Childish Gambino – Lithonia Don’t you know that this is the moment you’re watching us throw it away?
Olive Jones – Nobody Knows Voices inside me silent once more, closing my eyes, float with the tide
W4RHORS3 – Struck By Lightning Need a sweet kiss of inspiration, it will come, I’m not complaining
Phish – Monsters The wreckage of the past und the fear of tomorrow haunts my mind, I’m searching for a way to make it all rewind
Shawn Mendes – Isn’t That Enough Sweet is the sun, warm is the rain, June is the month, free is the day
Stoppok – Nicht das was ich brauch In deine Seele eingeklinkt halt ich Dich, so lang ich kann und es geht weiter
Eggy – Come Up Slow In the morning you must go, sun please come up slow
The Avett Brothers – We Are Loved If we are spirit or we are human, crossing the river or harboring change. If we deny it or if we face it, may we embrace it: we are loved
Lawrence – Watcha Want Headline reads fine, oh, but at this rate it’s sort of looking like clickbait, deepfake
The Decemberists – Long White Veil I married her. I carried her. On the very same day I buried her
Royel Otis – Merry Mary Marry Me Dig in this mess, there’s a line that I should keep. It’s drawn out a light I’m yet to see.
Bright Eyes & Cat Power – All Threes I was dressed in a costume, a cosplay escape room, this puzzle makes no sense
The Whips – Emily She never learned her lesson but got her degree
Orebolo – Amongster Fire burning down at monastery road, why’d you do it lover throwing matches in my home
Medium Build – You Can’t Be Cool Forever You can’t be cool forever but you can learn to stay alive
Meine Lieblingslieder 2024 gibt’s hier als Spotify-Playlist.
Wie singt Niels Frevert doch gleich? Wenn die Sache dir zu nahe geht / Und dein Herz in Schutt und Asche liegt / Ist da immer noch die Musik: Wie gut, dass ich mich darauf auch in diesem recht anstrengenden Jahr verlassen konnte und einige tolle Konzerte erleben durfte.
Mit der Dave Matthews Band habe ich in Köln in meinen Geburtstag reingefeiert und sie am Tag darauf gleich nochmal in Hannover genossen (und wenig später erneut in Berlin). Bei den Jazz Open in Stuttgart haben uns erst Lawrence und dann The Cat Empire umgehauen – letztere habe ich zum ersten Mal in neuer Besetzung gesehen.
Auch zuhause in Leipzig gab’s wunderbare Abende, etwa bei Dota an der Geyserhaus-Parkbühne, Hannes Wittmer im Naumanns oder Stoppok mit Band im Anker. Der bestmögliche Abschluss dieses Livemusikjahres? Niels Frevert im Columbia Theater in Berlin. Und wenn sie merkt: Du gehst zu nah am Abgrund / Und wenn sie sieht: Du stehst zu dicht an den Klippen / Begleitet sie Dich mit einem Lied / Auf deinen Lippen …
10 Bright Eyes – Five Dice, All Threes Selbsthass, Suizidgedanken, die verrinnende Lebenszeit … die Themen, die Conor Oberst auf dem neuen Bright-Eyes-Album verhandelt, sind alles andere als leichte Kost. Manche der Songs sind dafür musikalisch fast schon übertrieben eingängig geraten. Insgesamt ein intensives, schwer verdauliches Werk, dass mich wochenlang beschäftigt hat und mir mit der Zeit ans Herz gewachsen ist.
9 The Black Crowes – Happiness Bastards Völlig anders dagegen die Grundstimmung auf dem Black-Crowes-Comeback. Fünfzehn Jahre nach “Before The Frost … Until The Freeze” gelingt den Gebrüdern Robinson ein unerwartet starkes, druckvolles Album. So sehr ich die halbherzige Reunion mit Hired Guns statt Originalmitgliedern und Debütalbum-Jubiläums-Getoure als Geldmacherei abgetan habe, so sehr muss ich konstatieren: “Happiness Bastards” macht großen Spaß und ist viel besser als erwartet.
8 Kyshona – Legacy Eine Künstlerin auf Reise zu ihren Wurzeln: Für “Legacy” hat sich Kyshona aus Nashville mit einem Genealogen zusammengetan und die Geschichte ihrer Familie bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt, wo ihre Vorfahren in Sklavenlisten einer Volkszählung von 1860 auftauchen. Fünf Generationen, deren Leben, Denken, Fühlen sich in der Musik dieses Albums widerspiegelt. Beeindruckend, ergreifend, groß.
7 Orebolo – The Chateau Was Dave-&-Tim-Shows für Fans der Dave Matthews Band sind, sind Konzerte von Orebolo für Goose-Aficionados: die auf Akustikgitarren reduzierte Essenz dessen, was in den Hauptbands vom “vollen Orchester” dargeboten wird. Nur, dass bei Orebolo noch Goose-Allzweckwaffe Jeff Arevalo das Klangbild um den Kontrabass erweitert. “The Chateau” ist das Studiodebüt des Trios, auf dem sich Stücke aus dem Goose-eigenen Songuniversum (“Rockdale”, “Tumble”) und clevere Cover mischen (“Amongster”, “Christmas Card From A Hooker in Minneapolis”).
6 Lenny Kravitz – Blue Electric Light Die letzten paar Lenny-Alben (Raise Vibration, Strut) haben mir zwar ganz gut gefallen, kamen mir aber immer etwas sperrig, unsortiert oder überfrachtet vor. So war es bei den ersten paar Durchläufen auch bei “Blue Electric Light”. Doch die Qualität und Konsistenz dieses Albums offenbart sich erst mit der Zeit. Starke Hooks, hohe Spielfreude, gute Stimmung. So deutlich hat Lenny dem Prince der 1980er Jahre noch nie gehuldigt. Doch die Hommage gelingt und macht tatsächlich mit jedem Hören mehr Spaß.
5 Medium Build – Country Besser spät zur Party dazustoßen als gar nicht: Nicholas Carpenter macht schon seit etwa zehn Jahren tolle Musik, ich habe ihn erst in diesem Jahr für mich entdeckt. “Country” besticht durch gekonntes Songwriting, eine beneidenswerte Treffsicherheit in Sachen Hooks und lakonische Lyrics. Musik zum Laut-Hören.
4 Dawes – Oh Brother Dauergäste in meinen Jahreslisten, ich weiß. Wie den Brüdern Taylor und Griffin Goldsmith die Neuerfindung ihrer Band gelungen ist, beeindruckt mich sehr: Nachdem den beiden 2023 recht überraschend (aber in aller Freundschaft) Bassist und Keyboarder abhanden kamen, gingen sie ins Studio, um neue Musik aufzunehmen, statt in Trübsal zu verfallen. Das Ergebnis ist ein gewohnt starker Songzyklus in einem veränderten Klanggewand – noch nie standen Griffins Drums und Taylors Gitarren derart im Mittelpunkt. Funktioniert!
3 Hannes Wittmer – Sag es allen Leuten Den Künstlernamen Spaceman Spiff hat er lange abgelegt, “Sag es allen Leuten” ist die zweite Platte unter seinem bürgerlichen Namen. Hannes Wittmer bezeichnet sie als “das Ende einer Reise” und “ein Album über Festgefahrenheit, Depression, Resilienz und zuletzt übers Loslassen”. Wie er scheinbar ohne Mühe ins Mark treffende Worte und Bilder für vermeintlich schwer zu Beschreibendes aneinanderreiht, ist begnadet. Dass er diese auch noch exzellent performt, macht das Glück für uns Zuhörende perfekt.
2 Lawrence – Family Business Huch, die dritte Geschwisterband in dieser Jahresbilanz! Für Gracie und Clyde Lawrence und ihre Kumpels hätte es dieses Jahr kaum besser laufen können – ausverkaufte Headlineshows in den USA, Auftritte im US-Late-Night-TV, eine umjubelte Europatour und vor allem ein saustarkes viertes Album. Damit ist die Band mit ihrem souligen Pop-Funk endgültig kein Geheimtipp mehr. Gut so.
1 Bill Ryder-Jones – Iechyd Da Manchmal kommt Musik genau im richtigen Moment zu einem. So wie “Iechyd Da” im Januar zu mir. In einer Zeit der intensiven Trauer – mein Vater war wenige Tage zuvor verstorben – spendete diese Platte Trost und Ablenkung. Weil die Songs toll sind. Weil Bills Stimme an Mark Oliver Everett erinnert. Weil die Kinderchöre und Streicher für eine geisterhafte, neblige Grundstimmung sorgen. Und wohl auch, weil diese Musik so schwer zu fassen ist und ich gar nicht genau sagen kann, warum sie mir so zu Herzen geht; zum Ende des Jahres noch genauso sehr wie zu Beginn.
Meine Lieblingsalben 2024 gibt’s hier als Spotify-Playlist.
Ein gutes Konzertjahr geht zu Ende, von dem mir viel in Erinnerung bleiben wird. Der 2zueins!-Band-Betriebsausflug zu Danny Dziuk ins Neue Schauspiel Leipzig etwa. Und Lawrence in Hamburg – Stimm- und Performancewunder Gracie, Bruder Clyde und die sechs weiteren Bandmates sorgten für die kurzweiligste Show des Jahres.
Ben Harper im Regen in Weimar – und zum Schluss ein Regenbogen bei Amen Omen. Marc Broussards beseelter Auftritt im Colos-Saal in Aschaffenburg! Und Niels Frevert, wie er am Ende eines famosen Konzerts zufrieden von der Bühne der Moritzbastei lächelte.
Schließlich haben Selig auf großer 30-Jahre-Tour in Berlin Halt gemacht und wir waren high, high, high wie in den Neunzigern. Kurz darauf ist dann ein kleiner Traum für mich wahr geworden: im November waren Goose erstmals auf Europatour und ich war in Paris und Köln dabei – es wurden die intensivsten Livemusikmomente 2023.
10 The Decemberists – I’ll Be Your Girl
Spätestens in diesem Jahr hat dieser back-to-the-80s-Trend auch Acts erreicht, die ich normalerweise gerade dafür schätze, dass sie ganz und gar nicht nach den Achtzigern klingen: Dawes, Josh Rouse – und auch The Decemberists. Die Folkrocker aus Portland spielen auf „I’ll Be Your Girl“ mit Synthie-Arpeggios, Flanger-Drums, Saxophon-Solos, Fretless-Bässen und U2-Gitarren. Liest sich, als wäre das Musik zum Wegrennen. Doch auf wunderbare Weise funktioniert dieser Klang-Ausflug. Was an den starken Songs liegt („Cutting Stone“, „Sucker’s Prayer“ oder das geniale „Russalka, Russalka / The Wild Rushes“). Und daran, dass Colin Meloy & Co. diese Soundelemente stets gezielt und geschmackssicher einzusetzen wissen.
9 Van William – Countries
„Was sind das bloß für Menschen die Beziehungen haben / Betrachten die sich denn als Staaten?“ Diese Zeile von Heinz-Rudolf Kunze kommt mir in den Sinn, wenn ich an das Solo-Debüt von Ex-Port O’Brien-Sänger Van William denke. Auf „Countries“ verarbeitet der Fischersohn aus Alaska unter anderem das Ende einer sechsjährigen, naja… Beziehung und benutzt genau das gleiche Bild: ihn fessele die idea of two people in a relationship acting as separate countries, hat er in einem Interview gesagt. Mehr noch, er schlägt sogar den ganz großen Bogen zur Politik und vergleicht derart Zwischenmenschliches mit dem aktuellen politischen Klima in den USA. Was die Platte so charmant macht: diese inhaltliche Schwere hört man den im sonnigen Kalifornien aufgenommenen Songs kaum an – ein faszinierender Kontrast.
8 Ben Harper & Charlie Musselwhite – No Mercy In This Land
Wie relevant Blues als Protestmusik im Jahr 2018 ist, beweisen Ben Harper (Gitarre, Gesang) und Charlie Musselwhite (Mundharmonika, Gesang) auf ihrem zweiten gemeinsamen Album: sie besingen wütend die Flüchtlingspolitik der aktuellen US-Regierung, gehen gnadenlos mit der eigenen (überwundenen) Alkoholabhängigkeit ins Gericht, berühren mit Zeilen übers Älterwerden (Harper) oder gar den Mörder seiner Mutter (Musselwhite). Handwerklich sind die zwei und ihre Mitmusiker freilich über jeden Zweifel erhaben und die nahezu komplett live im Studio eingespielten Stücke klingen durchweg beseelt und zutiefst authentisch.
7 Lawrence – Living Room
Was für ein Jahr für die Geschwister Clyde und Gracie Lawrence und ihre Band! Ausverkaufte Konzerte, Touren durch die Vereinigten Staaten und Europa, ein erster Auftritt in einer landesweiten Late-Night-TV-Show. Vor allem aber: die Sache mit dem schwierigen zweiten Album souverän gemeistert. „Living Room“ bringt einerseits mehr von diesem gut gelaunten Funk-Pop, mit dem Lawrence sich einen Namen gemacht haben. Andererseits ist da eine neue Reife und Tiefe hörbar, der Mut zur Reduktion, zum Detail. Was die Sache gleich noch viel interessanter macht.
6 Dave Matthews Band – Come Tomorrow
Was für ein Jahr aber auch für Dave Matthews und sein Millionenunternehmenseine Band! Erst der Rausschmiss von Geiger Boyd Tinsley, der sich vor Gericht dem Vorwurf der sexuellen Nötigung stellen muss. Dann die erste Tour seit 2016, und das ohne Gründungsmitglied Tinsley, dafür mit dem neuen Keyboarder Buddy Strong. Und zwischen all dem stand da noch die Fertigstellung des lang erwarteten neunten Albums der Dave Matthews Band auf der To-Do-Liste. „Come Tomorrow“ ist ein Sammelsurium aus verschiedenen zwischen 2006 und 2017 abgehaltenen Aufnahmesessions, mit vier Produzenten und wechselnden Musiker-Line-Ups. Hätte also auch mächtig schief gehen können, hat aber geklappt. Matthews und seine Kollegen klingen auf „Come Tomorrow“ verblüffend zeitgemäß; live soll die Band in diesem Sommer eine Sensation gewesen sein.
5 Isaac Gracie – Isaac Gracie
Die Musik des langhaarigen Londoners ist absolut nicht innovativ oder revolutionär. Aber sie ist sagenhaft gut. Isaac Gracie sieht aus, als hätten wir noch 1993, doch er schreibt und singt im besten Sinne zeitlose Songs – über sich selbst, die Liebe, den Alkohol, über Hoffnung und Verzweiflung. Mal erinnert er mich an Nick Drake, mal an Jeff Buckley, was ja nicht die schlechtesten Assoziationen sind. Trotzdem ist da ein eigenständiger Gracie-Sound, eine durchaus selbstbewusste Haltung; für’s bloße Zitieren oder Nachahmen ist er viel zu clever und versiert. Meine persönliche Singer-/Songwriter-Entdeckung des Jahres.
4 Dawes – Passwords
Mir war vollkommen klar, dass der Nachfolger zu „We’re All Gonna Die“ ebendieses Meisterwerk im Dawes-Katalog nicht würde toppen können. Muss es auch gar nicht. Dafür sind die einzelnen Alben der Band zu verschieden, auch erwarte ich von keiner Band, dass sie sich ständig überbieten muss. Tatsächlich ist „Passwords“ ziemlich anders als „We’re All Gonna Die“. War die 2016er Platte sowas wie der perfekte Soundtrack für einen Nachmittag mit Freunden am Strand, so ist die 2018er eher Musik für einen Winterabend mit Scotch und schweren Gesprächen. Dawes verhandeln auf „Passwords“ die ganz großen Themen wie gesellschaftlichen Zusammenhalt, ewige Liebe und technischen Wandel und packen dies in ein synthesizerlastiges, geradezu spaciges Klanggewand. Und machen damit mal wieder alles richtig.
3 Pinegrove – Skylight
Warum Pinegrove seit Herbst 2017 eine knapp einjährige Zwangspause eingelegt haben, lässt sich nicht kurz und knapp erklären, dafür aber in aller Ausführlichkeit nachlesen. Schön, dass die Band seit September wieder „da“ ist und „Skylight“ nun doch erschienen ist. Wie keine andere Band mixen Pinegrove Indie-Rock und Alternative Country. Verblüffend, wie viel Tiefe und Seele auch in diese Anderthalbminüter passen, die sie immer wieder zwischen ihren längeren Songs einstreuen. Nach wie vor: das Kollektiv um Evan Stephens Hall hat eine große Zukunft vor sich.
2 Blues Traveler – Hurry Up & Hang Around
Blues Traveler-Fans mussten in letzter Zeit sehr geduldig sein – erst wurde das im Mai 2017 eingespielte Album für den Herbst des gleichen Jahres angekündigt. Dann für Januar 2018. Dann für Juni 2018. Nur, um es im Mai auf den Oktober zu verschieben. Doch dann kam es wirklich, und für die Warterei wurde man bestens entschädigt. Kaum zu glauben, dass dies der Output einer Band ist, die bereits mehr als 30 gemeinsame Jahre auf dem Buckel hat. Die Zeit der Songwriting-Kooperationen und Soundexperimente ist erstmal vorbei. Lustigerweise hat uns genau das das inspirierteste und selbstbewussteste Blues Traveler-Album seit vielen Jahren beschert.
1 Brandi Carlile – By The Way, I Forgive You
Die Geschichten, die Brandi Carlile auf diesem Album erzählt, berühren mich zutiefst. Das geht mit der Titelzeile los, gerichtet an jenen Pastor, der sich weigerte, Brandi im Teenageralter zu taufen, weil sie schon damals offen mit ihrer Homosexualität umging. Da ist „The Mother“, in dem sie die Liebe zu ihrer Tochter Evangeline besingt. Da ist aber auch die Story von „Sugartooth“, der den Drogen nicht entsagen konnte. Und und und. Dass Carlile zu den ganz großen Sängerinnen unserer Zeit gehört, war ja lange klar. „By The Way, I Forgive You“ ist ihr bisheriges Meisterwerk. Und das Herzergreifendste, was ich in diesem Jahr hören durfte.
Meine zehn Lieblingsalben 2018 gibt’s hier als Spotify-Playlist.
10 Stoppok – Operation 17
Schafft auch nicht jeder: Stoppok kam dieses Jahr mit dem 17. Studio-Werk seiner Karriere um die Ecke. Allein dafür gebührt Deutschlands unkapputbarstem Barden höchster Respekt. Dass dieses Album dann aber auch noch bergeweise tolle Songs enthält, ist umso feiner – Stücke wie „Rausch ab“, „Regenlied II“, „1 Weg hier raus“ oder „Planlos durch das All“ sind frisch, geistreich, absolut geschmackssicher produziert und performt; es ist eine wahre Freude. Stoppoks neues Material ist so gut, dass man ihm den einzigen Ausrutscher der „Operation 17“ („Friss den Fisch“, ein unnötiges „Dumpfbacke“-Ripoff) lächelnd nachsieht.
9 John Legend – Darkness And Light
Spätestens seit er das letzte Studioalbum der Alabama Shakes veredelt hat, gilt Blake Mills als einer der angesagtesten Produzenten der Stunde. Zu Recht: was auch immer dieser schluffihaft-schlacksig wirkende Kerl zur Zeit auch anfasst, wird zu Gold. Das gilt für eine Platte ganz besonders, von der hier später noch zu lesen sein wird. Das gilt aber auch für das fantastische neue Soloalbum von Jim James und eben für „Darkness And Light“ von R’n’B-Star John Legend. Ganz und gar nicht platte Soulmusik, der Mills clevere Arrangements spendiert, die den Kern des Songs jeweils zielsicher herausarbeiten. Dazu grandiose Gesänge und ein unfassbar cooler, knackiger Gesamtsound – das macht den Herren Mills und Legend so leicht keiner nach.
8 Open Hearts Society – Driftwood Radio
Als „Rural Folk Boogie“ bezeichnet das Trio seine Musik, und diese Beschreibung passt wie die Faust aufs Auge. Fünf Jahre nach „Love In Time“ folgt nun also „Driftwood Radio“, eine komplett unaufgeregte, wunderschöne Platte irgendwo zwischen Folk, Country und Blues. Dass Eric Schenkman in dieser Band so ganz und gar nicht nach seiner Hauptband Spin Doctors klingt, sondern wesentlich sanfter, versponnener und relaxter, überrascht zunächst, passt aber hervorragend. Mit seinen gerade mal acht Songs mag diese Veröffentlichung wie ein Minialbum wirken. Wer sich drauf einlässt, merkt aber schnell, wie groß(artig) „Driftwood Radio“ geworden ist.
(Zu den Songs von „Driftwood Radio“ gibt’s noch keine Videos, daher hier ein älterer Song der Band. You get the idea.)
7 Ben Harper & The Innocent Criminals – Call It What It Is
Hätte ja auch schief gehen können. Ben Harper trommelt seine Innocent Criminals nach fast sieben Jahren Funkstille wieder zusammen. In den Urlaub geschickt hatte er sie damals, weil er ihrer wohl ein wenig überdrüssig war. Doch das ist lange her – nach einer gefeierten Comeback-Tour kam dieses Jahr nun „Call It What It Is“. Das Album ist durchweg kurzweilig und bunt, Harper glänzt mit starken Songs und die Band groovt so famos wie eh und je. Meine einzige Kritik ist, dass das Ganze leider etwas überraschungsarm geraten ist. Doch das sei als Kritik auf allerhöchstem Niveau verstanden.
6 PROSE – Home Of The Brave
Meine Neuentdeckung des Jahres. Ein junges Trio aus Manchester, das Rap, Akustik-Folk und Pop auf eine Weise vermischt, wie ich sie bisher noch nicht gehört habe. Dabei spürt man deutlich, dass die Jungs tief im Hip Hop verwurzelt und beheimatet sind; andererseits aber auch ein Händchen für große Melodien haben. Kurzweilig, clever, wunderbar.
5 Bon Iver – 22, A Million
Album Nummer drei von Bon Iver also. Auf Waldhüttenliebeskummerfolk und großen Kammerpop folgt ein sperriger Hybrid aus klassischem Songwriting, (w)irren Samples, unzählbaren Grooves und kruder Zahlenmystik. Was bei den ersten paar Durchläufen erstmal gehörig fordert und überfordert, entpuppt sich nach und nach als Meisterwerk. Justin Vernon weiß in jeder Sekunde ganz genau, was er da tut und spendiert der Welt damit so ganz nebenbei auch noch eine Handvoll wunderbarer Melodien, die sich souverän aus den komplexen Klanglandschaften herausschälen. Und immer wieder tönt aus der Ferne ein Saxophon. Im besten Sinne ein anstrengendes Vergnügen.
4 The Avett Brothers – True Sadness
Produzentenguru Rick Rubin und die Gebrüder Avett scheinen einen Narren aneinander gefressen zu haben – immerhin ist „True Sadness“ bereits das vierte Album, dass die Alternative-Folk-Helden mit dem bärtigen Soundgenie aufgenommen haben. Es ist ein großer Wurf geworden! Die Avett Brothers tasten sich angstfrei in neue musikalische Gefilde vor und erkunden dabei weniger wie in der Vergangenheit eher schrammelige Rock-Ecken, sondern vielmehr elektronisches und Progrock-Terrain. Das geht deshalb gut, weil im Kern stets rustikale, leidenschaftliche Songs zu finden sind. Und so klingt dieses Album halt sowohl klassisch-zeitlos als auch modern und experimentierfreudig.
3 Die Höchste Eisenbahn – Wer bringt mich jetzt zu den Anderen
Was einst als loses Nebenprojekt begann, wurde spätestens 2016 zur obersten Instanz in Sachen Songwriter-Pop in Deutschland. Irre, wie viele Menschen unterschiedlichster musikalischer „Heimaten“ sich derzeit auf diese Band und ihre Songs einigen können. „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen“ ist ein in jeder Hinsicht gelungener Nachfolger von „Schau in Lauf Hase“; die Herren Krämer und Wilking haben den Stil, wie sie die kleinen großen Dramen des Erwachsenseins in lakonische Lieder gießen, weiter perfektioniert. Schlau, aber nicht binsenweise. Eingängig, aber nicht beliebig. Herzlich, aber kein bisschen kitschig. Okay, nur ein ganz kleines bisschen.
2 Lawrence – Breakfast
Als diese Platte erschien, hatten Lawrence noch keinen Plattenvertrag. Kurz vor Jahresende konnte die Band um die höllisch talentierten Geschwister Clyde (23) und Gracie (19) bei einem der letzten Majorlabels unterschreiben. Wenn man sich anhört, wozu die beiden und ihre durchweg hervorragenden Mitmusiker im Stande sind, wird schnell klar, warum das geklappt hat: das hier ist geschmeidiger Pop mit ganz viel Funk und Soul, handwerklich über jeden Zweifel erhaben, dennoch frisch und zeitgemäß. Würde mich nicht wundern, wenn uns die Lawrence-Bande in Kürze von den oberen Charts-Rängen aus zuwinkt.
1 Dawes – We’re All Gonna Die Schonwieder Dawes? Ja, schon wieder. Aber nicht, weil ich halt ein treudoofer Fan bin, sondern weil dieses nur 15 Monate nach „All Your Favorite Bands“ wie aus dem Nichts gekommene Album einen Triumph auf ganzer Linie darstellt. Blake Mills (siehe oben) ist es zu verdanken, dass Dawes nicht einfach zum fünften Mal eine Platte im ähnlichen Stil aufgenommen haben, sondern ihren Sound deutlich erweitern konnten: viel mehr Keyboard, klangliche Spielereien an Schlagzeug und Bass, harmonisch gewagtere Songstrukturen und und und. Herz und Seele der Band sind dabei aber nicht auf der Strecke geblieben, im Gegenteil. Was einem hier so modern und frisch entgegentönt, sind einige der stärksten Songs im an starken Songs wahrlich nicht armen Dawes-Katalog.
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