicks Texten, als hĂ€tte Nick Probleme, Ben was auf den Leib zu texten. Bisweilen ist das regelrecht nervtötend und unangenehm hektisch. Und so klingt das nur nach einem unausgegorenen Ben Folds-Album und nicht nach der Zusammenarbeit des Jahres.

Weezer – Hurley (2010)
Wenn ich schon mal rummaule, mach ich auch gleich weiter: es gibt schon wieder eine neue Weezer-Platte. Nachdem mir die VorgĂ€nger „Ratitude“ und „Red Album“ recht gut gefallen hatten (einfach nicht stĂ€ndig mit der „Blauen“ und „Pinkerton“ vergleichen, und schon geht’s), bin ich von „Hurley“ dann doch enttĂ€uscht. Was Weezer hier bieten, war alles schon mal da, haben wir so oder so Ă€hnlich auf allen vorherigen Alben gehört, interessiert nur so mittelstark. Klar, das GespĂŒr fĂŒr schöne Melodien verlĂ€sst Herrn Cuomo auch hier nie so ganz; klar, ich höre den einen oder anderen Song auf diesem Album ganz gerne („Ruling Me“, „Trainwrecks“). Insgesamt ist „Hurley“ aber kein starkes, sondern vielmehr ein verzichtbares Album. Ob nun Weezer ein Pause brauchen oder ich eine Weezer-Pause, weiß ich gerade nicht.

Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit (2010)
Ich war ja ehrlich in Sorge, dass mir ein gerade mal anderthalb Jahre nach dem großen Comeback-Album veröffentlichtes, weiteres Selig-Werk eher auf den Keks als ans Herz gehen wĂŒrde. Und tatsĂ€chlich war ich nach dem ersten Hören… ja, was? ernĂŒchtert? ĂŒberfordert? erschlagen? „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ war bei der Hör-Premiere etwas zu viel Ewigkeit auf einmal. Doch bereits beim zweiten Hören hat es bei mir „Klick“ gemacht. War „Und endlich unendlich“ durch und durch geprĂ€gt von Wiedersehensfreude, Wundenlecken und Aufarbeitung, so steigen Plewka und Co. hier wieder tiefer ein in die klassischen Selig-Sujets. Sie singen und spielen von Verzweiflung und Hoffnung, von Liebe und Einsamkeit, vom Höhenflug und vom tiefen Fall. Diese Platte wĂ€chst mit jedem Hören und ist musikalisch wie textlich sperriger, direkter als das 2009er Album. Inzwischen ist sie mir nĂ€her als ihr VorgĂ€nger. Ja, Selig haben es geschafft, nicht zur alles verklĂ€renden Altherrenband zu werden – sie haben immer noch etwas zu sagen und zu geben.

The Duke & The King – Long Live The Duke & The King (2010)
Ist das ein 2010er-Trend? Bands mit guten 2009er-Releases legen nach nur wenigen Monaten neue Platten vor? Weezer. Selig. Und jetzt auch noch The Duke & The King? Bis heute halte ich „Nothing Gold Can Stay“ – mein persönliches Album des Jahres 09 – fĂŒr eine der stĂ€rksten Songsammlungen der letzten Zeit, noch habe ich mir gar nichts Neues herbeigesehnt. Und doch bin ich sehr froh, dass es diese zweite The Duke & The King-Platte gibt. „Long Live The Duke & The King“ ist leichter, souliger, verspielter als das CD-DebĂŒt aus dem letzten Jahr. Aber wenn man bei jedem Track zufrieden grinst und einem der Herbst plötzlich scheißegal ist, dann kann es sich weiß Gott nicht um miese Musik handeln. Im Gegenteil: auch 2010 spielen der Herzog und der König ganz weit vorne mit. Großartig.

Jason Mraz – Life Is Good EP (2010)
Was ist nur mit Jason Mraz los? Die neue „Life Is Good“-EP besteht aus fĂŒnf Live-StĂŒcken von einer seiner unzĂ€hligen Post-„I’m Yours“-Touren der letzten zwei Jahre. Ja, er hat eine Top-Liveband. Freilich, er ist ein toller SĂ€nger. Sicher, er hat musikalisch viel mehr drauf als diesen einen großen Überhit. Aber trotzdem klingen die Songs dieser EP so dermaßen nach banalem Erwachsenen-Pop, dass ich es nicht ertrage. Trotz Latin-Grooves und Sprechgesang hat Mraz im Moment etwas mikeandthemechanics– und gloriaestefanmĂ€ĂŸiges, das mich einfach betrĂŒbt. Mir blutet das Herz.

The Avett Brothers – Live Vol. 3 (2010)
„I And Love And You“ ist noch kein halbes Jahr in Europa draußen (in den USA dafĂŒr schon ĂŒber ein Jahr), und die wunderbaren Avett Brothers legen bereits ein neues Live-Album nach. Meine erste Vermutung war ja, damit wollten sie die Fans der ersten Stunde umschmeicheln. Schließlich waren die in Sorge, dass dem spannendsten Alternative-Country-Act der letzten Jahre mit Majorlabel (American Recordings), Majorproduzent (Rick Rubin) und Majorchartsplazierung (Platz 16 in den Billboard Hot 100) ein Ă€hnliches Schicksal wie Jason Mraz widerfahren könnte: dass der Erfolg lĂ€hmt und die Band in die kreative Bedeutungslosigkeit bugsiert. Aber zum GlĂŒck ist das alles unbegrĂŒndet, immerhin war „I And Love And You“ ein fantastisches Album, und diese Live-Veröffentlichung ist nicht minder packend. Weltklasse-Performer, die ihr Herz aus dem Leibe schreien und dabei vor Lebensfreude nur so ĂŒbersprudeln. Elegant, wie sie den Spagat zwischen Rubin-Hochglanz und rĂ€udigem BĂŒhnencharme (ups, versungen, darf ich nochmal anfangen?) beibehalten. „Live Vol. 3“ ist ein HörvergnĂŒgen sondergleichen.

Fistful Of Mercy – As I Call You Down (2010)
Fistful Of Mercy sind die neuen Monsters Of Folk. Ben Harper, Joseph Arthur und Dhani Harrison hatten sich im Februar zusammengetan, um gemeinsam im Studio zu jammen und vielleicht ein paar Songs aufzunehmen. Herausgekommen ist eine neue Supergroup und das vielleicht ĂŒberraschendste Album des Jahres: das GespĂŒr Arthurs fĂŒr starke SĂ€tze in starken Melodien trifft auf Ben Harpers VirtuositĂ€t und Spielfreude. Was George-Harrison-Sohn Dhani dann noch an Stimme, Songwriting und PrĂ€senz mit einbringt (ich gebe zu, ich kannte ihn vorher nicht), setzt dem ganzen die Krone auf. Neun Momentaufnahmen, die sich zu einer wundervollen Einheit zusammenfĂŒgen – „As I Call You Down“ ist ein zeitlos schönes und ergreifendes Album geworden.

Ältere „Neue Musik“-BeitrĂ€ge gibt’s ĂŒbrigens hier.

Jahresbestenlisten: siebenSÄTZE-Awards 2009

Alle lieben Listen, ich auch. Den völlig unsinnigen Versuch, das zurĂŒckliegende Jahr irgendwie in eine Tabellenform zu pressen, hab ich mir auch dieses Jahr wieder angetan. Und wie immer fĂŒhl ich mich mies, weil ich so viele gute BĂŒcher, Songs, Momente, Platten dann nun doch nicht erwĂ€hnt habe, obwohl sie eigentlich hier mit hergehören. Aber egal. Die Platzierungen (das schreibt man doch jetzt so, oder?) sind eh nur Makulatur (das schreibt man doch so, oder?), die genannten Dinge, Lieder, Lobhudeleien (darf man das noch schreiben?) sind hingegen ernstgemeint (oder muss ich das jetzt auseinander schreiben?!).

Die Alben des Jahres

7 – Ben Harper & Relentless 7 – White Lies For Dark Times
Harper so unmittelbar, schroff und wĂŒtend wie schon lĂ€nger nicht mehr. Und ein Dutzend starker Songs.

6 – Montag – Montag
Das Jahr ging gleich gut los, mit dem dritten Montag-Album. WĂ€re es nach mir gegangen, hĂ€tte ganz Deutschland in diesem Jahr wahlweise zu „Sommernacht“ getanzt oder auf jeder guten Party „…und lass die Finger von meinen CDs“ gebrĂŒllt.

5 – John Mayer – Battle Studies
Mayer kam spĂ€t, aber gewaltig. Ein Liederzyklus ĂŒber vergangene Liebe, Intrigen, EnttĂ€uschungen – und hier und da dann aber doch Hoffnung. Dazu ĂŒber jeden Zweifel erhabene Musik, absurd gute Instrumentalisten, eine herrlich organische Produktion und nicht eine Sekunde Langeweile.

4 – Ben Kweller – Changing Horses

Bens Countryausflug darf man in den Jahresbestenlisten einfach nicht unterschlagen, bloß, weil er so zeitig im Jahr rauskam. Der Ex-Antifolker, der seit Jahren wunderbare Songwriter-Alben raushaut, flirtet mit Countryharmonien, Steel-Guitars und Trucker-Themen. Und das auf glaubwĂŒrdige, ach was, herzergreifende Art und Weise!

3 – Dave Matthews Band – Big Whiskey & The GrooGrux King
Es war, als riefen alle DMB-Fans dieser Welt im Juni: „Eeeendlich“. Endlich wieder ein Album, dass nicht nur deutlich ĂŒber dem Studio-Output-QualitĂ€ts-Mittelmaß der letzten sechs, sieben Jahre lag, sondern sich mĂŒhelos einreiht in die 1. Liga der DMB-Platten. Ein wĂŒrdiges Tribut an den verstorbenen LeRoi Moore, super Songwriting, tolle Arrangement-Ideen, starke Hooks. Eeeendlich.

2 – Alberta Cross – Broken Side Of Time
FĂŒr jemanden wie mich, der Selig mag, der gerne Blind Melon hört, der die Black Crowes genauso schĂ€tzt wie Bob Dylan, die Avett Brothers, Calexico und die frĂŒhen Pearl Jam, fĂŒr den ist die Musik von Alberta Cross wie gemacht. Und doch wĂ€re es ungerecht, diese Band auf die genannten Referenzen zu verkĂŒrzen. Bei aller Heldenverehrung, bei allen Zitaten: dieses Album ist originell, und es ist eine Naturgewalt.

1 – The Duke & The King – Nothing Gold Can Stay
Doch manchmal kommen die Platten des Jahres dann doch ganz heimlich, still und leise. Da fĂ€ngt es an mit „If You Ever Get Famous“, einem Song, der sich recht frĂŒh in diesem Jahr in mein Herz musiziert hat. Nachdem ich dann das Album zum Song hörte, war ich aber endgĂŒltig hin und weg. Was fĂŒr ein Kleinod, was fĂŒr große Songs. Der Glaube an das Gute im Menschen, und so.

Persönliche Lieblingsorte des Jahres

7 – Leipzig
Mann, ich lebe gern in dieser Stadt und klebe an ihr. Oder sie an mir, je nachdem.

6 – Paris
Endlich mal wieder dort. Finde Paris immer wieder schön und, ja, gemĂŒtlich.

5 – Harz
Wernigerode – mein erstes Mal Wandern / Urlauben / Ausspannen im Harz. Trotz wahnwitzigem Speed-Abstieg vom Brocken eine sonst Ă€ußerst erholsame Reise.

4 – Madrid
Menschen, unglaublich viele Menschen. Wein, unglaublich viel Wein. Kunst, unglaublich viel Kunst. Die vielleicht dekadenteste Kurzreise des Jahres. Ach ja: Serranoschinken, unglaublich viel Serranoschinken.

3 – Liverpool
Eine Woche zu Gast bei alten Freunden. Liverpool, die zweite – und das GefĂŒhl, „daheim“ zu sein.

2 – Wroclaw
Eine Reise zu den Wurzeln meiner Familie. Mit meiner Familie. Tief berĂŒhrend, bisweilen aber auch zum BrĂŒllen komisch.

1 – Banja Luka
Bosnien hat mich schwer beeindruckt. Nirgendwo sonst habe ich bisher derart krasse GrĂ€ben zwischen arm und reich, hoffnungsvoll und verzweifelt, Schönheit und Zerstörung gespĂŒrt wie hier.

Die BĂŒcher des Jahres

7 – Benjamin Lebert – Flug der Pelikane
Erst kam ich nicht so richtig rein in Leberts neues BĂŒchlein, aber dann entwickelte die ErzĂ€hlung eine interessante Dynamik. Angenehmes LesevergnĂŒgen.

6 – Manfred LĂŒtz – Gott. Eine kleine Geschichte des GrĂ¶ĂŸten
Steht nicht auf der Leseliste meines Theologie-Fernstudiums. Hab ich mir auch nur aus LektĂŒremangel heraus im Harz (siehe oben) gekauft, nachdem ich mit Platz 1 (siehe unten) durch war. Große Überraschung: LĂŒtz‘ rheinisch-launische Gottesbetrachtung ist witzig, herzlich, niemals plump, aber auch nicht verkopft. Große Empfehlung – fĂŒr GlĂ€ubige aller Couleur wie fĂŒr Atheisten und Agnostiker.

5 – Daniel Kehlmann – Ruhm
Neun Geschichten, die auf unterschiedlichste Weise ineinandergreifen und spĂ€testens am Ende ein Ganzes, wenn auch kein durchsichtiges Ganzes ergeben. Raffinierte SchreibĂŒbung, die aber auch dem Leser Spaß macht. Und einige sensationell gut gezeichnete Charaktere.

4 – Paul Peukert – Festung Breslau
Eine Reise nach Wroclaw, mit alten Tanten und Onkels, ohne jede revisionistische Scheiße, dafĂŒr mit vielen Fragen und vielen, vielen EindrĂŒcken (siehe oben). Dieses Buch hat mich auf der Reise und danach sehr beschĂ€ftigt: katholischer Priester in Breslau fĂŒhrt Tagebuch ĂŒber den Wahnsinn der letzten Kriegsjahre.

3 – Luke Haines – Bad Vibes. Britpop And My Part In Its Downfall
Ex-Auteurs-Hirn Haines schreibt seine Memoiren ĂŒber die Britpop-Neunziger. Und ist dabei so gnadenlos ehrlich, bitterböse (gegenĂŒber sich selbst und allen, wirklich allen anderen) und lustig, dass ich dieses Buch an nur einem Tag verschlungen – und dann am nĂ€chsten Tag gleich nochmal gelesen habe.

2 – Stefan Petermann – Der Schlaf und das FlĂŒstern
Sowohl Stefan als auch sein Buch haben es gar nicht nötig, von mir gelobhudelt zu werden. Umso ehrlicher ist diese Platzierung gemeint: Stefans DebĂŒtroman hat mich angerĂŒhrt und begeistert. WĂ€re Howie Days Song „I’ll Take You On“ ein Buch, es wĂ€re dieses hier.

1 – Andreas Eschbach – Ein König fĂŒr Deutschland
Einfach gutes Popcorn-Kino in Buchform. Es geht um Wahlmanipulation, ums Internet und um einen verklemmten deutschen Penne-Pauker als Hauptperson. Klingt lahm, ist aber alles andere als das. Definitv mein Lieblingsschmöker 09.

Persönliche LieblingsluxusgĂŒter des Jahres

7 – Relix-Abo
Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon genug Musikzeitschriften abonniert hĂ€tte (jetzt sinds fĂŒnf). Aber ich hatte eben noch keine amerikanische. Und da in so ziemlich allen anderen BlĂ€ttern dieser Galaxie zu wenig ĂŒber all die schrĂ€gen Jambands und Folkies geschrieben wird, die ich nun mal gerne höre, musste es Relix sein. Habs nicht bereut – deren Avett Brothers- und Monsters Of Folk-Texte waren das beste, was ich in Sachen Musik in diesem Jahr lesen durfte.

6 – Fotoapparat
War einfach bitter nötig. Nach nem halben Jahr mit dem Teil bin ich zufrieden, aber nicht begeistert. Und eine wichtige Lektion hab ich auch gelernt: bloss, weil ich ’nen neuen Apparat habe, mache ich nicht zwingend mehr Fotos.

5 – Internet-Stick
Doch, das hat was, einfach seinen Laptop per UMTS mit dem Internet zu verbinden. Vor anderthalb Jahren war fĂŒr mich noch n Laptop unvorstellbar, seit ein paar Monaten isses der Internet-Stick. Bin eben ein SpĂ€tentwickler.

4 – Digitaler Videorecorder
Noch so eine praktische Sache: einfach die Sachen aufnehmen, die mich interessieren, im Zweifelsfall auch mal zwei Sendungen parallel. Ohne DVDs, VHS-Kassetten, Showview und diesen ganzen Mist, sondern einfach nur per Knopfdruck. Was es nicht alles gibt. Toll.

3 – Big Whiskey Deluxe Edition
Nee, schon klar. Ich hab das neue DMB-Album (siehe ziemlich weit oben) in zweifacher CD-AusfĂŒhrung (Standardversion US, Standardversion Europa), als iTunes-Pass (wegen der Bonusdownloads) und hatte es *hĂŒstel* auch schon vorab auf nicht hundertprozentig legale Weise „erstanden“. Aber dennoch musste diese Deluxe-Box sein – dieses edle Fotobuch! Die wunderschönen Lithographien! Die Bonus-EP! Ach ja, und das Album is natĂŒrlich auch nicht schlecht (wie gesagt, siehe ziemlich weit oben).

2 – Spotify-Abo
Ich kann nicht anders, als in den Chor der Spotify-Lobhudler einstimmen. Es ist so simpel wie genial, dieses schwedische Streaming-Angebot, das hoffentlich 2010 auch endlich regulĂ€r in Deutschland zu haben sein wird. Warum ich schon in den Genuß eines Spotify-Abos gekommen bin? Offenbar hatte ich einfach nur GlĂŒck – wenige Wochen nach meiner ersten 10-Euro-Rate wurde die Option, von Deutschland aus wenigstens den Premiumaccount buchen zu können, erstmal wieder abgeschafft.

1 – Android-Handy
Es war keine rationale Entscheidung. Eher so meine notorische Liebe fĂŒr Underdogs und die wachsende Verwunderung darĂŒber, was fĂŒr Menschen neuerdings iPhones besaßen und damit auszudrĂŒcken meinten. Nachdem ich mich in die Materie eingelesen hatte, schien mir ein Android-Handy eine gute Alternative zu sein. Killer-Grund war fĂŒr mich die im Hintergrund laufende Spotify-App. Und jetzt? Bin ich echt zufrieden mit meinem HTC Magic – wobei… so ein Nexus One oder wenigstens ein Milestone wĂ€ren auch nicht ĂŒbel. Aber hey, bald ist ja 2010.

Die Songs des Jahres (Spotify-Playlist)

7 – Selig – Ich dachte schon
Ich dachte schon, du seist ausgezogen aus den Kammern meiner Erinnerung. Doch durch irgendeine LĂŒcke kriechst du immer wieder rein… Lass mich allein.

6 – K’Naan – Take A Minute
And any man who knows a thing knows he knows not a damn damn thing at all…

5 – Sometymes Why – My Crazy
They say I’m talking to myself when I’m talking to you, they say I’m going crazy, crazy. Am I just true?

4 – Montag – Part 1
Plötzlich ist der Kopf klar, fahr jetzt los! Halt‘ Deine Briefe aus dem Fenster und lass sie los…

3 – Brother Ali – Fresh Air
I’m surrounded by greatness, my loved ones are amazin‘, sometimes, I look in their faces and just think of the lifes they’re changin

2 – Mein Mio – Es gibt immer
…und glaub, ich brauche kein Ziel und kein‘ Halt, doch als ich mich erinnere, ist es kalt. Es gibt immer, es gibt immer, es gibt immer… jemanden, auf den man wartet.

1 – Monsters Of Folk – Temazcal
Searchin‘ west and east and all points in between and underneath the hand of god, you’re there and then you’re not…

Persönliche Erfolge des Jahres

7 – drei Phish-Shows am StĂŒck angehört
6 – ein weiteres Jahr ohne Zigaretten
5 – „Six Feet Under“ von der ersten bis zur letzten Folge sehen können
4 – meine Solo-EP StundevorwĂ€rts
3 – einen regionalen & einen internationalen Preis erhalten
2 – immer noch Freunde zu haben, die mich ernsthaft als Trauzeugen wollen
1 – Simsalaboom, die neue CD meiner Band 2zueins!, die nun endlich fertig ist. Also, die CD.

Die Konzerte des Jahres

7 – Selig, September, Leipzig
Homogener Sound. Druck. GefĂŒhl. Zeitreise Teil 2, diesmal fĂŒhlt sichs aber schon wieder ganz natĂŒrlich an.

6 – Bright Blue Gorilla, April, Halle
Robyn und Michael im Objekt 5. Am Tag vorher gemeinsames Essen in Leipzig. Dazu Besuch aus Holland – perfekte Tage.

5 – Stoppok, April, Leipzig
Absolut das, was ich mir von einem Stoppok-mit-Band-Abend erhofft hatte: tolle Musik, viele bekannte Gesichter im Publikum, ausgelassene Musiker.

4 – Alberta Cross, Juli, Paris
Musikalische Neuentdeckung des Jahres, hatte sich im Vorprogramm versteckt. So unscheinbar die Herren angeschlurft kamen, so bombastisch war im Gegensatz dazu ihre Musik.

3 – Amarcord, Dezember, Leipzig
Was fĂŒr ein liebevoll ausgewĂ€hltes Programm, ausschließlich StĂŒcke mit direktem Thomaskirchen-Hintergrund. Und dann natĂŒrlich: diese Stimmen!

2 – Selig Reunion Show, MĂ€rz, Dresden
Zeitreise, Teil 1: Selig spielen ihr erstes öffentliches Konzert seit 1998 und wir waren dabei. Die Nostalgie wich binnen weniger Songs der alten Euphorie. Immer noch die beste Liveband Deutschlands.

1 – Dave Matthews Band, Juli, Paris
Celebrate we will, ‚cause life is short but sweet for certain. Was soll ich noch schreiben – auch DMB-Konzert Nummer 3 war außerirdisch gut, ich freu mich schon auf #4 und #5.