Drei Gründe, warum mir Leipzig heute peinlich ist.

Erstens: „Anschlag mit Schweineköpfen“ (taz.de)

Der Protest eskaliert. Unbekannte haben einen Anschlag auf das Gelände verübt, auf der die Moschee gebaut werden soll. Sie spießten Schweineköpfe auf Holzpflöcke.

Zweitens: „Das Grauen“ (lipsa.wordpress.com)

Wenige Tage nachdem die Lokalmedien von zwei geplanten Flüchtlingsheimen in Thekla und Paunsdorf berichteten, hat sich Leipzig auch schon zur Gegenwehr gerüstet – eine solche Bedrohungslage konstruiert zumindest eine von mehr als 2.000 Personen unterstützte Facebook-Seite.

Drittens: „Zum Anbeten: Der beste Bauzaun in Leipzig“ (weltnest.de)

„Richtig fresh fände ich es, wenn flamat auch noch den Altar designen dürfte. Die fade Fassade der Kirche könnte er ja gleich mit verzieren.

Für das, was da gestern Abend in Gohlis passiert ist, fehlen mir die Worte.

Die Facebook-Kommentare zum geplanten Flüchtlingsheim in Paunsdorf machen mir Angst.

Dass man einen Bauzaun um einen Kirchneubau nicht einfach mal nur schön finden kann, sondern das unbedingt mit allen Kirchen-Klischees und -Witzchen garnieren muss, die einem grade so einfallen, zeugt aber auch nicht gerade von Weltoffenheit.

Mir war es bisher noch nie peinlich, in Leipzig zu leben. Heute ist ein Tag, an dem ich mich fast dafür schäme.

„Ich kann nicht schwimmen, ich muss …“

Es wird mit Sicherheit noch einige Zeit brauchen, bis ich das Album Schau in den Lauf Hase von Die Höchste Eisenbahn komplett verdaut habe. Es ist ja grade erst am Freitag rausgekommen. Was ich aber schon jetzt mit Sicherheit sagen kann: es packt mich. Diese schnodderige Art, diese zuweilen herrlich albernen Arrangements (das Mundtrompeten-Solo bei „Isi“!) – vor allem aber die Texte und Melodien der Herren Wilking und Krämer gefallen mir ausnehmend gut. „Was machst Du dann“ ist bei Weitem nicht der stärkste Song der Platte, aber die erste Single:

Die Höchste Eisenbahn – Was machst du dann (Youtube)

Hier noch der Song „Aliens“ in einer Liveaufnahme aus dem Frühjahr:

Die Höchste Eisenbahn – Aliens (Youtube)

Gott – wissenschaftlich bewiesen??

Eine bemerkenswerte Nachricht geisterte im Sommer durch die Zeitungen: Wissenschaftler haben es geschafft zu beweisen, dass es Gott gibt! Sicher habe ich das jetzt sehr vereinfacht und zugespitzt formuliert, aber es trifft den Kern. Die Forscher haben eine Theorie des Wissenschaftlers Kurt Gödel unter die Lupe genommen. Gödel, ein großer Mathematiker und Logiker, hatte eine hoch komplizierte Argumentation entwickelt, der zu Folge die Existenz Gottes logisch und eindeutig sein muss. Genau diese Argumentation konnten die Forscher nun mit Hilfe eines Computerprogrammes nachvollziehen und bestätigen.

Tja, und nun?

Jubeln jetzt all die Gläubigen auf der Erde und sagen zu den Ungläubigen: ätschbätsch, wir haben Euch ja schon immer gesagt, dass es Gott gibt? Grämen sich jetzt all die Atheisten, die bislang felsenfest davon überzeugt waren, dass die Idee von einem Gott Unfug sein muss? Ich weiß nicht so recht, was ich mit dieser Nachricht vom bewiesenen Gottesbeweis anfangen soll.

Als Christ glaube ich an die Existenz Gottes. „Ich glaube“ bedeutet aber auch, dass ich das nicht rational und sachlich „wissen“ kann. Doch an ihn zu glauben erscheint mir vernünftig: ich habe schon oft in meinem Leben gespürt, dass er bei mir ist, dass ich mich an ihn wenden kann – ganz ohne wissenschaftliche Beweise. Andererseits werden doch jetzt auch nicht massenweise Atheisten in die Kirchen rennen, sich taufen lassen und plötzlich brav zu Gott beten.

Vielleicht kann man sich ja so einen Reim auf die Sache mit dem Gottesbeweis machen: wir Menschen sind einfach so. Wollen ständig verstehen, hinterfragen, nach Sinn, nach Gott suchen. Wir suchen nach ihm in unserem Alltag, bei unseren Mitmenschen, in der Natur, der Literatur, in Philosophie und Theologie – und manche eben sogar in Naturwissenschaft und mathematischen Gedankenexperimenten. Warum denn auch nicht?

Und trotzdem: wenn ich Gott wirklich in meinem Leben spüren und wahrnehmen möchte, bleibt mir auch künftig nichts anderes übrig, als an ihn zu glauben. Ich darf auch weiterhin fest darauf vertrauen, dass Gott viel größer, mächtiger und stärker ist als jede schlaue Formel.

Hinweis:
Diesen Text habe ich für das Ressort “Gesellschaft und Religion” der Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er am 4. Oktober 2013 in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

„It’s just a 100 percent us“: a conversation with Aaron Comess of Spin Doctors

A conversation with Aaron Comess of Spin Doctors about their new album “If the River Was Whiskey”, the band’s 25th anniversary and the ultimate Spin Doctors tune. By Daniel Heinze (The Spin Doctors Archive).

Aaron Comess of Spin Doctors

Daniel: First of all, congrats on all the positive reviews of „If The River Was Whiskey“. Seems like everyone loves what you guys have recorded last July: the critics as well as the fans. Did you expect all those positive reactions?

Aaron Comess: You never really go into a project thinking about that. You always hope that people are going to like it. But it has been really amazing to see all these positive reactions from the critics and from people who got the album early. We’re excited to get it out there and it’s definitely a nice feeling that it’s doing so well. These are the best reviews that we’ve ever gotten! When we first came out we were a young band, we were hip and young and all the critics loved us. But once you sell out your record, they don’t like you anymore. Now, I think it’s a great time for us. Everything’s totally real! And a lot of the critics maybe only know the band for the hits so I think some of them are pleasantly surprised (laughs).

D: One critic wrote that the band has gone „full circle“ with that new album as it goes back to the band’s blues bar roots. How does it feel to revisit and perform material that you guys wrote in the late 80s?

AC: It’s fun! It really feels totally fresh. Because, you know, it’s rock’n’roll! And good rock’n’roll or blues songs should sound good all the time. That kind of music is just so real – that’s the kind of music that always sounds fresh no matter what year it is. And the songs feel great. It’s been really cool to go back and revisit some of these really old ones and mix them with a handful of new ones – it seems to work. All of our stuff is based in blues, because that’s what rock’n’roll is. We have a lot of elements in our music: a lot of funk, we all dedicate ourselves for writing really good songs, and this is kind of the blue print to all we do! Even though it’s the blues, it’s our way of doing the blues: Chris has such a great way with lyrics, Eric’s an amazing guitar player – not a lot of guitar players could carry a whole record and there’s a lot of weight on the guitar playing on this kind of records, and he really shines …

D: … Yeah, you’re not just repeating the 12-bar blues scheme over and over again. Instead, you are mixing it with other elements and musical styles and so, the tracks get that signature Spin Doctors sound …

AC: You’re right. You can call it a blues record, sure. But I like to look at it more like a rock’n’roll record. Truthfully, we can thank you and David Landsberger! (laughs) When we were out on the Pocketfull of Kryptonite 20th anniversary tour in Europe asking people what they wanted to hear, a lot of these songs like “So Bad” or “The Drop” were all on the top of your lists of requests. When we started to play those deep cuts inside of the Kryptonite songs, and they just fit so well, it kind of opened our eyes: “Wow, this is excactly what we were doing back then, material-wise. And the truth is: we play those kind of songs a lot better now than we did back then. There’s no doubt about it!!

D: The 2013 set lists are a really cool mix of the classic stuff and the blues material …

AC: I’m loving it! It’s really helping us to put on a great live show right now!

D: Do you have a favorite cut off „If The River Was Whiskey“? If so, which track is it and why?
Weiterlesen „„It’s just a 100 percent us“: a conversation with Aaron Comess of Spin Doctors“

Mein 2012: Ein Fazit

Every Moment Can Be Joyous, London, March 2012

Zunächst: Tempo, Tempo. Hamburg, Köln, Berlin, Erfurt. Wunderbare Tage in London. Musik, Musik, Musik. Heldenstadt: mehr bloggen denn je. Konferenzen. Tagungen. Moderationen. Studium. 2zueins: Konzerte, viel Spaß im Studio, neues nimmt allmählich Form an. Bonn. Irgendwo bei Bonn. Estland: Tallin, Clowns, Cafés, Nächte ohne Dunkelheit. Helsinki. Unterwegs sein. Aufnehmen, einatmen, aufsaugen, inhalieren.
Später: Zwangsentschleunigung. Dieses Flimmern. Runterfahren, abschalten, ausatmen, loslassen. Halb so schnell. Klarkommen. Klarwerden. Kein Bock mehr. Weniger Termine, mehr Schlaf. Überhaupt: Schlaf. Herbe Verluste: Dirk Bach zum Beispiel. Nils Koppruch zum Beispiel. Mist, das.
Schließlich: Wieder Fahrt aufnehmen. Behutsam diesmal, halb so schnell, doppelt so intensiv. Weiter unterwegs sein. Weil’s das nun mal ist für mich. Dankbar sein für so viele Freunde, so viel Liebe. Viel gelernt in diesem 2012. Viel erlebt, viel gesehen und eingesehen. Warst ein gutes Jahr, 2012. Nicht trotz, sondern weil.

Every Moment Can Be Joyous, London, March 2012

Hier noch einmal meine Lieblings-Listen 2012 im Überblick:
Lieblingsalben 2012
Lieblingskonzerte 2012
Lieblingslieder 2012

Danke, werter Besucher, für’s Mitlesen, Dabeisein, Begleiten und Beobachten im Jahr 2012 – ich freue mich auf 2013 und viele neue Lieder, Bücher, Reisen, Eindrücke, Momente und Blogeinträge.

Ältere Jahresrückblicke:
2011 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2010 (Fazit, Alben, Konzerte, Lieder)
2009
2008
2006
2005
2004

Mein 2012: Lieblingslieder

The View - Tacky Tattoo (Single)

10 Some Nights – Fun.
Well, that is it guys, that is all – five minutes in and I’m bored again. Ten years of this, I’m not sure if anybody understands …

9 Frei – Wolke
Du bist alleine, so alleine, ganz allein auf dieser Welt. Niemand da, der Dir sagt, wer Du bist, denn Du bist frei.

8 Emmylou – First Aid Kit
I’ll be your Emmylou and I’ll be your June if you’ll be my Gram and my Johnny too.

7 Songs für Liam – Kraftklub
Die Welt geht vor die Hunde, Mädchen, traurig aber wahr.

6 How – Regina Spektor
Time can come and take away the pain but I just want my memories to remain: to hear your voice, to see your face, there’s not ome moment I’d erase.

5 Going Home – Leonard Cohen
He wants to write a love song, an anthem of forgiving, a manual for living with defeat. A cry above the suffering, a sacrifice recovering but that isn’t what I want him to complete.

4 Queen Of Denmark – Sinéad O’Connor
Who’s gonna be the one to save me from myself? You better bring your stun gun and perhaps a crowbar.

3 Recognize My Friend – Blues Traveler
When we meet again and the music comes in I hope I recognize my friend.

2 Das Leichteste der Welt – Kid Kopphausen
Ich lerne langsam wieder laufen und sprechen, ich gebe den Dingen einen Namen. Ich sage meine Liebe, meine Lügen, meine Hoffnung, meine Schuld, meine Leidenschaft, mein Feuer, meine Wut und meine Ungeduld, mein Nein und mein Vielleicht und mein unbedingtes Ja.

1 Tacky Tattoo – The View
Sometimes, you feel you’re not so clever when you can’t even find a melody for your song.

Meine zehn Lieblingslieder 2012 gibt’s hier als Spotify-Playlist.

Mein 2012: Lieblingskonzerte

The Cat Empire, Berlin, 2012

10 – Amarcord, Leipzig, 5. Oktober
Festkonzert zum 20. Jubiläum des Ensembles im Großen Saal des Gewandhauses. Mit einem Querschnitt aus ihrem Repertoire, von Renaissance-Madrigalen bis hin zu einer Uraufführung. Am Ende stehende Ovationen, völlig zu Recht.

9 – Kraftklub, Leipzig, 21. Oktober
Deutschlands Band des Jahres bringt das Haus Auensee zum Überlaufen. Selten ein derart euphorisches und durchgeschwitztes Publikum erlebt. Einfach nur großartig.

8 – Ray’s Guesthouse, Berlin, 24. Mai
MTV-Legende Ray Cokes mit neuer Live-Bühnen-Show im Berliner Postbahnhof. Triggerfinger performen „I Follow Rivers“, kurz bevor es zum Überraschungs-Sommerhit wurde. Außerdem dabei: Fiva und das Phantomorchester, die frisch wiedervereinten Plan B aus Berlin, Me & My Drummer, Admiral Black und Two Trick Pony. Und ein bestens aufgelegter Ray Cokes, natürlich.

7 – Sinéad O’Connor, Berlin, 19. April
Einen Tag, bevor sie einen Nervenzusammenbruch haben sollte, der zur Absage der gesamten Rest-Tour führt, sang Sinéad in Berlin. Verwundbar und aufgekratzt wie immer, sichtlich müder als nur wenige Wochen zuvor in London (siehe unten), aber immer noch in sehr guter Form. Ein bewegender Abend.

6 – Stoppok, Leipzig, 8. Dezember
Stefan Stoppok, ganz alleine im proppevollen Anker. Die vorweihnachtlichen Besuche des Barden im Leipziger Norden haben inzwischen eine gewisse Tradition, aber ganz und gar keine Routine. Stoppok ist in Spiellaune, das Publikum singt eifrig mit und am Ende, wie so oft bei Stoppok, gehen alle glücklich nach Hause.

5 – Wolke, Leipzig, 2. Juni
Gerade mal zwanzig Menschen wollten Wolke in der Moritzbastei sehen. Wenn die restlichen 500.000 Leipziger nur wüssten, was sie verpasst haben! Das Duo stellte die Songs ihres neuen Album „Für immer“ vor und sangen natürlich auch Klassiker wie „Kleine Lichter“. Ich war, ähem, auf Wolke 7.

4 – Selig, Dresden, 19. November
Muss man sich auch erstmal trauen: Selig performen ihr komplettes neues Album „Magma“, obwohl das noch keiner kennt, weil es erst im neuen Jahr kommt. Experiment geglückt: die Fans im ausverkauften Beatpol fraßen der Band aus der Hand, das neue Material hört sich fabelhaft an, und der XXL-Zugabenblock bot dann von „Ist es wichtig“ bis „Schau Schau“ alles, was der Fan sich noch gewünscht hat.

3 – Sinéad O’Connor, London, 10. März
Eines der besten Sinéad-Konzerte, die ich in meinem Leben sehen durfte. Das Publikum lag ihr zu Füßen, die neuen Songs rockten, die Künstlerin selbst war enorm gut gelaunt und legte einen Auftritt für die Ewigkeit hin. Dem euphorischen Publikums-Applaus folgten in den Tagen darauf Lobeshymnen in der britischen Musikpresse.

2 – Spin Doctors, Hamburg, Köln, Berlin, Erfurt, 22.-27. Januar
Wie schon 2011 hatte ich das Glück, die lieben Spin Doctors auf einem Teil ihrer Tour begleiten zu können. Diesmal ging’s durch Deutschland. Und es war surreal gut. Wie ich an „meinem“ ersten Abend das lang ersehnte, seit mehr als einem Jahrzehnt ungespielte „Prey To Bears“ als Zugabe gewidmet bekam. Wie die deutschen Fans die Band gefeiert haben. In Hamburg zum Beispiel. Oder wie selbst das mies besuchte Erfurt-Konzert rockte. Die Docs waren sympathisch wie immer, und für mich war das eine Deutschland-Rundfahrt der ganz besonderen Art. Hoffentlich bald wieder.

1 – The Cat Empire, Berlin, 14. Dezember
Dass die Jahresbestenlisten-Dauergäste The Cat Empire in diesem Jahr Platz 1 einnehmen, überrascht mich selbst ja am meisten. Denn das war ein starkes Konzertjahr, ohne jede Frage. Aber kein Abend war so perfekt wie diese Show in der Columbiahalle. Selbst in den Toiletten tanzten die Menschen verzückt – und trotz restlos gefüllter Halle gab es nicht einen, der nach dem Konzert genervt oder unzufrieden wirkte. Das macht den Australiern so schnell keiner nach. Kann das neues Album und die 2013er Auflage des alljährlichen Berlin-Konzertes kaum erwarten.

Mein 2012: Lieblingsalben

(umgetextete Psalmen aus dem Alten Testament zu sehr sanfter Gitarrenbegleitung)

10 Kraftklub – Mit K
Keine andere deutsche Band erlebte 2012 einen derartigen Dauerhype, keine andere deutsche Band hatte ihn aber auch dermaßen verdient. Die Chemnitzer veröffentlichten früh im Jahr „Mit K“, eine an schlauen Texten und zwingender Gitarrenarbeit wahrlich reiche Songsammlung. Das Album ging auf 1, die Band spielte gefühlt mehr Konzerte, als das Jahr Tage hatte – und selbst ein knappes Jahr nach „Mit K“ wirkt alles an dieser Band frisch und glaubwürdig.

9 Ben Kweller – Go Fly A Kite
Der Typ wirkt auch mit über 30 noch wie der seltsame Nerd aus der Parallelklasse, der in der Hofpause heimlich im Gebüsch eine raucht. Dabei ist Ben Kweller längst ein profilierter Songwriter und begnadeter Multiinstrumentalist. Nach Ausflügen in Richtung Country und ein paar Monaten Pause nun also „Go Fly A Kite“: kein einziger Füller, jeder Song geradeheraus, herzlich und einprägsam. Sachen wie „Gossip“ und „Jealous Girl“ möchte ich tagein, tagaus im Radio hören.

8 Regina Spektor – What We Saw From The Cheap Seats
Gerade mal 36 Minuten dauert das Vergnügen, das „What We Saw From The Cheap Seats“ geworden ist. Die in Moskau geborene Sängerin präsentiert auf ihrem sechsten Album eine Mischung aus neuen und alten Stücken, so hat sie etwa das grandiose „Don’t Leave Me (Ne Me Quitte Pas)“ noch einmal neu arrangiert und aufgenommen. Wieder ist es ihre famose Stimme, die mich in ihren Bann zieht. Wieder ist es das Fehlen jedweder Beiläufigkeiten oder Belanglosigkeiten, das dieses Album zu einem Genuss macht. Zum Nebenbeikonsum ganz und gar nicht geeignet.

7 Martin Rossiter – The Defenestration Of St. Martin
Spät im Jahr gesellte sich Martin Rossiter zu meinen Lieblingsalben-Machern hinzu. Der ehemalige Sänger der wunderbaren britischen Band Gene („Olympian“, „Fighting Fit“) hat nach sieben Jahren Musik-Pause ein eigenwilliges, aber bemerkenswertes Album aufgenommen. „The Defenestration Of St. Martin“ lebt über die meiste Zeit ausschließlich von Piano und Gesang, nur gelegentlich setzt der Walise andere Dinge wie Chöre oder Drums ein – immer nur dann, wenn sie ihm wirklich notwendig erscheinen. So hat er einen musikalisch sanften und lyrisch herausfordernden Liederzyklus abgeliefert, in dem ich mich in diesem Winter nur allzu gern verlieren möchte.

6 The View – Cheeky For A Reason
Da sind sie wieder, The View. Auch auf die Gefahr hin, dass meine kleine Seite irgendwann als deutsches View-Fanblog gehandelt wird: auch das 2012er Album der Schotten ist wieder ein großer Wurf. Unerwartet schnell nach dem sehr üppigen „Bread And Circuses“ veröffentlicht, geht es auf „Cheeky For A Reason“ wieder rauer und reduzierter zu, was die Produktion betrifft. Keineswegs aber beim Songwriting: diese elf famosen Popsongs haben mich durch das gesamte zweite Halbjahr 2012 begleitet, wofür ich den vier Herren zutiefst dankbar bin.

5 Dave Matthews Band – Away From The World
Mit deutlich kleinerer PR-Maschine als beim Album drei Jahre zuvor lieferte die Dave Matthews Band 2012 eine neue Platte ab. Dabei galt die schon als Sensation, ohne dass man nur einen einzigen Ton gehört haben musste. Immerhin war erstmals seit 2000 wieder Steve Lillywhite Produzent der Band; jener Mann, der auch schon U2 groß gemacht und die ersten drei DMB-Major-Releases produziert hatte – allein dieser Name sorgte für massig Vorschusslorbeeren. Was die Fans zu hören bekamen, erfüllte die fast schon unmenschlich hohen Erwartungen überraschenderweise voll und ganz. „Away From The World“ ist keine reine Song-Ansammlung, sondern eine meisterlich kompilierte musikalische Reise. Statt „Hits“ gibt’s ein fünfzigminütiges Epos wie aus einem Guss.

4 The Avett Brothers – The Carpenter
Zum zweiten Mal produziert Rick Rubin die Gebrüder Avett, und erneut geht das richtig gut. „The Carpenter“ besticht durch grandioses Songwriting zwischen Folk, Rock, Country und Pop – und die Avett Brothers singen und spielen einmal mehr, als ginge es um ihr Leben.

3 Kid Kopphausen – I
Die tragischste Veröffentlichung des Jahres. Als „I“ herauskam, waren wir alle begeistert, verzückt, ja geradezu euphorisch: Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen, a match made in heaven. Tolle Stimmen, tolle Songs, ein Gesamtkunstwerk. Und dann, lächerlich wenige Wochen nach Veröffentlichung, schläft Koppruch einfach so ein. Bis heute macht mich sein Tod ratlos und traurig. Wer weiß, ob ich „I“ jemals wieder unbeschwert und ohne Wehmut hören kann. Dabei gehört dieses Album gehört, wieder und wieder und wieder. Mach’s gut, Nils.

2 Blues Traveler – Suzie Cracks The Whip
Unerträglich lange hat es gedauert, bis Blues Traveler ein neues Album fertig hatten – immerhin vier Jahre! Das lange Warten wurde aber reich belohnt. „Suzie“ ist eine Rückkehr zur Höchstform. Ging es in der letzten Zeit doch etwas behäbig und gesetzt zu bei den Herren um John Popper, so sind sie jetzt, in ihrem 25. Bandjahr, direkter, unmittelbarer und lauter denn je. Die zahlreichen Co-Autoren, die gewitzten Produzenten und nicht zuletzt natürlich die spielfreudigen Bandmitglieder hauchen dem Projekt Blues Traveler neues Leben ein. Das beste der Band seit dem 2003er Überalbum „Truth Be Told“. Things are looking up.

1 Sinéad O’Connor – How About I Be Me (And You Be You)?
Noch länger, nämlich fünf Jahre, hat es gedauert, bis Sinéad O’Connor mal wieder mit einem neuen Album um die Ecke kommt. Waren das 2007er „Theology“ (umgetextete Psalmen aus dem Alten Testament zu sehr sanfter Gitarrenbegleitung), das 2005er „Throw Down Your Arms“ (Reggae-Cover) und das 2002er „Sean-Nos Nua“ (sanft modernisierte Irish-Folk-Standards) eher Alben für echte O’Connor-Liebhaber, so ist „How About I Be Me…“ die erste „klassische“ Pop-CD der Irin seit dem 2000er Meisterwerk „Faith And Courage“. Die Platte wirkt wie eine Essenz ihres Schaffens, stimmlich ist sie in Bestform und nach wirklich jedem Lied habe ich ein zufriedenes, glückliches Grinsen im Gesicht. Seit über 20 Jahren begleitet mich die Musik dieser Frau durch’s Leben, in diesem Jahr intensiver denn je.

Die Generation „Man müsste mal“

Klimawandel? Ja, schon mal gehört. Müsste man mal was dagegen machen.
Hunger in der Dritten Welt? Ja, da müsste man mal wieder was spenden.
Wieder Essen aus dem Kühlschrank direkt in den Müll geworfen? Ja, müsste man endlich mal anders einkaufen.

Wir sind die “Generation Man müsste mal”, klagt die Münchener Autorin und Aktivistin Claudia Langer und sagt in ihrem gleichnamigen neuen Buch klipp und klar: so kann, so darf es nicht weiter gehen! Ihr Buch ist eine Streitschrift, eine offene Anklage einer ganzen Generation.

Eine Generation, für die es normal ist, in den Urlaub zu fliegen, statt mit Auto oder Bahn zu verreisen. Eine Generation, die weiß, dass in Afrika Tag für Tag tausende Kinder verhungern, während das reiche Deutschland im Überfluss lebt und Lebensmittel einfach wegschmeißt. „Wenn wir so weiter machen, hinterlassen wir unseren Kindern eine völlig kaputte Welt“, warnt die Autorin.

Na, ist Ihnen inzwischen gründlich die Lust vergangen, weiter zu lesen? So viel Negativität hält ja keiner aus. Wo doch an dieser Stelle eigentlich immer Erbauliches, Mut machendes stehen sollte! Da vergeht einem ja die gute Laune!

Genau das will Claudia Langer aber erreichen: dass wir uns gestört fühlen bei unserem täglichen Wegschauen. Es reicht eben nicht, den Müll zu trennen, Bio-Gemüse zu kaufen, mit einer kleinen Spende vor Weihnachten das Gewissen zu beruhigen und zu hoffen, damit wäre alles in Butter. Ohne echtes Umdenken und Verzicht wird sich nichts zum Guten ändern.

Um dann doch noch etwas Positives zu schreiben: dieser Verzicht kann auch Gewinn bedeuten! Mehr Lebensqualität und Zeit für die Familie, wenn ich zum Beispiel konsequent auf Dienstreisen verzichte, die nicht unbedingt sein müssen. Auch lebe ich automatisch gesünder, wenn ich nicht jeden Tag auf Fleisch zum Mittag bestehe.

Das sind kleine, aber wichtige Schritte. Schritte, die nicht „die anderen“ zuerst gehen müssen, sondern ich selbst. Es ist ganz konkret meine Aufgabe. Als Mensch, Christ, Nachbar. Als Leipziger, Deutscher, Europäer. Ich sollte mich anrühren lassen von dieser Anklage und statt „Man müsste mal…“ endlich sagen: „Ja, ich werde alles daran setzen, diese Welt besser zu machen – auch, wenn’s mühsam wird!“

Hinweis:
Diesen Text habe ich für das Ressort “Gesellschaft und Religion” der Leipziger Volkszeitung geschrieben, in der er am 12. Oktober in der Kolumnen-Reihe “Gedanken zum Wochenende” erschienen ist.

Ab in den Knast, und gut?

Jugendliche und Politiker diskutieren bei „PolitX“ im Roncalli-Haus in Magdeburg über das Thema Strafvollzug

“Hin und wieder legen da richtig schwere Jungs, die für richtig schlimme Vergehen im Knast sitzen, ganze Lebensbeichten ab. Das ist spannend: auch Mörder oder Betrüger sind Menschen.” Rund neunzig Schüler aus Magdeburg und Schönebeck hörten gebannt zu, als Gefängnisseelsorger Pfarrer Christoph Kunz über seine Arbeit in den Justizvollzugsanstalten in Magdeburg und Burg berichtete.

Kunz war einer von vier Experten, die den jungen Menschen Ende September im Roncalli-Haus in Magdeburg das Thema Strafvollzug in Sachsen-Anhalt näher bringen wollten. Tatsächlich waren die Gymnasiasten beeindruckt: vom Seelsorger, aber auch von der Mitarbeiterin im Verband für Straffälligenhilfe, der Direktorin des Schönebecker Amtsgerichtes oder der Psychologin des Justizministeriums, die sich um die Haftbedingungen kümmert.

“Täter, Urteil, Knast und gut – Wie sinnvoll ist der Strafvollzug?” So ist die zweite Staffel des Projektes “PolitX” überschrieben. In der von Katholischem Büro Magdeburg und Roncalli-Haus gemeinsam initiierten Reihe sollen Schüler mit aktiven Landespolitikern in Kontakt kommen und so erleben, wie politische Meinungs- und Willensbildung und demokratische Strukturen funktionieren. “Da Anfang 2013 das Strafvollzugsgesetz im Land novelliert werden soll, lag das Thema für PolitX quasi auf der Hand”, erklärt Stephan Rether, Leiter des Katholischen Büros.

Politiker aller im Landtag vertretenen Parteien lassen sich auf das Experiment ein. Bei der Auftaktveranstaltung im Roncalli-Haus lernten die Schüler die Polit-Promis erstmals kennen. “Um die ganze Sache spannend zu machen, gehen die Politiker jetzt als gemischte Tandems in die Schulklassen. Also zum Beispiel eine Vertreterin der ‘Linken’ gemeinsam mit einem CDU-Abgeordneten”, erklärt Guido Erbrich, Leiter des Roncalli-Hauses in Magdeburg. “So lernen die Schüler auch, dass man trotz unterschiedlicher politischer Standpunkte gut miteinander arbeiten kann und muss.”

Dass das Thema Strafvollzug ein Volltreffer bei den jungen Leuten ist, wurde bei der Auftaktveranstaltung schnell deutlich: in kleinen Runden hatten die Jungen und Mädchen gleich etliche Fragen an die Experten und Politiker. Stephan Rether: “Das war aber erst der Anfang. Jetzt werden die Politiker in die Schulklassen kommen, aber auch die Schüler in den Landtag, um mal eine Sitzung mitzuerleben. Einige Schüler werden sicherlich auch mal ein Gefängnis besuchen, um den anderen von den Haftbedingungen berichten zu können. Begriffe wie Menschenwürde und Achtung sollen ganz konkret erlebbar werden.”

Bis Ende Januar sollen Klassen und Tandems das Thema Strafvollzug miteinander erörtern und diskutieren. Dann treffen sich Schüler, Politiker und Experten wieder im Roncalli-Haus und tauschen sich über das Erlebte und Gesehene aus. “Im besten Fall können sich die Schüler dann ihre eigene Meinung zum Thema Strafvollzug und den harten Job des Politikers bilden, und die Politiker verstehen besser, was Jugendlichen bei Politikern und Justiz wichtig ist – dann hätten wir genau das erreicht, was wir mit PolitX im Sinn hatten”, so Guido Erbrich.

Hinweis:
Dieser Text von mir ist am 7. Oktober in der katholischen Wochenzeitung „Tag des Herrn“ sowie auf der Internetseite des Bistums Magdeburg erschienen. Ich bin bei PolitX in Sachen Konzeption und Moderation beteiligt.