Mein 2013: Lieblingskonzerte

Mit Griffin Goldsmith von Dawes, Reeperbahn Hamburg, 13. September 2013.
Mit Griffin Goldsmith von Dawes, Reeperbahn Hamburg, 13. September 2013.

10 – Selig, Leipzig, 14. März
Das offizielle Konzert zum „Magma“-Album. Mit der Platte hadere ich, weil sie mir zu gefällig daherkommt und zu glattgelutscht. Live fügten sich die neuen Stücke aber sehr gut ins Gesamtrepertoire ein. Bei weitem nicht das beste Selig-Konzert, das ich jemals gesehen habe, aber ohne Zweifel ein unterhaltsamer Abend.

09 – Spin Doctors, Isernhagen, 12. Oktober
Isernhagen soll stellvertretend für die sieben Spin-Doctors-Konzerte stehen, die in diesem Jahr sehen durfte. Die Touren durch England und Deutschland waren total unterschiedlich, gemein war ihnen, dass die Jungs es an jedem einzelnen Abend schafften, ihr Publikum zu „kriegen“, ob da nun zwanzig Menschen vor der Bühne standen (Augsburg) oder der Laden zum Bersten voll und ausverkauft war (Bristol). Der Gig in Isernhagen war perfekt: tolle Location, feierfreudiges Publikum und eine bestens aufgelegte Lieblingsband. Einer der sieben Abende mit den Doctors stach dennoch hervor, mehr dazu weiter unten.

08 – Charitone, Hamburg, 15. September
Die Hamburger Straßenzeitung Hinz & Kunzt wurde 20 Jahre alt und das feierten Macher, Verkäufer, Förderer und Freunde mit einem bemerkenswerten Open-Air-Konzert im Hamburger Stadtpark. Die NDR Big Band zusammen mit dem Who-Is-Who der Hamburger Popszene. Bernd Begemann moderierte den rotweinseligen Spätsommernachmittag, an dem wir vier schöne Stunden lang eigens für diesen Anlass arrangierten Stücken von und mit Niels Frevert, Boy, Cäthe, Johannes Oerding, Roger Cicero, Pohlmann, Regy Clasen und Stefan Gwildis lauschten.

07 – Jan Garbarek Group, Dresden, 2. November
Mal ganz was anderes. Saxophone-Jazz-Ikone Jan Garbarek und drei Kollegen spielen sphärische, der Welt entrückte Musik. Von den glasklaren, brillianten Tönen des Altsaxophons bis zu den Percussion-Feuerwerken aus Trommeln, Töpfen und Schalen brachte die Garbarek Group hier ihren ganz eigenen Entwurf von Jazz zu Gehör. Zwei Stunden im Alten Schlachthof, die wie im Flug vergingen.

06 – The Cat Empire, Berlin, 4. November
Alle Jahre wieder…: mit einem gelungenem neuen Album im Gepäck beehrten The Cat Empire aus Australien auch in diesem Jahr wieder ausgerechnet in der unwirtlichsten Jahreszeit Mitteleuropa. An einem feucht-kalten, regnerischen Berliner Herbsttag schafften es die Herrschaften einmal mehr, eine restlos ausverkaufte (und damit aus allen Nähten platzende) Location zum Kochen zu bringen. Und mal wieder gehen tausende Menschen mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Konzert und fragen sich: wie machen die das nur, diese Zauberer?

Live 2013

05 – Eels, Berlin, 8. April
Gewiss das schrägste Konzert, das ich in diesem Jahr gesehen habe. Meister E stand der Sinn nach lautem Rock’n’Roll, und lauten Rock’n’Roll hat er geliefert. In Trainingsanzügen, auf Podesten stehend, nach jedem Lied seine Mitmusiker zur Gruppenumarmung nötigend. Der traurige Clown im Vorprogramm, der, begleitet von einer Dame im Affenkostüm, theatralisch Metal-Klassiker ariengleich vortrug? Die Zugabe weit nach Konzertende, nachdem das Tempodrom schon wieder fast leer war? Nur zwei von ganz vielen wunderbaren Merkwürdigkeiten, die diesen Abend zu einem Besonderen gemacht haben.

04 – Joseph Arthur, Leipzig, 6. November
Sie haben mir Leid getan, diese drei Weltklasse-Musiker dort vorne auf der Bühne vom UT Connewitz. Grade mal zwanzig, dreißig Leute waren gekommen, um Joseph Arthur, René Lopez und Bill Dobrow zuzuhören. Dabei war ich vorher fest davon überzeugt, dass das Konzert ausverkauft sein würde. Ich meine … Joseph Arthur!! Was für große Künstler da vorne Musik gemacht haben, zeigte sich daran, dass sie sich von dem viel zu kleinen Publikum nicht beeindrucken ließen und eine sensationelle Show ablieferten.

03 – Gov’t Mule, Torgau, 19. Juli
Na endlich. Seit 1997 bin ich Fan, aber erst jetzt hatte ich Gelegenheit, Gov’t Mule mal live zu erleben. Zwei ausführliche Sets lang zeigten Warren Haynes und Co., warum sie zu den besten Musikern unter dieser Sonne gehören – mit vielen mir damals noch unbekannten Stücken vom neuen Album „Shout“, etlichen Reminiszenzen an Ikonen wie Grateful Dead und einem furiosen Finale mit „War Pigs“, das sogar die raubeinigsten Rocker in diesem an raubeinigen Rockern nicht eben armen Publikum euphorisierte.

02 – Spin Doctors, Leeds, 25. Januar
Aus all den schönen Spins-Shows, die mir in diesem Jahr vergönnt waren, muss diese hier herausgehoben werden. Ein schöner, kleiner, ausverkaufter Club in Leeds. Ein Publikum, das gekommen war, trotz eines für britische Verhältnisse extremen Wintereinbruchs seine Helden zu feiern. Eine Setlist, die mit Überraschungen nicht geizte (Yo Baby!). Eine Band, die mir in den Zugaben einen Song widmete, während ich hinter’m Merch-Stand T-Shirts und CDs bewachte (siehe Videobeweis). Das alles an dem Tag, an dem ich zum allerersten Mal das brandneue Album der Band im Zug von Liverpool nach Leeds anhören konnte. Der perfekte Tag, um Spin Doctors-Fan zu sein.

01 – Dawes, Hamburg, 13. September
Wie stark diese Band mein Jahr geprägt hat, habe ich ja bereits gestern bei den Lieblingsalben 2013 geschrieben. Umso größer war meine Freude, als ich erfuhr, dass Dawes im September zwei Konzerte in Deutschland spielen würden. Mit dem besten Freund gings schließlich nach Hamburg, um dort im legendären Molotow-Club all die großen Songs live zu hören, die mir im Frühjahr und Sommer so ans Herz gewachsen sind. Mein mit Abstand intensivster Livemusik-Moment 2013.

Siehe auch:
Lieblingskonzerte 2012, 2011, 2010, 2009.

„Ich kann nicht schwimmen, ich muss …“

Es wird mit Sicherheit noch einige Zeit brauchen, bis ich das Album Schau in den Lauf Hase von Die Höchste Eisenbahn komplett verdaut habe. Es ist ja grade erst am Freitag rausgekommen. Was ich aber schon jetzt mit Sicherheit sagen kann: es packt mich. Diese schnodderige Art, diese zuweilen herrlich albernen Arrangements (das Mundtrompeten-Solo bei „Isi“!) – vor allem aber die Texte und Melodien der Herren Wilking und Krämer gefallen mir ausnehmend gut. „Was machst Du dann“ ist bei Weitem nicht der stärkste Song der Platte, aber die erste Single:

Die Höchste Eisenbahn – Was machst du dann (Youtube)

Hier noch der Song „Aliens“ in einer Liveaufnahme aus dem Frühjahr:

Die Höchste Eisenbahn – Aliens (Youtube)

Mein 2012: Ein Fazit

Every Moment Can Be Joyous, London, March 2012

Zunächst: Tempo, Tempo. Hamburg, Köln, Berlin, Erfurt. Wunderbare Tage in London. Musik, Musik, Musik. Heldenstadt: mehr bloggen denn je. Konferenzen. Tagungen. Moderationen. Studium. 2zueins: Konzerte, viel Spaß im Studio, neues nimmt allmählich Form an. Bonn. Irgendwo bei Bonn. Estland: Tallin, Clowns, Cafés, Nächte ohne Dunkelheit. Helsinki. Unterwegs sein. Aufnehmen, einatmen, aufsaugen, inhalieren.
Später: Zwangsentschleunigung. Dieses Flimmern. Runterfahren, abschalten, ausatmen, loslassen. Halb so schnell. Klarkommen. Klarwerden. Kein Bock mehr. Weniger Termine, mehr Schlaf. Überhaupt: Schlaf. Herbe Verluste: Dirk Bach zum Beispiel. Nils Koppruch zum Beispiel. Mist, das.
Schließlich: Wieder Fahrt aufnehmen. Behutsam diesmal, halb so schnell, doppelt so intensiv. Weiter unterwegs sein. Weil’s das nun mal ist für mich. Dankbar sein für so viele Freunde, so viel Liebe. Viel gelernt in diesem 2012. Viel erlebt, viel gesehen und eingesehen. Warst ein gutes Jahr, 2012. Nicht trotz, sondern weil.

Every Moment Can Be Joyous, London, March 2012

Hier noch einmal meine Lieblings-Listen 2012 im Überblick:
Lieblingsalben 2012
Lieblingskonzerte 2012
Lieblingslieder 2012

Danke, werter Besucher, für’s Mitlesen, Dabeisein, Begleiten und Beobachten im Jahr 2012 – ich freue mich auf 2013 und viele neue Lieder, Bücher, Reisen, Eindrücke, Momente und Blogeinträge.

Ältere Jahresrückblicke:
2011 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2010 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2009
2008
2006
2005
2004

Mein 2012: Lieblingslieder

The View - Tacky Tattoo (Single)

10 Some Nights – Fun.
Well, that is it guys, that is all – five minutes in and I’m bored again. Ten years of this, I’m not sure if anybody understands …

9 Frei – Wolke
Du bist alleine, so alleine, ganz allein auf dieser Welt. Niemand da, der Dir sagt, wer Du bist, denn Du bist frei.

8 Emmylou – First Aid Kit
I’ll be your Emmylou and I’ll be your June if you’ll be my Gram and my Johnny too.

7 Songs für Liam – Kraftklub
Die Welt geht vor die Hunde, Mädchen, traurig aber wahr.

6 How – Regina Spektor
Time can come and take away the pain but I just want my memories to remain: to hear your voice, to see your face, there’s not ome moment I’d erase.

5 Going Home – Leonard Cohen
He wants to write a love song, an anthem of forgiving, a manual for living with defeat. A cry above the suffering, a sacrifice recovering but that isn’t what I want him to complete.

4 Queen Of Denmark – Sinéad O’Connor
Who’s gonna be the one to save me from myself? You better bring your stun gun and perhaps a crowbar.

3 Recognize My Friend – Blues Traveler
When we meet again and the music comes in I hope I recognize my friend.

2 Das Leichteste der Welt – Kid Kopphausen
Ich lerne langsam wieder laufen und sprechen, ich gebe den Dingen einen Namen. Ich sage meine Liebe, meine Lügen, meine Hoffnung, meine Schuld, meine Leidenschaft, mein Feuer, meine Wut und meine Ungeduld, mein Nein und mein Vielleicht und mein unbedingtes Ja.

1 Tacky Tattoo – The View
Sometimes, you feel you’re not so clever when you can’t even find a melody for your song.

Meine zehn Lieblingslieder 2012 gibt’s hier als Spotify-Playlist.

Mein 2012: Lieblingskonzerte

The Cat Empire, Berlin, 2012

10 – Amarcord, Leipzig, 5. Oktober
Festkonzert zum 20. Jubiläum des Ensembles im Großen Saal des Gewandhauses. Mit einem Querschnitt aus ihrem Repertoire, von Renaissance-Madrigalen bis hin zu einer Uraufführung. Am Ende stehende Ovationen, völlig zu Recht.

9 – Kraftklub, Leipzig, 21. Oktober
Deutschlands Band des Jahres bringt das Haus Auensee zum Überlaufen. Selten ein derart euphorisches und durchgeschwitztes Publikum erlebt. Einfach nur großartig.

8 – Ray’s Guesthouse, Berlin, 24. Mai
MTV-Legende Ray Cokes mit neuer Live-Bühnen-Show im Berliner Postbahnhof. Triggerfinger performen „I Follow Rivers“, kurz bevor es zum Überraschungs-Sommerhit wurde. Außerdem dabei: Fiva und das Phantomorchester, die frisch wiedervereinten Plan B aus Berlin, Me & My Drummer, Admiral Black und Two Trick Pony. Und ein bestens aufgelegter Ray Cokes, natürlich.

7 – Sinéad O’Connor, Berlin, 19. April
Einen Tag, bevor sie einen Nervenzusammenbruch haben sollte, der zur Absage der gesamten Rest-Tour führt, sang Sinéad in Berlin. Verwundbar und aufgekratzt wie immer, sichtlich müder als nur wenige Wochen zuvor in London (siehe unten), aber immer noch in sehr guter Form. Ein bewegender Abend.

6 – Stoppok, Leipzig, 8. Dezember
Stefan Stoppok, ganz alleine im proppevollen Anker. Die vorweihnachtlichen Besuche des Barden im Leipziger Norden haben inzwischen eine gewisse Tradition, aber ganz und gar keine Routine. Stoppok ist in Spiellaune, das Publikum singt eifrig mit und am Ende, wie so oft bei Stoppok, gehen alle glücklich nach Hause.

5 – Wolke, Leipzig, 2. Juni
Gerade mal zwanzig Menschen wollten Wolke in der Moritzbastei sehen. Wenn die restlichen 500.000 Leipziger nur wüssten, was sie verpasst haben! Das Duo stellte die Songs ihres neuen Album „Für immer“ vor und sangen natürlich auch Klassiker wie „Kleine Lichter“. Ich war, ähem, auf Wolke 7.

4 – Selig, Dresden, 19. November
Muss man sich auch erstmal trauen: Selig performen ihr komplettes neues Album „Magma“, obwohl das noch keiner kennt, weil es erst im neuen Jahr kommt. Experiment geglückt: die Fans im ausverkauften Beatpol fraßen der Band aus der Hand, das neue Material hört sich fabelhaft an, und der XXL-Zugabenblock bot dann von „Ist es wichtig“ bis „Schau Schau“ alles, was der Fan sich noch gewünscht hat.

3 – Sinéad O’Connor, London, 10. März
Eines der besten Sinéad-Konzerte, die ich in meinem Leben sehen durfte. Das Publikum lag ihr zu Füßen, die neuen Songs rockten, die Künstlerin selbst war enorm gut gelaunt und legte einen Auftritt für die Ewigkeit hin. Dem euphorischen Publikums-Applaus folgten in den Tagen darauf Lobeshymnen in der britischen Musikpresse.

2 – Spin Doctors, Hamburg, Köln, Berlin, Erfurt, 22.-27. Januar
Wie schon 2011 hatte ich das Glück, die lieben Spin Doctors auf einem Teil ihrer Tour begleiten zu können. Diesmal ging’s durch Deutschland. Und es war surreal gut. Wie ich an „meinem“ ersten Abend das lang ersehnte, seit mehr als einem Jahrzehnt ungespielte „Prey To Bears“ als Zugabe gewidmet bekam. Wie die deutschen Fans die Band gefeiert haben. In Hamburg zum Beispiel. Oder wie selbst das mies besuchte Erfurt-Konzert rockte. Die Docs waren sympathisch wie immer, und für mich war das eine Deutschland-Rundfahrt der ganz besonderen Art. Hoffentlich bald wieder.

1 – The Cat Empire, Berlin, 14. Dezember
Dass die Jahresbestenlisten-Dauergäste The Cat Empire in diesem Jahr Platz 1 einnehmen, überrascht mich selbst ja am meisten. Denn das war ein starkes Konzertjahr, ohne jede Frage. Aber kein Abend war so perfekt wie diese Show in der Columbiahalle. Selbst in den Toiletten tanzten die Menschen verzückt – und trotz restlos gefüllter Halle gab es nicht einen, der nach dem Konzert genervt oder unzufrieden wirkte. Das macht den Australiern so schnell keiner nach. Kann das neues Album und die 2013er Auflage des alljährlichen Berlin-Konzertes kaum erwarten.

Mein 2012: Lieblingsalben

(umgetextete Psalmen aus dem Alten Testament zu sehr sanfter Gitarrenbegleitung)

10 Kraftklub – Mit K
Keine andere deutsche Band erlebte 2012 einen derartigen Dauerhype, keine andere deutsche Band hatte ihn aber auch dermaßen verdient. Die Chemnitzer veröffentlichten früh im Jahr „Mit K“, eine an schlauen Texten und zwingender Gitarrenarbeit wahrlich reiche Songsammlung. Das Album ging auf 1, die Band spielte gefühlt mehr Konzerte, als das Jahr Tage hatte – und selbst ein knappes Jahr nach „Mit K“ wirkt alles an dieser Band frisch und glaubwürdig.

9 Ben Kweller – Go Fly A Kite
Der Typ wirkt auch mit über 30 noch wie der seltsame Nerd aus der Parallelklasse, der in der Hofpause heimlich im Gebüsch eine raucht. Dabei ist Ben Kweller längst ein profilierter Songwriter und begnadeter Multiinstrumentalist. Nach Ausflügen in Richtung Country und ein paar Monaten Pause nun also „Go Fly A Kite“: kein einziger Füller, jeder Song geradeheraus, herzlich und einprägsam. Sachen wie „Gossip“ und „Jealous Girl“ möchte ich tagein, tagaus im Radio hören.

8 Regina Spektor – What We Saw From The Cheap Seats
Gerade mal 36 Minuten dauert das Vergnügen, das „What We Saw From The Cheap Seats“ geworden ist. Die in Moskau geborene Sängerin präsentiert auf ihrem sechsten Album eine Mischung aus neuen und alten Stücken, so hat sie etwa das grandiose „Don’t Leave Me (Ne Me Quitte Pas)“ noch einmal neu arrangiert und aufgenommen. Wieder ist es ihre famose Stimme, die mich in ihren Bann zieht. Wieder ist es das Fehlen jedweder Beiläufigkeiten oder Belanglosigkeiten, das dieses Album zu einem Genuss macht. Zum Nebenbeikonsum ganz und gar nicht geeignet.

7 Martin Rossiter – The Defenestration Of St. Martin
Spät im Jahr gesellte sich Martin Rossiter zu meinen Lieblingsalben-Machern hinzu. Der ehemalige Sänger der wunderbaren britischen Band Gene („Olympian“, „Fighting Fit“) hat nach sieben Jahren Musik-Pause ein eigenwilliges, aber bemerkenswertes Album aufgenommen. „The Defenestration Of St. Martin“ lebt über die meiste Zeit ausschließlich von Piano und Gesang, nur gelegentlich setzt der Walise andere Dinge wie Chöre oder Drums ein – immer nur dann, wenn sie ihm wirklich notwendig erscheinen. So hat er einen musikalisch sanften und lyrisch herausfordernden Liederzyklus abgeliefert, in dem ich mich in diesem Winter nur allzu gern verlieren möchte.

6 The View – Cheeky For A Reason
Da sind sie wieder, The View. Auch auf die Gefahr hin, dass meine kleine Seite irgendwann als deutsches View-Fanblog gehandelt wird: auch das 2012er Album der Schotten ist wieder ein großer Wurf. Unerwartet schnell nach dem sehr üppigen „Bread And Circuses“ veröffentlicht, geht es auf „Cheeky For A Reason“ wieder rauer und reduzierter zu, was die Produktion betrifft. Keineswegs aber beim Songwriting: diese elf famosen Popsongs haben mich durch das gesamte zweite Halbjahr 2012 begleitet, wofür ich den vier Herren zutiefst dankbar bin.

5 Dave Matthews Band – Away From The World
Mit deutlich kleinerer PR-Maschine als beim Album drei Jahre zuvor lieferte die Dave Matthews Band 2012 eine neue Platte ab. Dabei galt die schon als Sensation, ohne dass man nur einen einzigen Ton gehört haben musste. Immerhin war erstmals seit 2000 wieder Steve Lillywhite Produzent der Band; jener Mann, der auch schon U2 groß gemacht und die ersten drei DMB-Major-Releases produziert hatte – allein dieser Name sorgte für massig Vorschusslorbeeren. Was die Fans zu hören bekamen, erfüllte die fast schon unmenschlich hohen Erwartungen überraschenderweise voll und ganz. „Away From The World“ ist keine reine Song-Ansammlung, sondern eine meisterlich kompilierte musikalische Reise. Statt „Hits“ gibt’s ein fünfzigminütiges Epos wie aus einem Guss.

4 The Avett Brothers – The Carpenter
Zum zweiten Mal produziert Rick Rubin die Gebrüder Avett, und erneut geht das richtig gut. „The Carpenter“ besticht durch grandioses Songwriting zwischen Folk, Rock, Country und Pop – und die Avett Brothers singen und spielen einmal mehr, als ginge es um ihr Leben.

3 Kid Kopphausen – I
Die tragischste Veröffentlichung des Jahres. Als „I“ herauskam, waren wir alle begeistert, verzückt, ja geradezu euphorisch: Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen, a match made in heaven. Tolle Stimmen, tolle Songs, ein Gesamtkunstwerk. Und dann, lächerlich wenige Wochen nach Veröffentlichung, schläft Koppruch einfach so ein. Bis heute macht mich sein Tod ratlos und traurig. Wer weiß, ob ich „I“ jemals wieder unbeschwert und ohne Wehmut hören kann. Dabei gehört dieses Album gehört, wieder und wieder und wieder. Mach’s gut, Nils.

2 Blues Traveler – Suzie Cracks The Whip
Unerträglich lange hat es gedauert, bis Blues Traveler ein neues Album fertig hatten – immerhin vier Jahre! Das lange Warten wurde aber reich belohnt. „Suzie“ ist eine Rückkehr zur Höchstform. Ging es in der letzten Zeit doch etwas behäbig und gesetzt zu bei den Herren um John Popper, so sind sie jetzt, in ihrem 25. Bandjahr, direkter, unmittelbarer und lauter denn je. Die zahlreichen Co-Autoren, die gewitzten Produzenten und nicht zuletzt natürlich die spielfreudigen Bandmitglieder hauchen dem Projekt Blues Traveler neues Leben ein. Das beste der Band seit dem 2003er Überalbum „Truth Be Told“. Things are looking up.

1 Sinéad O’Connor – How About I Be Me (And You Be You)?
Noch länger, nämlich fünf Jahre, hat es gedauert, bis Sinéad O’Connor mal wieder mit einem neuen Album um die Ecke kommt. Waren das 2007er „Theology“ (umgetextete Psalmen aus dem Alten Testament zu sehr sanfter Gitarrenbegleitung), das 2005er „Throw Down Your Arms“ (Reggae-Cover) und das 2002er „Sean-Nos Nua“ (sanft modernisierte Irish-Folk-Standards) eher Alben für echte O’Connor-Liebhaber, so ist „How About I Be Me…“ die erste „klassische“ Pop-CD der Irin seit dem 2000er Meisterwerk „Faith And Courage“. Die Platte wirkt wie eine Essenz ihres Schaffens, stimmlich ist sie in Bestform und nach wirklich jedem Lied habe ich ein zufriedenes, glückliches Grinsen im Gesicht. Seit über 20 Jahren begleitet mich die Musik dieser Frau durch’s Leben, in diesem Jahr intensiver denn je.

Musik-Jahrgang 2012? Das fängt ja gut an.

2012 ist schon jetzt ein gutes Jahr. Zumindest, was die Musik betrifft. Bergeweise neue Musik prasselt derzeit auf mich ein und vieles davon würde ausfühliche, wohlformulierte Lobreden verdienen. Aber sowas interessiert ja eh keinen, deshalb stattdessen ein profaner Sammel-Eintrag zu den akustischen Höhepunkten der letzten Wochen.

Da wären zunächst mal The Canoes, so eine Art Supergroup. Neben norwegischen Stars wie Hans Petter Aaserud oder Arne Hovda (einst bei den Getaway People am Keyboard) singt auch Spin Doctors-Frontmann Chris Barron mit. Die vier Herren haben sich in den letzten Jahren immer wieder zu Songwriting-Sessions in norwegischen Blockhütten getroffen und so ein wirklich entspanntes Popalbum geschrieben. „Booze And Canoes“ kommt äußerst eingängig daher und tendiert mal zum großen Soul-Pop, mal zum, nun ja, Schlager. Insgesamt ein unbeschwertes, gut gelauntes Stück Musik – angenehm leichtfüßig und unkompliziert.

Endlich, endlich veröffentlicht nun auch Sinéad O’Connor ihr lang angekündigtes neues Album. Nicht „Home“ heißt es (so der urspüngliche Titel), sondern „How About I Be Me (And You Be You)“. Meine Euphorie hielt sich zunächst in Grenzen, denn als Sinéad-Sammler und -Fan kannte man im Grunde bereits fast alle Songs der neuen CD von den Livekonzerten der letzten Jahre, von diversen Demos und Vorab-Versionen, die seit 2010 im Netz kursierten. Umso mehr hat mich dann doch das fertige Album umgehauen. Brilliant produziert, mit einer Sängerin, die so stimmgewaltig und furios daherkommt wie seit Jahren nicht mehr. So sehr mir die Konzeptalbum-Experimente der letzten Zeit (Roots-Reggae im Jahr 2005, „Theology“ zwei Jahre später) zugesagt haben – es ist fantastisch, mal wieder ein klassisches Popalbum von Sinéad zu hören. Das Gerede vom „Comeback“ halte ich für Unsinn, sie war ja nie weg. Ein return to form ist das neue Album aber auf alle Fälle.

Auch Ben Kweller hat sich ein paar Jahre Zeit gelassen für seine neue CD. Nun ist „Go Fly A Kite“ in den USA erschienen – und ich kann den Import des Albums nur wärmstens ans Herz legen. Es rumpelt und rockt wieder mehr als zuletzt, der Ausflug in Richtung Country ist vorbei, und Kweller liefert erneut einen charmanten Song nach dem nächsten. Wieder schafft er es, an jedem peinlichen Pathos geschmackssicher vorbeizunavigieren. Was bei anderen bemüht retro oder gar kitschig klingen würde, präsentiert Kweller mit sympahischer Nerdigkeit und Unaufgeregtheit. Wunderbare, große Platte.

Außerdem ganz famos:

„Natives“, das Soloalbum von Beirut-Trompeter Kelly Pratt unter dem Namen Bright Moments: von Beirut vertraute Klänge treffen auf Beats und Samples und bisweilen recht eindeutigen Pop. „Bringing In The Darlings“, eine neue, auf’s Wesentliche wie Gesang und Gitarre reduzierte EP von Josh Ritter. Perfume Genius‚ zum Heulen schönes zweites Album „Put Your Back N 2 It“, Leonard Cohens alterweise Meditationen auf „Old Ideas“ (wie grandios ist denn bitte alleine der Opener „Going Home“?). Und jetzt, wo der große Hype erstmal durch ist, sollte man es noch einmal ausdrücklich erwähnen, das bemerkenswert gute Kraftklub-Majordebüt „Mit K“.

So kann’s gerne weitergehen, dieses 2012.

Mein 2011: Lieblingskonzerte

The Avett Brothers, Berlin, 17. August 2011

10 – Ben Folds, Berlin, 3. März
Folds‘ Album mit Nick Hornby fand ich nur so mittelmäßig, das Konzert dazu dafür umso besser. Mit frischer Band und manisch wie immer rockte er das Berliner Publikum gründlich durch.

9 – Musikalischer Abend, Lviv (Lemberg), Ukraine, 18. Oktober
Skurril und schön zugleich. Im Rahmen einer kirchlichen Konferenz, zu der ich eingeladen wurde, bekamen wir – Gäste aus aller Welt – in einem Lemberger Museum klassische und traditionelle ukrainische Musik zu hören. Hatte vom Rahmen her was von einer Klischee-Kulturveranstaltung, wie sie im Kalten Krieg üblich gewesen sein muss. Die Qualität der Darbietungen wiederum war gigantisch.

8 – Death Cab For Cutie, Berlin, 27. Juni
Das Ticket für diese Show war ein Geburtstagsgeschenk. Zusammen mit dem lieben Schenker ging’s nach Berlin zu einem Konzert einer Band, von der ich nur eine Handvoll Songs kannte. Hat sich aber absolut gelohnt: schönes Konzert, toller Trip in die Hauptstadt. Nochmal Danke, Marcus!

7 – Baru, Werdau, 23. Dezember
Wenn alles so klappt, wie sich das im Baru-Umfeld alle wünschen, dann dürfte 2012 einiges zu hören und zu lesen sein von dieser Band aus Königswalde. Kurz vor Weihnachten durfte ich sie in unserer gemeinsamen Heimat supporten. Und danach das Konzert der vier Herren bestaunen: erstklassige Songs, souveräne Bühnenshow. Wenn Baru demnächst in Eurer Stadt spielen – geht unbedingt hin. Euch erwarten sympathische Menschen, die richtig gute Musik machen.

6 – The Head And The Heart, Berlin, 27. Juni
The Head And The Heart waren die Vorband zu Death Cab For Cutie (siehe Platz 8), verdienen aber unbedingt einen gesonderten Eintrag. Selten einen Support Act erlebt, der mich so gefesselt hat, obwohl ich noch nie irgendwas von ihm gehört hatte. Dabei ist die Musik von The Head And The Hard gar nicht mal so was besonderes (Folkpop, Countryeinschlag, siehe auch Decemberists, Avett Brothers). An diesem Abend jedoch hat sich mich so richtig „gekriegt“.

5 – Chris Barron & Jono Manson, Rom, 16. Januar
Die erste von vielen Reisen im Jahr 2011 führte mich nach Rom. In der Ewigen Stadt erstmals Jono Manson live zu erleben, ihn kennenzulernen und dann auch noch von meinem Lieblingssänger Chris Barron ein „At The Stable“ gewidmet und gesungen zu bekommen – unbezahlbare Momente voller Glück und Euphorie. Roma, ti amo!

4 – The Cat Empire, Berlin, 16. November
Schon wieder ein Cat Empire-Konzert in einer meiner Lieblingskonzerte-Listen. Und sie haben es einmal mehr geschafft, mich und meine Freunde in ihren Bann zu ziehen. Cat-Empire-Shows haben etwas Magisches: spannend von der ersten Note bis zum Schlussakkord. Harry war überragend wie immer, und dass ich mal „Miserere“ live zu hören bekomme, war nur noch das Tüpfelchen auf dem i.

3 – Spin Doctors, England, 15.-19. Mai
Mein Freund David aus Los Angeles und ich tourten eine Woche lang durch England, um die Spin Doctors auf ihrer „20 Jahre Pocket Full Of Kryptonite“-Reise zu erleben. London war der euphorische Auftakt, Manchester und Milton Keynes waren toll, das absolute Highlight aber war für uns der Gig in Leamington Spa. Nachdem wir am Vorabend der Band den Floh ins Ohr gesetzt hatten, doch mal wieder ihren uralten Bluessong „So Bad“ zu spielen, erfragte Sänger Chris Barron wenig später via Facebook bei uns die Lyrics. Schon zum Soundcheck war ich im siebenten Himmel, weil sie tatsächlich „So Bad“ probten. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass wir den Song an diesem Abend tatsächlich in den Zugaben zu hören bekommen würden. Aber bevor ich nun einmal mehr ins Schwärmen gerate, darüber, wie unfassbar freundlich diese Band ist, wie großartig ihre Musik und wie unkompliziert wir als „Spin Doctors Nerds“ dazugehören durften, mache ich besser schnell weiter mit Platz…

2 – Niels Frevert, Leipzig, 10. Dezember
Tatsächlich eine Premiere für mich: zum ersten Mal Niels mit Band erlebt. Dass das gut werden könnte, ahnte ich aufgrund diverser Bootlegs. Es wurde viel besser als „gut“. Niels hat sich da eine klasse Band zusammengebaut, die Setlist ließ fast keine Wünsche offen und hinterher konnten wir noch kurz mit dem Künstler plauschen. Ein Konzert mit Langzeitwirkung – Freverts Performance klingt noch immer in mir nach.

1 – The Avett Brothers, Berlin, 17. August
Mir fallen keine Worte ein, um zu beschreiben, wie gut mir dieses Konzert getan hat. In einer recht turbulenten Phase meines Jahres 2011 war das Konzert der Gebrüder Avett Balsam für Herz und Seele. Und das empfand offenbar nicht nur ich so: selten habe ich bei einem Konzert so viele „gestandene Kerle“ mit feuchten Augen um mich herum gesehen. Was für eine unglaublich gute Liveband, was für tolle Songs.

Mein 2011: Lieblingsalben

10 Ben Harper – Give Till It’s Gone
So richtig war mir nicht klar, wo die Reise hingehen sollte. Harpers 2011er Platte wartet weder mit dem gefälligen Acoustic-Soul der späten Innocent-Criminals-Werke auf, noch mit der eindringlichen Ruppigkeit der Relentless-7-Veröffentlichungen. Ben Harper wirkt düsterer als in den letzten Jahren, er fleht „Don’t Give Up On Me Now“ und singt sich Mut an: „I Will Not Be Broken“. Das alles fasziniert, vereinnahmt – und hat mich durch’s ganze Jahr begleitet.

9 Wilco – The Whole Love
Wilco! Nach all den Jahren kriegen sie mich doch. Eine von diesen Bands, für die ich mich wahlweise immer zu jung, zu alt, zu europäisch oder zu sonstwas gefühlt habe. Aber dann kam „The Whole Love“ raus und es hat Klick gemacht. Ein Album, das von experimentellem Lärm bis zur perfekten Songperle so ziemlich alles liefert.

8 Open Hearts Society – Love In Time
Dass Eric Schenkman mal in einer Band mitspielt, die ihre Musik als „Rural Folk Boogie“ bezeichnet, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Der Spin Doctors-Gitarrist hat sich’s in seiner Wahlheimat Kanada gemütlich gemacht und mit ein paar Kumpels eine durch und durch entspannte Platte aufgenommen. In den wenigen lauten Momenten an Neil Young gemahnend und in den ruhigeren Phasen an die Decemberists, ist „Love In Time“ eine neun Songs lange (kurze) Wundertüte, in die ich 2011 sehr häufig und gerne reingegriffen habe.

7 Warren Haynes – Man In Motion
Gov’t Mule-Vorarbeiter lädt sich hochkarätige Freunde ins Studio (u.a. Ivan Neville) und huldigt dem Soul. Das Ergebnis klingt dann auch genau so: eine sanftere, souligere Version des Haynesschen Sounds, sensationelle Gitarrensoli und Wahnsinnsstimme inklusive. Keine Revolution, aber gerade deswegen in meinem 2011 mehr als willkommen.

6 Bright Eyes – The People’s Key
Der nächste große Wurf von Conor Oberst. Öffne eine beliebige 2011er Jahresbestenliste eines beliebigen Musikblogs oder -magazins, und Du wirst „The People’s Key“ darin finden. Zu Recht.

5 Bon Iver – Bon Iver
Der nächste große Wurf von Justin Vernon. Öffne eine beliebige 2011er Jahresbestenliste eines beliebigen Musikblogs oder -magazins, und Du wirst „Bon Iver“ darin finden. Zu Recht.

4 John Popper & The Duskray Troubadours
Zum dritten Mal macht sich Popper ohne seine Blues-Traveler-Kameraden auf Reisen. Diesmal übt er sich in Americana und Roots Rock. Gemeinsam mit Freund und Musik-Genius Jono Manson ist John Popper dabei ein zeitloses Album mit großartigen Songs gelungen. „Champipple“, „Something Sweet“ oder „Love Has Made It So“ heißen diese Perlen, die in diesem Jahr eine viel größere mediale Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten.

3 The Felice Brothers – Celebration Florida
Anstrengend, schräg, unstet, aufreibend. Alles Attribute, die ich „Celebration, Florida“ durchaus zuschreiben würde. Doch genau diese Attribute machen diese Platte der Felice Brothers so interessant. Der Dylaneske Folksound der Brüder wird diesmal ergänzt durch Synthesizer, Noiseeffekte, Loops und E-Gitarren. Fertig ist eine wunderbare musikalische Zumutung, an der ich mich in diesem Jahr nicht satt hören konnte.

2 Niels Frevert – Zettel auf dem Boden
Beim ersten Hören: Überforderung, ganz leichte Enttäuschung gar. Beim zweiten Hören: Heimischwerden, Fallenlassen, Aufgefangenwerden. Bei jedem weiteren Hören: Begeisterung, Gänsehaut, Bewunderung. Und jetzt? Die Gewissheit, dass von dieser CD auch noch in 20 Jahren schwärmen werde.

1 The View – Bread And Circuses
Mit der Wahl meines Albums des Jahres stehe ich, verglichen mit anderen Jahresbestenlisten, sicher ziemlich einsam da. Aber nicht, weil ich was besonderes sein will, ist dieses Album auf dem ersten Platz gelandet. Sondern, weil das dritte Album der Schotten einfach zum Soundtrack für mein 2011 geworden ist. In traurigen Momenten wie in Augenblicken des Glücks, auf Reisen und daheim – irgendeiner dieser cleveren, beseelten Rocksongs von „Bread And Circuses“ war immer mit dabei. Außerdem muss ja dringend mal wieder einer schreiben, dass es nur wenige Sänger vom Schlage eines Kyle Falconer unter dieser Sonne gibt.

Musik, Musik, Musik: The Head And The Heart, Bon Iver, Howie Day, The Felice Brothers, Warren Haynes, James Maddock, Aaron Comess, Marc Broussard, Openhearts Society, Dave Matthews Band, Ben Harper.

So much music, so little time – deshalb hier die Musik, die mich gerade durch den Frühsommer bringt, im Schnelldurchlauf:

The Head And The Heart habe ich vorgestern als Vorband beim Death Cab For Cutie-Konzert in Berlin erlebt. Live waren sie noch überzeugender als auf ihrem Album (denn live klingen sie größer, ergreifender, ausgereifter) – dennoch hat ihr Debüt tolle Momente und mit „Rivers And Roads“ einen DER Überhits meines Sommers 2011.

Howie Day hat ja vor ein paar Monden ein ganz okayes Comeback-Album namens „Sound The Alarm“ vorgelegt. Jetzt meldet er sich mit der neuen EP „Ceasefire“ erneut zurück. Vier der sechs Songs sind richtig gut – allen voran „No One Else To Blame“. Day kann auch hier wieder nicht an jene Unbefangenheit und Einzigartikeit seiner ersten beiden Alben anknüpfen, tolle Popmusik ist das aber allemal.

– Bleiben wir doch gleich bei einem Herrn, bei dem es mir ganz ähnlich geht: Marc Broussard hat ein selbstbetiteltes neues Album rausgehauen. Nach seinen Soul- und R’n’B-Tribute-Sachen probiert er es jetzt wieder mit eigenem Material. Und er überrascht mich sehr postiv. Na klar, diese Platte ist Mainstream hoch drei. Aber eben gut gemacht. Mit tollen Hooks, super Songs – und einer sexy Stimme, die alles zusammenhält.

Bon Iver. So ziemlich jeder musikinteressierte Mensch, der einen Internetzugang besitzt, hat schon irgendwas Cleveres über Justin Vernons neue Platte geschrieben. Stimmt auch, das meiste. Ist gut, das Teil. Größer, hymnischer als das bejubelte Debüt. Aber trotzdem ehrlich, aufrichtig, groß. Als ich neulich von einem 2zueins!-Gig nach Hause gelaufen bin, hat mich diese Platte begeistert – und für die Dauer des Heimwegs zum glücklichsten Menschen dieses Sonnensystems gemacht.

– An der Entstehung von James Maddocks neuem Album „Wake Up And Dream“ war ich aktiv beteiligt. Er hat die Aufnahmen durch den Dienst pledgemusic.com finanziert, und ich habe von Herzen gerne ein paar Rappen dazugegegeben. Maddock liefert einfach nur mehr von dem, was ich so an ihm liebe: herzhafte, organische Popsongs, mit dem großartigen Aaron Comess am Schlagzeug und der wunderbaren Leslie Mendelson an den Backing Vocals. Gestern hatte ich die handsignierte CD im Briefkasten, die mp3s darf ich schon seit ein paar Wochen genießen – Danke James für die gute Musik, mein Geld habe ich mehr als gut investiert.

– Noch mehr Post: heute kam endlich die „Live At Wrigley Field“-Box der Dave Matthews Band bei mir an. DMB haben die letzten beiden Shows ihrer 2010er-Sommertour als edles Boxset veröffentlicht, mit Bonus-Fotobooklet, handnummeriertem Kunstdruck und so. Ganz nebenbei ist die Musik großartig: sie spielen sich traumwandlerisch sicher durch ihr famoses Repertoire und haben mit „Needle And The Damage Done“, „Write A Song“, „Good Good Time“, „Sister“ und „Burning Down The House“ auch jede Menge angenehme Fanüberraschungen im Gepäck. Sicher, der Import war schweineteuer – aber für diese Band mach ich das gerne, immer und immer wieder.

– Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie sehr mich die Felice Brothers mit ihrem neuen Album „Celebration, Florida“ begeistern. Die Dylan-Soundalikes mit den geilen Songs entdecken die Elektronik und die richtig verzerrten Gitarren – und legen ihr vielleicht spannendstes, abwechslungsreichstes Album vor. Als Beispiel sei hier einfach das Video zu „Ponzi“ verlinkt. Genau so klingt diese sensationelle Platte – und doch sind fast alle Songs noch stärker als dieser hier:

Warren Haynes, der alte Freund. Hat parallel zum 2010er Gov’t Mule-Album mal eben ein soul-inspiriertes Soloalbum eingespielt. Solo wie in: mit ganz vielen anderen geilen Säuen, die nur halt nicht in seiner Stammband spielen. Da gibt es zum Beispiel ein Wiederhören mit Ivan Neville, der mir natürlich bestens durch sein Solowerk, seine Dumpstaphunk-Sachen und durch seine Zeit bei den Spin Doctors vertraut ist. „Man In Motion“ hält zwar nicht das von der Plattenfirma gegebene Versprechen, eine Soul- oder gar R’n’B-Platte zu sein. Aber auf alle Fälle präsentiert sie Warren Haynes on top of his game, und mit jeder Menge fantastischen Songs.

– Als Schlagzeuger der Spin Doctors sorgt Aaron Comess dafür, dass die funkieste Band der Welt zur funkiesten Band der Welt wird. Betrachtet man sein reges Schaffen als Solo-Künstler, stellt man schnell fest, dass dieser Mann mehr kann als „nur“ Trommeln. „Beautiful Mistake“ ist Comess‘ zweites Soloalbum, er hat alle Stücke geschrieben und produziert – und auch diesmal ist das alles andere als eine Schlagzeug-Nabelschau. Unglaublich, was für geile Ideen der Typ hat. Langjährige Freunde wie Teddy Kumpel (git) setzen perfekt um, was Comess sich zuvor erdacht hat. Habe selten eine derartig gute Instrumental-Platte gehört. Weltklasse.

– Bleiben wir kurz bei den Spin Doctors: Bandkollege Eric Schenkman hat, wenn er nicht gerade die Riffs zu „What Time Is It“ oder „Hungry Hameds“ intoniert, derzeit Bock auf „Rural Folk Boogie“ – so nennt Schenkmans neue Band Openhearts Society ihre Musik jedenfalls. Bisweilen erinnert mich das an Neil Young und manchmal an Sarah McLachlan, die neun Stücke sind kurzweilig, originell – und klingen so ganz und gar nicht nach Erics Stammband.

– Und schließlich ist da noch Ben Harper. Dessen neues Album „Give Till It’s Gone“ steht seit Mai in den Läden – und es fordert mich ziemlich heraus. Dass ich die Musik von Harper liebe, ist klar. Dass er immer wieder Sachen ausprobiert, die ihn wie auch seine Fans fordern, ist mir sehr sympathisch. Das Album mit „Relentless 7“ war ein bewusster Bruch mit der zuletzt eingetretenen Pop-Gefälligkeit seiner Stammband „Innocent Criminals“. Auch bei „Fistful Of Mercy“ konnte Harper sich zuletzt ausprobieren und mal wieder folkigere Klänge anschlagen. Jetzt also ein Soloalbum, das er mit den Relentless 7-Leuten, aber auch mit Größen wie Ringo Starr oder Jackson Browne eingespielt hat. Die Magie anderer Harper-Releases mag sich nicht gleich nach dem ersten Hördurchgang einstellen. Berührend, ergreifend und aufrichtig ist diese Platte aber dennoch. Nach und nach. Geduldig ist diese Platte und sie wird mit jedem Hören größer.